Gustav Schwab - Die Sieben gegen Theben
admin am Mrz 29th 2008
Sechstes Buch
Die Sieben gegen Theben
Polyneikes und Tydeus bei Adrast
Adrastos, der Sohn des Talaos, König von Argos, hatte fünf Kinder, darunter
zwei schöne Töchter, Argia und Deïpyle. Über diese war ihm ein seltsamer Orakelspruch
geworden: er werde dieselben dereinst einem Löwen und einem Eber zu Gemahlinnen
geben. Vergebens besann sich der König, welchen Sinn dieses dunkle Wort haben
könnte, und als die Mägdlein herangewachsen waren, gedachte er sie so zu vermählen,
daß die ängstliche Wahrsagung auf keine Weise erfüllt werden könnte. Aber das
Götterwort sollte nicht zuschanden werden. Von zweierlei Seiten kamen zwei Flüchtlinge
durch Argos’ Tore. Aus Theben war Polyneikes von seinem Bruder Eteokles verjagt
worden; Tydeus, des Öneus Sohn, war aus Kalydon geflohen, wo er auf der Jagd
einen Verwandtenmord, nicht absichtlich, verübt hatte. Beide Flüchtlinge trafen
sich vor dem Königspalaste von Argos. In der Dunkelheit der Nacht hielten sie
sich für Feinde und gerieten miteinander ins Handgemenge. Adrastos hörte das
Waffengetümmel unter seiner Burg, stieg bei Fackelschein von ihr herab und trennte
die Streitenden. Als ihm nun zur Rechten und zur Linken je einer der Helden
stand, die noch eben miteinander gekämpft hatten, so erstaunte der König wie
vor einem plötzlichen Gesichte, denn von dem Schilde des Polyneikes blickte
ihm ein Löwenhaupt, von dem des Tydeus starrte ihm ein Eberkopf entgegen. Der
erstere trug solches Abzeichen auf dem Schilde zu Ehren des Herakles, der andere
hatte sich das Wappen zum Andenken an die Jagd des Kalydonischen Ebers und Meleagers
gewählt. Adrastos sah jetzt die Deutung jenes dunkeln Orakelwortes vor sich,
und aus den Flüchtlingen wurden ihm Schwiegersöhne.
Polyneikes erhielt die Hand der älteren Tochter, Argia; die jüngere Tochter,
Deïpyle, wurde dem Tydeus zuteil. Beiden gab er zugleich das Versprechen, sie
in ihre väterlichen Reiche, aus denen sie vertrieben waren, wieder einzuführen.
Zuerst wurde der Feldzug gegen Theben beschlossen, und Adrastos sammelte seine
Helden, sieben Fürsten, ihn selbst einbegriffen, mit sieben Scharen um sich.
Ihre Namen waren Adratos, Polyneikes, Tydeus; Amphiaraos und Kapaneus, der erste
der Schwestergemahl Adrasts, der andere ein Schwestersohn; endlich seine zwei
Brüder, Hippomedon und Parthenopaios. Aber Amphiaraos, der Schwager des Königs,
der früher lange sein Feind gewesen, war ein Prophet, und als solcher sah er
den unglückseligen Ausgang des ganzen Feldzuges voraus. Nachdem er nun sich
vergebens bemüht hatte, den Adrastos und die übrigen Helden von ihrem Vorhaben
abwendig zu machen, suchte er einen Schlupfwinkel auf, den nur seine Gemahlin,
Eriphyle, die Schwester des Königes, kannte, und verbarg sich dort aufs sorgfältigste.
Lange suchten ihn die Helden vergebens, und ohne ihn, den er das Auge seines
Heeres zu nennen pflegte, wagte Adrast den Feldzug nicht zu unternehmen. Nun
hatte Polyneikes, als er aus Theben flüchtig werden mußte, das Halsband und
den Schleier mitgenommen, die unglückbringenden Geschenke, die einst Aphrodite
der Harmonia zu ihrem Beilager mit Kadmos, dem Gründer Thebens, verehrt hatte
und die jedem, der sie trug, das Verderben brachten. Diese Gaben hatten auch
wirklich schon der Harmonia selbst, der Semele, der Mutter des Bakchos, und
der Iokaste den Untergang gebracht. Zuletzt hatte sie Argia, die Gemahlin des
Polyneikes, die auch unglücklich werden sollte, besessen, und jetzt beschloß
ihr Gemahl, mit einem derselben, dem Halsbande, die Eriphyle zu bestechen, daß
sie ihm und seinen Kampfgenossen den Aufenthalt ihres Gatten verriete. Als das
Weib, das längst die Nichte um den herrlichen Schmuck, den ihr der Fremdling
zugebracht, beneidet hatte, die funkelnden Edelsteine und Goldspangen an dem
Halsbande sah, konnte sie der Lockung nicht widerstehen, hieß den Polyneikes
folgen und zog den Amphiaraos aus seiner Zufluchtsstätte hervor. Jetzt konnte
dieser der Anschließung an den Feldzug um so weniger entgehen, als er schon
früher, da er sich mit dem Adrastos ausgesöhnt und von ihm die Schwester zur
Ehe erhalten hatte, das Versprechen gegeben, bei jeder künftigen Streitigkeit
mit dem Schwager die Entscheidung seiner Gattin zu überlassen. Er tat seine
Rüstung an und sammelte seine Krieger. Bevor er jedoch auszog, rief er seinen
Sohn Alkmaion zu sich und verpflichtete diesen mit einem heiligen Schwure, ihn
nach seinem Tode, sobald derselbe kundbar würde, an der treulosen Mutter zu
rächen.
Auszug der Helden, Hypsipyle und Opheltes
Auch die übrigen Helden rüsteten sich, und bald hatte Adrastos ein gewaltiges
Heer um sich versammelt, das, in sieben Heerhaufen abgeteilt und von sieben
Helden befehligt, unter dem Schalle der Zinken und Trompeten jauchzend und voll
Hoffnung die Stadt Argos verließ. Aber schon auf dem Wege stellte sich das Unglück
ein. Sie waren in den Wald von Nemea gelangt, wo alle Quellen, Flüsse und Seen
ausgetrocknet waren und des Tages Hitze mit brennendem Durste sie quälte. Panzer
und Schilde wurden ihnen zu schwer; der Staub, der sich von dem Zug auf der
Straße erhob, setzte sich ihnen auf den dürren Gaumen, selbst ihren Rossen trocknete
der Schaum von dem Maule hinweg, und sie bissen knirschend mit trockenen Nüstern
in den Zaum. Während nun Adrastos nebst einigen Kriegern vom Heere vergebens
nach Quellen die Waldungen durchirrte, stießen sie auf einmal auf ein trauerndes
Weib von seltener Schöne, das einen Knaben an der Brust, mit wallenden Haaren
und in ärmlicher Kleidung, doch mit königlicher Miene, unter dem Schatten eines
Baumes saß. Der überraschte König glaubte nicht anders, als eine Nymphe des
Waldes vor sich zu sehen, warf sich vor ihr auf ein Knie und flehte sie für
sich und die Seinigen um Rettung aus der Not an, mit welcher der Durst sie bedrohe.
Aber die Frau antwortete mit gesenktem Auge und demütiger Stimme: »Fremdling,
ich bin keine Göttin; du magst, wie dein herrliches Aussehen mich vermuten läßt,
von Göttern stammen; wenn an mir etwas Übermenschliches, so muß es nur mein
Leiden sein, denn ich habe mehr geduldet, als sonst Sterblichen zu leiden auferlegt
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