Gustav Schwab - Die Sieben gegen Theben
admin am Mrz 29th 2008
-, »daß ich nicht allein komme, sondern hinter mir eine genügende Macht, welche
deine Schützlinge bald von dieser vermeintlichen Freistätte hinwegreißen wird!«
Bei diesen Worten erhuben die Herakliden einen Klageruf, und Iolaos wandte
sich mit lauter Stimme an die Bewohner Athens: »Ihr frommen Bürger«, rief er,
»duldet es nicht, daß die Schützlinge eures Zeus mit Gewalt fortgeführt werden,
daß der Kranz, den wir als Flehende auf dem Haupte tragen, besudelt wird, daß
die Götter Entehrung und eure ganze Stadt Schmach treffe!« Auf diesen durchdringenden
Hilferuf strömten die Athener von allen Seiten auf den Markt herbei und sahen
nun erst die Schar der Flüchtlinge um den Altar sitzen. »Wer ist der ehrwürdige
Greis? Wer sind die schönen lockichten Jünglinge?« so tönte es von hundert Lippen
zugleich. Als sie vernahmen, daß es Herakles’ Söhne seien, die den Schutz der
Athener anflehten, ergriff die Bürger nicht nur Mitleid, sondern auch Ehrfurcht,
und sie befahlen dem Herolde, der bereit schien, Hand an einen der Flüchtlinge
zu legen, sich von dem Altare zu entfernen und sein Begehren bescheidentlich
dem Könige des Landes vorzutragen. »Wer ist der König dieses Landes?« fragte
Kopreus, durch die entschiedene Willensäußerung der Bürger eingeschüchtert.
»Es ist ein Mann«, war die Antwort, »dessen Schiedsrichterspruche du dich gar
wohl unterwerfen darfst. Demophoon, der Sohn des unsterblichen Theseus, ist
unser König.«
Demophoon
Es dauerte nicht lange, so hatte den König in seiner Burg die Kunde erreicht,
daß der Markt von Flüchtlingen besetzt und fremde Heeresmacht mit einem Herolde
erschienen sei, sie zurückzufordern. Er selbst begab sich auf den Markt und
vernahm aus dem Munde des Heroldes das Begehren des Eurystheus. »Ich bin ein
Argiver«, sprach zu ihm Kopreus, »und Argiver sind es, die ich wegführen will,
über die mein Herr Gewalt hat. Du wirst nicht so sinnverlassen sein, o Sohn
des Theseus, daß du, allein von ganz Griechenland, dich des ratlosen Unglückes
dieser Flüchtlinge erbarmst und zu einem Kampf um dieselben mit der Kriegsmacht
des Eurystheus und der mächtigen Bundesgenossenschaft dieses Fürsten dich entschließest!«
Demophoon war ein weiser und besonnener Mann. »Wie sollte ich«, sprach er auf
die heftige Rede des Herolds, »die Sache richtig ansehen und den Streit entscheiden
können, ehe ich beide Parteien angehört habe? Darum sprich du, Führer dieser
Jünglinge, was hast du für dein Recht zu sagen?« Iolaos, an den diese Worte
gerichtet waren, erhob sich von den Stufen des Altares, neigte sich ehrerbietig
vor dem Könige und hub an: »König, nun erfahre ich zum ersten Male, daß ich
in einer freien Stadt bin; denn hier gilt reden lassen und anhören; anderswo
aber bin ich mit meinen Schützlingen verstoßen worden, ohne daß mir Aufmerksamkeit
geschenkt worden wäre. Nun höre mich. Eurystheus hat uns aus Argos vertrieben;
keine Stunde hätten wir länger in seinem Lande verweilen dürfen. Wie kann er
nun uns noch Untertanen heißen noch als auf Argiver auf mich und diese Anspruch
machen, die er aller Untertanenrechte und dieses Namens selbst beraubt hat?
Es müßte denn derjenige, der aus Argos geflohen ist, auch ganz Griechenland
meiden müssen! Nein, wenigstens Athen nicht! Die Einwohner dieser heldenmütigen
Stadt werden die Söhne des Herakles nicht aus ihrem Lande jagen. Ihr König wird
die Schutzflehenden nicht vom Altare der Götter reißen lassen. Seid getrost,
meine Kinder; wir sind im Lande der Freiheit, ja noch mehr, wir sind bei Verwandten
angekommen. Denn wisse, König dieses Landes, daß du keine Fremdlinge beherbergest.
Dein Vater Theseus und Herakles, der Vater dieser verfolgten Söhne, waren beide
Urenkel des Pelops. Noch mehr, sie beide waren Waffenbrüder, ja, der Vater dieser
Kinder hat deinen Vater aus der Unterwelt erlöst.« Als Iolaos so gesprochen,
umfaßte er die Knie des Königes, ergriff seine Hand und sein Kinn und betrug
sich in allem, wie im Altertum ein Schutzflehender sich zu gebärden pflegte.
Der König aber hub ihn von dem Boden auf und sprach: »Dreifache Nötigung drängt
mich, deine Bitte nicht abzuweisen, o Held. Zuerst Zeus und dieser heilige Altar;
dann die Verwandtschaft und endlich die Wohltaten, die ich vom Vater her dem
Herakles schulde. Lasse ich euch vom Altare hinwegreißen, so wäre dies Land
nicht mehr das Land der Freiheit, der Götterfurcht und der Tugend! Darum, du
Herold, kehre nach Mykene zurück und melde solches deinem Herrscher. Nimmermehr
wirst du diese mit dir führen!« »Ich gehe«, sprach Kopreus und erhob drohend
seinen Heroldsstab, »aber ich komme wieder mit argivischer Heeresmacht. Zehntausend
Schildträger harren auf den Wink meines Königes: er selbst wird ihr Führer sein.
Wisse, sein Heer ist schon an deiner Grenze gelagert.« »Geh zum Hades!« sprach
Demophoon verächtlich, »ich fürchte dich und dein Argos nicht!«
Der Herold entfernte sich, und jetzt sprangen die Söhne des Herakles, eine
ganze Schar blühender Jünglinge und Knaben, freudig vom Altare auf und bewillkommten
mit Gruß und Handschlag ihren Blutsverwandten, den König der Athener, in welchem
sie ihren großmütigen Retter sahen. Iolaos führte abermals das Wort für sie
und dankte dem trefflichen Manne und den Bürgern der Stadt mit Worten voll Rührung:
»Wenn uns je wieder Heimkehr beschert ist«, sprach er, »und wenn ihr Kinder
Haus und Würden eures Vaters Herakles wieder in Besitz nehmt, so vergesset diese
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