Gustav Schwab - Die Sieben gegen Theben

admin am Mrz 29th 2008

Braut bejammernd und des Vaters Untat verfluchend. Inzwischen war dieser vor
der Kluft angekommen und wandelte tief aufseufzend durch die offene Türe hinein.
›Unseliger Knabe‹, rief er, ›auf was sinnest du? Was droht uns dein verirrter
Blick? Komm heraus zu deinem Vater! Flehend, auf den Knien liegend, beschwöre
ich dich!‹ Doch der Sohn starrte ihn in Verzweiflung an und riß ohne Antwort
sein zweischneidiges Schwert aus der Scheide; der Vater stürzte zu dem Gewölbe
hinaus und entwich dem Stoße. Hierauf bückte der unglückselige Haimon sich über
den Stahl und trieb ihn tief durch seine Seite. Er sank, aber noch sinkend schlang
er seinen Arm fest um die Leiche der Braut und liegt jetzt tot, wie er die Tote
gefaßt hatte, in der Grabeshöhle.« Eurydike hörte diese Botschaft schweigend
an und enteilte dann, ohne ein gutes oder böses Wort zu sprechen. Dem verzweifelnden
Könige, der von Dienern begleitet, welche die Leiche seines einzigen Sohnes
trugen, jammernd in den Palast zurückkehrte, kam die Nachricht entgegen, daß
im Innern des Hauses seine Gemahlin entseelt in ihrem Blute liege, mit einer
tiefen Schwertwunde im Herzen.
Bestattung der thebanischen Helden

Vom ganzen Stamme des Ödipus war jetzt, außer zwei Söhnen der gefallenen Brüder,
nur noch Ismene übrig. Von ihr erzählt die Sage nichts; sie starb unvermählt
oder kinderlos, und mit ihrem Tode erlosch das unselige Geschlecht. Von den
sieben Helden, die gegen Theben ausgezogen waren, entkam dem unglücklichen Sturme
und der letzten Schlacht der König Adrastos allein, den sein unsterbliches Roß
Arion, von Poseidon und Demeter erzeugt, auf geflügelter Flucht rettete. Er
erreichte glücklich Athen, nahm dort seine Zuflucht als Schutzflehender an den
Altar der Barmherzigkeit und beschwor, einen Ölzweig in der Hand, die Athener,
ihn zu unterstützen, daß er die vor Theben gefallenen Helden und Mitbürger zu
ehrlicher Bestattung sich erstreiten könnte. Die Athener erhörten seinen Wunsch
und zogen unter Theseus mit ihm zu Felde. Die Thebaner wurden gezwungen, die
Beerdigung zu gestatten. Nun errichtete Adrastos den Leichnamen der gefallenen
Helden sieben getürmte Scheiterhaufen und hielt am Asopos, dem Apollo zu Ehren,
ein Wettrennen. Als der Scheiterhaufen des Kapaneus brannte, stürzte sich seine
Gattin, Euadne, des Iphis Tochter, hinein und verbrannte zugleich mit ihm. Der
Leichnam des Amphiaraos, den die Erde verschlungen hatte, war nicht zum Begräbnisse
aufgefunden worden. Es schmerzte den König, seinem Freunde diese letzte Ehre
nicht bezeigen zu können. »Ich vermisse«, sprach er, »das Auge meines Heeres,
den Mann, der beides war, der trefflichste Seher und der tapferste Kämpfer im
Streit!« Als die feierliche Bestattung vorüber war, errichtete Adrastos der
Nemesis oder Vergeltung einen schönen Tempel vor Theben und zog mit seinen Bundesgenossen,
den Athenern, wieder aus dem Lande.
Die Epigonen

Zehn Jahre nachher entschlossen sich die Söhne der vor Theben umgekommenen
Helden, Epigonen oder Nachkömmlinge genannt, zu einem neuen Feldzuge gegen diese
Stadt, den Tod ihrer Väter zu rächen. Es waren ihrer acht: Alkmaion und Amphilochos,
die Söhne des Amphiaraos, Aigialeus, der Sohn Adrasts, Diomedes, der Sohn des
Tydeus, Promachos, des Parthenopaios Sohn, Sthenelos, der Sohn des Kapaneus,
Thersander, des Polyneikes, und Euryalos, des Mekisteus1) Sohn. Auch der alte
König Adrastos, aus dem Kampfe der Väter allein noch übrig, gesellte sich zu
ihnen, übernahm jedoch den Oberbefehl nicht, sondern wollte ihn einem jüngeren
und rüstigeren Helden lassen. Da befragten die Verbündeten das Orakel des Apollo
darüber, wen sie zum Anführer wählen sollten. Dieses bezeichnete ihnen den Alkmaion,
des Amphiaraos Sohn. Also ward Alkmaion von ihnen zum Feldherrn gewählt. Er
aber war ungewiß, ob er diese Würde annehmen dürfte, bevor er den Vater gerächt;
deswegen ging auch er hin zum Gotte und befragte das Orakel. Apoll antwortete
ihm, er solle beides ausführen. Seine Mutter Eriphyle war bisher nicht nur im
Besitze des verderblichen Halsbandes gewesen, sie hatte sich auch das zweite
unheilbringende Geschenk Aphroditens, den Schleier, zu verschaffen gewußt. Thersander,
der Sohn des Polyneikes, der den Schleier als Erbe besaß, hatte ihn ihr, wie
einst sein Vater das Halsband, geschenkt und sie damit bestochen, daß sie ihren
Sohn Alkmaion überreden sollte, an dem Feldzuge gegen Theben teilzunehmen. Dem
Orakelspruche gehorsam, übernahm Alkmaion den Oberbefehl und verschob seine
Rache auf die Heimkehr. Er brachte nicht nur aus Argos selbst ein ansehnliches
Heer zusammen, sondern viel kampflustige Krieger aus den Nachbarstädten vereinigten
sich mit ihm, und nun führte er eine ansehnliche Streitmacht unter Thebens Tore.
Hier erneuerte sich durch die Söhne der hartnäckige Kampf, wie er zehn Jahre
früher von den Vätern gekämpft worden war. Aber die Söhne waren glücklicher
als die Väter, und der Sieg entschied sich für Alkmaion. In der Hitze des Streites
fiel nur einer der Epigonen, Aigialeus, der Sohn des Königs Adrastos, welchen
der Anführer der Thebaner, Laodamas, des Eteokles Sohn, mit eigener Hand tötete,
dafür aber von Alkmaion, dem Feldherrn der Epigonen, erschlagen wurde. Nach
dem Verluste ihres Führers und vieler Mitbürger verließen die Thebaner das Schlachtfeld
und flohen hinter ihre Mauern zurück. Hier suchten sie Rat bei dem blinden Tiresias,

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