Gustav Schwab - Die Sieben gegen Theben
admin am Mrz 29th 2008
dem Seher, der, jetzt wohl hundert Jahre alt, noch immer in Theben lebte. Er
riet ihnen, den einzigen Rettungsweg einzuschlagen, nämlich die Stadt zu verlassen,
während sie einen Herold mit Friedensaufträgen an die Argiver absendeten. Sie
gingen den Vorschlag ein, fertigten einen Abgesandten an die Feinde ab, und
während dieser unterhandelte, luden sie ihre Kinder und Frauen auf Wagen und
flohen aus der Stadt. Im Dunkel der Nacht kamen sie in eine Stadt Böotiens,
die Tilphusion hieß. Aus dem Quelle, der bei der Stadt floß, tat der blinde
Tiresias, der selbst geflüchtet war, einen kalten Trunk und starb. Noch in der
Unterwelt wurde der weise Seher ausgezeichnet. Er lief nicht gedankenlos umher
wie andere Schatten, sondern sein hoher Sinn und Seherverstand war ihm geblieben.
Seine Tochter Manto hatte die Flucht nicht geteilt; sie war in Theben zurückgelassen
worden und fiel hier den Eroberern, welche die verödete Stadt besetzten, in
die Hände. Diese hatten ein Gelübde getan, das Beste, was sie von Beute zu Theben
finden würden, dem Apollo zu weihen. Nun urteilten sie, daß dem Gotte kein Teil
der Beute besser gefallen könne als die Seherin Manto, welche die göttliche
Gabe von ihrem Vater ererbt hatte. Deswegen brachten die Epigonen dieselbe nach
Delphi und weihten sie dem Gott als Priesterin. Hier wurde sie immer vollkommener
in der Wahrsagekunst und anderer Weisheit und bald die berühmteste Seherin ihrer
Zeit. Oft sah man bei ihr einen greisen Mann aus und ein gehen, den sie herrliche
Gesänge lehrte, welche bald in ganz Griechenland widertönten. Es war der Mäonier
Homer.
1.
Mekisteus war nicht eigentlich einer der Sieben, sondern nur ein Bruder Adrasts.
Andere nennen deswegen auch statt des Euryalos den Eurypylos, oder den Polydoros,
als Sohn des Hippomedon.
Alkmaion und das Halsband
Als Alkmaion von Theben zurückgekehrt war, dachte er darauf, auch den zweiten
Teil des Orakelspruches zu erfüllen und an seiner Mutter, der Mörderin seines
Vaters, Rache zu nehmen. Seine Erbitterung gegen sie war noch gewachsen, als
er nach seiner Zurückkunft erfahren hatte, daß Eriphyle, auch ihn zu verraten,
Geschenke genommen habe. Er glaubte sie nicht länger schonen zu müssen, überfiel
sie mit dem Schwerte und ermordete sie. Dann nahm er das Halsband und den Schleier
zur Hand und verließ das elterliche Haus, das ihm ein Greuel geworden war. Aber
obgleich die Rache des Vaters ihm vom Orakel befohlen worden war, so war doch
auch wieder der Muttermord für sich ein Frevel wider die Natur, und die Götter
konnten ihn nicht ungestraft lassen. So wurde denn zur Verfolgung des Alkmaion
eine Erinnye gesandt und er mit Wahnsinn geschlagen. In diesem Zustande kam
er zuerst nach Arkadien zum Könige Oïkleus. Aber hier gönnte ihm die Rachegöttin
keine Ruhe, und er mußte weiterwandern. Endlich fand er eine Zufluchtsstätte
zu Psophis in Arkadien bei dem Könige Phegeus. Von diesem entsündigt, erhielt
er die Hand seiner Tochter Arsinoe, und die verhängnisvollen Geschenke, Halsband
und Schleier, wanderten nun in ihren Besitz. Alkmaion war jetzt zwar vom Wahnsinne
frei, der Fluch jedoch noch nicht ganz von seinem Haupte genommen, denn das
Land seines Schwähers wurde um seiner Anwesenheit willen mit Unfruchtbarkeit
heimgesucht. Alkmaion befragte das Orakel; dieses aber fertigte ihn mit dem
trostlosen Ausspruche ab: er sollte Ruhe finden, wenn er in ein Land gekommen,
das bei seiner Mutter Ermordung noch nicht vorhanden gewesen sei. Es hatte nämlich
Eriphyle sterbend jedes Land verflucht, das den Muttermörder aufnehmen würde.
Ohne Hoffnung verließ Alkmaion seine Gattin und seinen kleinen Sohn Klytios
und ging hinaus in die weite Welt. Nach langem Umherirren fand er endlich doch,
was ihm die Wahrsagung verheilen hatte. Er kam an den Strom Acheloos und fand
dort eine Insel, die dieser erst seit kurzem angesetzt hatte. Hier ließ er sich
nieder und ward von seiner Plage ganz frei. Aber die Befreiung von dem Fluche
und das neue Glück machten sein Herz übermütig; er vergaß seiner frühern Gemahlin
Arsinoe und seines kleinen Sohnes und vermählte sich mit der schönen Kallirrhoe,
der Tochter des Stromgottes Acheloos, die ihm auch bald nacheinander zwei Söhne,
Akarnan und Amphoteros, gebar. Wie aber dem Alkmaion überall der Ruf von den
unschätzbaren Kleinodien voranging, in deren Besitze man ihn glaubte, so fragte
auch seine junge Gemahlin gar bald nach dem herrlichen Halsband und Schleier.
Diese Schätze jedoch hatte Alkmaion in den Händen seiner ersten Gattin gelassen,
als er diese heimlich verließ. Nun sollte seine neue Gemahlin nichts von jenem
früheren Ehebund erfahren; so erdichtete er einen Ort in der Ferne, wo er die
Kostbarkeiten aufgehoben hätte, und machte sich anheischig, ihr dieselben zu
holen. Da wanderte er denn nach Psophis zurück, trat wieder vor seinen ersten
Schwiegervater und seine verstoßene Gattin und entschuldigte sich wegen seiner
Entfernung mit einem Reste von Wahnsinn, der ihn ausgetrieben habe und noch
immer verfolge. »Frei vom Fluche zu werden und wieder zurückzukehren«, sprach
der Falsche, »gibt es, wie mir geweissagt ist, nur ein Mittel: wenn ich das
Halsband und den Schleier, die ich dir geschenkt habe, dem Gott nach Delphi
als Weihgeschenk bringe.« Durch diese Trugworte ließen Phegeus und seine Tochter
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