Gustav Schwab - Die Sieben gegen Theben

admin am Mrz 29th 2008

schwang sich der alte Iolaos in den Sitz. Es wurde ihm nicht leicht, mit seinen
greisen Händen das Viergespann zu bewältigen, doch trieb er es vorwärts und
war an das Heiligtum der pallenischen Athene gekommen, als er den fliehenden
Wagen des Eurystheus in der Ferne dahinstäuben sah. Da erhob er sich in seinem
Wagen und flehte zu Zeus und Hebe, der Göttin der Jugend, der unsterblichen
Gemahlin seines in den Olymp versetzten Freundes Herakles, ihm nur für diesen
Tag der Schlacht wieder Jünglingskraft zu verleihen, damit er sich an dem Feinde
des Herakles rächen könne. Da war ein großes Wunder zu schauen: zwei Sterne
senkten sich vom Himmel hernieder und setzten sich auf das Joch der Rosse, zugleich
hüllte sich der ganze Wagen in eine dichte Nebelwolke; dies dauerte nur wenige
Augenblicke, so waren Sterne und Nebel wieder verschwunden, in dem Wagen aber
stand Iolaos verjüngt, mit braunen Locken, aufrechtem Nacken, nervigen Jünglingsarmen,
in jugendfester Hand die Zügel des Viergespanns haltend. So stürmte er dahin
und erreichte den Eurystheus, als er schon die Skeironischen Felsen im Rücken
hatte, beim Eingang in ein Tal, durch welches der Argiver flüchten wollte. Eurystheus
erkannte seinen Verfolger nicht und wehrte sich von seinem Wagen herab; aber
die dem Iolaos von den Göttern verliehene Jünglingsstärke siegte, er zwang seinen
alten Gegner vom Wagen herunter, band ihn auf seinen eigenen fest und führte
ihn so als den Erstling des Sieges dem verbündeten Heere zu. Jetzt war die Schlacht
ganz gewonnen, das führerlose Heer der Argiver stürzte in wilder Flucht davon;
alle Söhne des Eurystheus und unzählige Streiter wurden erschlagen, und bald
war kein Feind auf attischem Boden mehr zu sehen.
Eurystheus vor Alkmene

Das Heer der Sieger war in Athen eingezogen, und mit Iolaos, der jetzt wieder
in seiner vorigen Greisengestalt erschien, stand der gedemütigte Verfolger des
Heldengeschlechtes, Hände und Füße mit Fesseln gebunden, vor der Mutter des
Herakles. »Kommst du endlich, Verhaßter!« rief ihm die Greisin zu, als sie ihn
vor ihren Augen stehen sah. »Hat dich nach so langer Zeit die Strafgerechtigkeit
der Götter ergriffen? Senke dein Angesicht nicht so zur Erde, sondern blicke
deinen Gegnern Aug ins Auge. Du bist also der, der meinen Sohn so viele Jahre
hindurch mit Arbeit und Schmach überhäuft, ihn ausgesandt hat, giftige Schlangen
und grimmige Löwen zu erwürgen, damit er im verderblichen Kampf erliege, ihn
hinuntergejagt in das finstere Reich des Hades, damit er dort der Unterwelt
verfiele? Und nun treibst du mich, seine Mutter, und diese Schar seiner Kinder,
soviel an dir ist, aus ganz Griechenland fort und wolltest sie von den beschirmenden
Altären der Götter hinwegreißen? Aber du bist auf Männer und eine freie Stadt
gestoßen, die dich nicht gefürchtet haben. Jetzt ist’s an dir zu sterben, und
du darfst dich glücklich preisen, wenn du nur sterben mußt. Denn da du mannigfachen
Frevel verübt hast, so hättest du auch verdient, durch mancherlei Qual einen
vielfachen Tod zu leiden!« Eurystheus wollte dem Weibe gegenüber keine Furcht
zeigen; er raffte sich zusammen und sprach mit erzwungener Kaltblütigkeit: »Du
sollst kein Wort aus meinem Munde hören, das einem Flehen gliche; ich weigere
mich nicht, zu sterben. Nur so viel sei mir vergönnt zu meiner Rechtfertigung
zu sagen, daß nicht ich es gewesen bin, der freiwillig dem Herakles als Widersacher
entgegengetreten. Hera, die Göttin, war es, die mir auftrug, diesen Kampf zu
bestehen. Alles, was ich getan habe, ist in ihrem Auftrage geschehen. Da ich
mir nun aber einmal wider Willen den mächtigen Mann und Halbgott zum Feinde
gemacht, wie hätte ich nicht darauf bedacht sein sollen, alles aufzubieten,
was mich vor seinem Zorne sicherstellen konnte? Wie hätte ich nicht nach seinem
Tode sein Geschlecht verfolgen sollen, aus welchem lauter Feinde und Rächer
ihres Vaters mir entgegenwuchsen? Tue nun mit mir, was du willst; ich verlange
nicht nach dem Tode; aber es schmerzt mich auch nicht, wenn ich das Leben verlassen
soll.« So sprach Eurystheus und schien mit Ruhe sein Schicksal zu erwarten.
Hyllos selbst sprach für seinen Gefangenen, und die Bürger Athens riefen auch
die milde Sitte ihrer Stadt an, die den überwundenen Verbrecher zu begnadigen
pflegte. Aber Alkmene blieb unerbittlich; sie gedachte aller Leiden, die ihr
unsterblicher Sohn auf Erden zu dulden hatte, solange er ein Knecht des grausamen
Königs war; ihr schwebte der Tod der geliebten Enkelin vor Augen, die sie hierher
begleitet hatte und freiwillig in den Tod gegangen war, um dem mit übergewaltiger
Heeresmacht drohenden Eurystheus den Sieg zu entreißen; sie malte sich mit grausen
Farben aus, welch Schicksal ihr selbst und allen ihren Enkeln zuteil geworden
wäre, wenn Eurystheus als Sieger und nicht als Gefangener jetzt vor ihr stände:
»Nein, er soll sterben«, rief sie, »kein Sterblicher soll diesen Verbrecher
mir entreißen!« Da kehrte sich Eurystheus zu den Athenern und sprach: »Euch,
ihr Männer, die ihr gütig für mich gebeten habt, soll mein Tod keinen Unsegen
bringen. Wenn ihr mich eines ehrlichen Begräbnisses würdiget und mich bestattet,
wo das Verhängnis mich ereilt hat, am Tempel der pallenischen Athene, so werde
ich als ein heilbringender Gast die Grenze eures Landes bewachen, daß kein Heer
sie jemals überschreiten soll. Denn wisset, daß die Nachkommen dieser Jünglinge
und Kinder, die ihr hier beschützet, euch einst mit Heeresmacht überfallen und

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