Gustav Schwab - Die Sieben gegen Theben
admin am Mrz 29th 2008
Engpasse, der zum Wege führen soll, ist nicht, wie euer Vater fälschlich deutete,
der Isthmus verstanden, sondern jener weitere Schlund, nämlich das dem Isthmus
zur Rechten liegende Meer. Jetzt wisset ihr den Sinn der Orakelsprüche. Was
ihr tun wollet, das tuet mit der Götter Glück!«
Als Temenos solche Auslegung vernahm, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen;
er rüstete mit seinen Brüdern eilig ein Heer aus und baute Schiffe zu Lokri,
an dem Orte, der von dieser Ausrüstung den Namen Naupaktos, das heißt Schiffswerft,
bekam. Aber auch dieser Zug sollte den Nachkommen des Herakles nicht leicht
werden und ihnen viel Kummer und Tränen kosten. Als das Heer versammelt war,
traf den jüngsten der Brüder, Aristodemos, der Blitzstrahl und machte seine
Gattin Argia, die Urenkelin des Polyneikes, zur Witwe und seine Zwillingssöhne,
Eurysthenes und Prokles zu Waisen. Als sie den Bruder bestattet und beweint
hatten und nun das Schiffsheer von Naupaktos aufbrechen wollte, fand sich ein
Seher bei demselben ein, der von den Göttern begeistert war und Orakelsprüche
erteilte. Sie aber hielten denselben für einen Zauberer und Kundschafter, der
von den Peloponnesiern zum Verderben ihres Heeres abgesandt sei. Schon lange
waren sie ihm daher aufsässig, bis Hippotes, der Sohn des Phylas, ein Urenkel
des Herakles, nach dem Seher einen Wurfspieß warf, der ihn traf und auf der
Stelle tötete. Darüber zürnten die Götter den Herakliden; die Seemacht wurde
vom Sturm überfallen und ging zugrunde; die Landtruppen wurden von einer Hungersnot
gepeinigt, und so löste sich allmählich das ganze Heer auf. Temenos befragte
auch über dieses Unglück das Orakel. »Um des Sehers willen, den ihr getötet
habt«, eröffnete ihm der Gott, »hat euch Unheil getroffen. Den Mörder sollt
ihr auf zehn Jahre des Landes verweisen und dem Dreiäugigen den Heerbefehl übertragen.«
Der erste Teil des Orakels war bald erfüllt; Hippotes wurde aus dem Heere gestoßen
und mußte in die Verbannung gehen. Aber der zweite Teil brachte die armen Herakliden
zur Verzweiflung. Denn wie und wo sollten sie einem Menschen mit drei Augen
begegnen? Indessen forschten sie unermüdlich und im Vertrauen auf die Götter
nach einem solchen. Da stießen sie auf Oxylos, Sohn des Haimon und Nachkommen
des Öneus, aus ätolischem Königsgeschlechte. Dieser hatte zu der Zeit, da die
Herakliden in den Peloponnes eingedrungen waren, einen Totschlag begangen, der
ihn aus seinem Vaterland Ätolien nach dem Ländchen Elis im Peloponnese zu flüchten
nötigte. Jetzt war er nach Jahresfrist im Begriffe, von da in seine Heimat zurückzukehren,
und begegnete auf seinem Maultiere den Herakliden. Er war aber einäugig, denn
das andere Auge hatte er sich in der Jugend mit einem Pfeile ausgestoßen. So
mußte das Maultier ihm sehen helfen, und hatten sie zusammen der Augen drei.
Die Herakliden fanden auch dieses seltsame Orakel erfüllt, wählten den Oxylos
zum Heerführer, und als auf diese Weise die Bedingung des Geschickes erfüllt
war, griffen sie mit frisch geworbenen Truppen und neu gezimmerten Schiffen
die Feinde an und töteten deren Anführer Tisamenos.
Die Herakliden teilen den Peloponnes
Nachdem die Herakliden auf solche Weise den ganzen Peloponnes erobert hatten,
errichteten sie dem Zeus, ihrem väterlichen Ahnherrn, drei Altäre, worauf sie
opferten; dann begannen sie die Städte durchs Los zu verteilen. Das erste Los
war Argos, das zweite Lakedaimon, das dritte Messene. Sie wurden einig darüber,
daß in einer Urne voll Wassers gelost werden sollte. Nun ward beschlossen, daß
jeder ein Los hineinwerfen sollte, das mit seinem Namen bezeichnet war. Da warfen
Temenos und die Söhne des Aristodemos, die Zwillinge Eurysthenes und Prokles,
bezeichnete Steine hinein, der schlaue Kresphontes aber, der am liebsten Messene
gewonnen hätte, warf eine Erdscholle in das Wasser. Diese löste sich auf. Nun
wurde bestimmt, wessen Stein zuerst aus dem Bauch der Urne gegriffen würde,
der solle Argos erhalten; der Stein des Temenos kam zum Vorschein. Dann wurde
über Lakedaimon gelost; da kam der Stein der Aristodemossöhne. Nach dem dritten
fand man überflüssig zu suchen, und so bekam Kresphontes Messene. Als sie hierauf
mit ihren Begleitern den Göttern auf ihren Altären opferten, da wurden ihnen
seltsame Zeichen zuteil; denn jeder fand auf seinem Altare ein anderes Tier.
Diejenigen, welche Argos durchs Los erhalten hatten, fanden darauf eine Kröte;
die, denen Lakedaimon zuteil geworden war, einen Drachen; die endlich, die Messene
bekommen hatten, einen Fuchs. Nachdenklich geworden über diese Zeichen, befragten
sie die einheimischen Wahrsager. Diese deuteten die Sache also: »Welche die
Kröte erhalten haben, werden am besten tun, in ihrer Stadt daheimzubleiben,
denn das Tier hat keinen Schutz auf der Wanderung; die, denen sich der Drache
auf den Altar gelagert, werden gewaltige Angreifer werden und mögen sich immerhin
über die Grenzen ihres Landes hinauswagen; die endlich, denen der Fuchs auf
ihren Altar gelegt worden, sollen es weder mit der Einfalt halten noch mit der
Gewalt: ihre Schutzwehr soll die List sein.«
Diese Tiere wurden in der Folge die Schildwappen der Argiver, Spartaner und
Messenier. Nun bedachten sie auch ihren einäugigen Führer Oxylos und gaben ihm
das Königreich Elis zum Lohne seiner Feldherrnschaft. Vom ganzen Peloponnese
aber blieb allein das bergige Hirtenland Arkadien unbesiegt durch die Herakliden.
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt