Gustav Schwab – Die Sagen Trojas

admin am Okt 13th 2011


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auszubrechen. Menelaos begab sich mit dieser Schreckensnachricht zu seinem Bruder
in das Feldherrnzelt, stellte ihm die Folgen seiner Entschließung, die Schmach,
die ihn, den Menelaos, treffen würde, wenn sein geraubtes Weib Helena in Feindeshänden
bleiben sollte, vor und bot so beredt alle Gründe auf, daß endlich Agamemnon
sich entschloß, den Greuel geschehen zu lassen. Er sandte an seine Gemahlin
Klytämnestra nach Mykene eine briefliche Botschaft, welche ihr befahl, die Tochter
Iphigenia zum Heere nach Aulis zu senden, und bediente sich, um diesem Gebote
Gehorsam zu verschaffen, des in der Not erdichteten Vorwandes, die Tochter solle,
noch bevor das Heer der trojanischen Küste zusegle, mit dem jungen Sohne des
Peleus, dem herrlichen Phthierfürsten Achill, von dessen geheimer Vermählung
mit Deïdameia niemand wußte, verlobt werden. Kaum aber war der Bote fort, so
bekam in Agamemnons Herzen das Vatergefühl wieder die Oberhand. Von Sorgen gequält
und voll Reue über den unüberlegten Entschluß, rief er noch in der Nacht einen
alten vertrauten Diener und übergab ihm einen Brief an seine Gemahlin Klytämnestra
zur Bestellung; in diesem stand geschrieben, sie sollte die Tochter nicht nach
Aulis schicken, er, der Vater, habe sich eines andern besonnen, die Vermählung
müsse bis aufs nächste Frühjahr aufgeschoben werden. Der treue Diener eilte
mit dem Briefe davon, aber er erreichte sein Ziel nicht. Noch ehe er vor der
Morgendämmerung das Lager verließ, ward er von Menelaos, dem die Unschlüssigkeit
des Bruders nicht entgangen war, der ebendeswegen alle seine Schritte überwacht
hatte, ergriffen, der Brief ihm mit Gewalt entrissen und sofort von dem jüngern
Atriden erbrochen. Das Blatt in der Hand, trat Menelaos abermals in das Feldherrnzelt
des Bruders. »Es gibt doch«, rief er ihm unwillig entgegen, »nichts Ungerechteres
und Ungetreueres als den Wankelmut! Erinnerst du dich denn gar nicht mehr, Bruder,
wie begierig du nach dieser Feldherrnwürde strebtest, wie du vor übel verheimlichter
Lust branntest, das Heer vor Troja zu führen? wie demütig du dich da gegen alle
griechischen Fürsten gebärdetest, wie gnädig du jedem Danaer die Rechte schütteltest?
Deine Tür war stets unverschlossen; jedem, auch dem Untersten des Volkes, schenktest
du Zutritt, und alle diese Geschmeidigkeit bezweckte nichts anderes, als dir
jene Würde zu verschaffen. Aber als du nun Herr geworden warest, da war alles
bald anders; da warst du nicht mehr deiner alten Freunde Freund wie vorher;
zu Hause warst du schwer zu treffen, draußen bei dem Heere zeigtest du dich
nur selten. So sollte es ein Ehrenmann nicht machen; er sollte am meisten dann
sich unveränderlich gegen seine Freunde zeigen, wenn er ihnen am meisten nützen
kann! Du hingegen, wie hast du dich betragen? Als du mit dem Griechenheere nach
Aulis gekommen warest und, vom göttlichen Geschicke heimgesucht, vergebens auf
Fahrwind hofftest und nun im Heere rings der Ruf sich hören ließ: ›Laßt uns
davonsegeln und nicht vergebens in Aulis uns abmühen!‹, wie zerstört und trostlos
blickte da dein Auge umher und wie wußtest du mitsamt deinen Schiffen keinen
Rat! Damals beriefst du mich und verlangtest nach einem Auswege, deine schöne
Feldherrnwürde nicht zu verlieren. Und als hierauf der Seher Kalchas befahl,
anstatt eines Opfers der Artemis deine Tochter darzubringen, da gelobtest du
nach kurzem Zuspruche freiwillig deines Kindes Opferung und schicktest Botschaft
an dein Weib Klytämnestra, deine Tochter, wie du angabst, als Braut des Achill,
herzusenden. Und jetzt, o Schande, beugst du doch wieder aus und verfassest
eine neue Schrift, durch welche du erklärst, des Kindes Mörder nicht werden
zu können? Aber freilich, tausend andern ist es schon so gegangen wie dir. Rastlos,
bis sie ans Ruder gelangt sind, treten sie später schimpflich zurück, wenn es
gilt, das Ruder mit Aufopferung zu lenken! Und doch taugt keiner zum Heeresfürsten
und Staatenlenker, der nicht Einsicht und Verstand hat und dieselben auch in
den schwierigsten Lagen des Lebens nicht verliert!«

Solche Vorwürfe aus dem Munde des Bruders waren nicht geeignet, das Herz Agamemnons
zu beruhigen. »Was schnaubst du so schrecklich«, entgegnete er ihm, »was ist
dein Auge wie mit Blut unterlaufen? Wer beleidigt dich denn? Was vermissest
du denn? Deine liebenswürdige Gattin Helena? Ich kann sie dir nicht wieder verschaffen!
Warum hast du deines Eigentums nicht besser wahrgenommen? Bin ich denn töricht,
wenn ich einen Mißgriff durch Besinnung wiedergutgemacht habe? Viel eher handelst
du unvernünftig, der du aufs neue nach der Hand eines falschen Weibes trachtest,
anstatt daß du froh sein solltest, ihrer losgeworden zu sein. Nein, nimmermehr
entschließe ich mich, gegen mein eigenes Blut zu wüten. Weit besser stände dir
selbst die gerechte Züchtigung deines buhlerischen Weibes an.«

So haderten die Brüder miteinander, als ein Bote vor ihnen erschien und dem
Fürsten Agamemnon die Ankunft seiner Tochter Iphigenia meldete, der die Mutter
und sein kleiner Sohn Orestes auf dem Fuße folgten. Kaum hatte der Bote sich
wieder entfernt, so überließ sich Agamemnon einer so trostlosen und herzzerreißenden
Verzweiflung, daß Menelaos selbst, der bei Ankunft der Botschaft auf die Seite
getreten war, jetzt sich dem Bruder wieder näherte und nach seiner rechten Hand
griff. Agamemnon reichte sie ihm wehmütig dar und sprach unter heißen Tränen:
»Da hast du sie, Bruder; der Sieg ist dein! Ich bin vernichtet!« Menelaos dagegen
schwor ihm, von der alten Forderung abstehen zu wollen; ja er ermahnte ihn selbst
jetzt, sein Kind nicht zu töten, und erklärte einen guten Bruder um Helenas
willen nicht verderben und nicht verlieren zu wollen. »Bade doch dein Angesicht
nicht länger in Tränen«, rief er. »Gibt der Götterspruch mir Anteil an deiner
Tochter, so wisse, daß ich denselben ausschlage und meinen Teil dir abtrete!
Wundre dich nicht, daß ich von der Heftigkeit meiner natürlichen Gemütsart umgekehrt
bin zur Bruderliebe; denn biedern Mannes Weise ist es, der bessern Überzeugung
zu folgen, sobald sie in unserm Herzen die Oberhand gewinnt!«

Agamemnon warf sich dem Bruder in den Arm, doch ohne über das Geschick seiner
Tochter beruhigt zu sein. »Ich danke dir«, sprach er, »lieber Bruder, daß uns
gegen Verhoffen dein edler Sinn wieder zusammengeführt hat. Über mich aber hat
das Schicksal entschieden. Der blutige Tod der Tochter muß vollzogen sein: das
ganze Griechenland verlangt ihn; Kalchas und der schlaue Odysseus sind einverstanden;
sie werden das Volk auf ihrer Seite haben, dich und mich ermorden und mein Töchterlein
abschlachten lassen. Und flöhen wir gen Argos, glaube mir, sie kämen und rissen
uns aus den Mauern hervor und schleiften die alte Zyklopenstadt! Deswegen beschränke
dich darauf, Bruder, wenn du in das Lager kommst, darüber zu wachen, daß meine
Gemahlin Klytämnestra nichts erfahre, bis daß mein und ihr Kind dem Orakelspruch
erlegen ist!«

Die herannahenden Frauen unterbrachen das Gespräch der Brüder, und Menelaos
entfernte sich in trüben Gedanken.

Die Begrüßung der beiden Gatten war kurz und von Agamemnons Seite frostig und
verlegen; die Tochter aber umschlang den Vater mit kindlicher Zuversicht und
rief. »O Vater, wie entzückt mich dein lang entbehrtes Angesicht!« Als sie ihm
hierauf näher in sein sorgenvolles Auge sah, fragte sie zutraulich: »Warum ist
dein Blick so unruhig, Vater, wenn du mich doch gerne siehst?« »Laß das, Töchterchen«,
erwiderte der Fürst mit beklommenem Herzen; »den König und den Fürsten kümmert
gar vielerlei!« »So verbanne doch diese Furchen«, sprach Iphigenia, »und schlage
ein liebendes Auge zu deiner Tochter auf! Warum ist es denn so von Tränen angefeuchtet?«
»Weil uns eine lange Trennung bevorsteht«, erwiderte der Vater. »O wie glücklich
wäre ich«, rief das Mädchen, »wenn ich deine Schiffsgefährtin sein dürfte!«
»Nun, auch du wirst eine Fahrt anzutreten haben«, sagte Agamemnon ernst, »zuvor
aber opfern wir noch ein Opfer, bei dem du nicht fehlen wirst, liebe Tochter!«
Die letzten Worte erstickten unter Tränen, und er schickte das ahnungslose Kind
in das für sie bereitgehaltene Zelt zu den Jungfrauen, die in ihrem Gefolge
gekommen waren. Mit der Mutter mußte der Atride seine Unwahrheit fortsetzen
und die fragende, neugierige Fürstin über Geschlecht und Verhältnisse des ihr
zugedachten Bräutigams unterhalten. Nachdem sich Agamemnon von der Gemahlin
losgemacht, begab er sich zu dem Seher Kalchas, um mit diesem das Nähere wegen
des unvermeidlichen Opfers zu verabreden.

Derweilen mußte der tückische Zufall Klytämnestra im Lager mit dem jungen Fürsten
Achill, der den Heerführer Agamemnon aufsuchte, weil seine Myrmidonen den längern
Verzug nicht ertragen wollten, zusammenführen, und sie nahm keinen Anstand,
ihn als den künftigen Eidam mit freundlichen Worten zu begrüßen. Aber Achill
trat verwundert zurück. »Von welcher Hochzeit redest du, Fürstin?« sprach er.
»Niemals habe ich um dein Kind gefreit, nie ist ein Einladungswort zur Vermählung
von deinem Gemahl Agamemnon an mich gelangt!« So begann das Truggewebe vor Klytämnestras
Augen aufgedeckt zu werden, und sie stand unentschlossen und voll Beschämung
vor Achill. Dieser aber sagte mit jugendlicher Gutmütigkeit: »Laß dich’s nicht
kümmern, Königin; wenn auch jemand seinen Scherz mit dir getrieben hätte, nimm
es leicht, und verzeih mir, wenn mein Erstaunen dir wehe getan hat.« Und so
wollte er mit ehrerbietigem Gruße davoneilen, den Feldherrn aufzusuchen: da
öffnete eben ein Diener das Zelt Agamemnons und rief mit verstörter Miene den
beiden Sprechenden entgegen; es war der vertraute Sklave Agamemnons und Klytämnestras,
den Menelaos mit dem Briefe ergriffen hatte. »Höre«, sprach er leise, doch atemlos,
»was dir dein treuer Diener zu vertrauen hat: deine Tochter will der Vater eigenhändig
töten!« Und nun erfuhr die zitternde Mutter das ganze Geheimnis aus dem Munde
des getreuen Sklaven. Klytämnestra warf sich dem jungen Sohne des Peleus zu
Füßen, und seine Knie wie eine Schutzflehende umfassend, rief sie: »Ich erröte
nicht, so vor dir im Staube zu liegen, ich, die Sterbliche, vor dem Göttersprößling.
Weiche, Stolz, vor der Mutterpflicht! Du aber, o Sohn der Göttin, rette mich
und mein Kind von der Verzweiflung! Dir, als ihrem Gatten, habe ich sie bekränzt
hierhergeführt; zwar eitlerweise, dennoch heißest du mir meines Mädchens Bräutigam!
Bei allem, was dir teuer ist, bei deiner göttlichen Mutter beschwöre ich dich,
hilf sie mir jetzt retten. Sieh, ich habe keinen Altar, zu dem ich flüchten
könnte, als deine Knie! Du hast Agamemnons grausames Unterfangen gehört; du
siehest, wie ich, ein wehrloses Weib, in die Mitte eines gewalttätigen Heeres
eingetreten bin! Breite über uns deinen Arm aus, so ist uns geholfen!«

Achill hob die vor ihm liegende Königin voll Ehrfurcht vom Boden und sprach:
»Sei getrost, Fürstin! Ich bin in eines frommen, hilfreichen Mannes Haus aufgezogen
worden; am Herde Chirons habe ich schlichte, redliche Sinnesart gelernt. Ich
gehorche den Söhnen des Atreus gerne, wenn sie mich zum Ruhme führen; aber schnödem
Befehle gehorche ich nicht. Darum will ich dich schützen, soweit es den Armen
eines Jünglings möglich ist, und nimmermehr soll deine Tochter, die einmal mein
genannt wurde, von ihrem Vater hingewürgt werden. Ich selbst erschiene mir nicht
unbefleckt, wenn meine erlogene Brautschaft dieses Kind verdürbe, ich käme mir
wie der feigste Wicht im Heere und wie der Sohn eines Missetäters vor, wenn
mein Name deinem Gemahl zum Vorwand eines Kindesmordes dienen könnte.« »Ist
das wirklich dein Wille, edler, mitleidiger Fürst«, rief Klytämnestra, außer
sich vor Freude, »oder erwartest du vielleicht noch, daß auch meine Tochter
deine Knie als Schutzflehende umschlingen soll? Zwar ist es nicht jungfräulich;
aber wenn es dir gefällt, so wird sie züchtiglich nahen, wie es einer Freigebornen
ziemt.« »Nein«, entgegnete ihr Achill, »führe dein Mädchen nicht vor mein Angesicht,
damit wir nicht in Verdacht und üble Nachrede kommen, denn ein so großes Heer,
das keine Heimatsorgen hat, liebt faules Geschwätz; aber vertraue mir, ich habe
nie gelogen. Möge ich selbst sterben, wenn ich dein Kind nicht rette.« Mit dieser
Versicherung verließ der Sohn des Peleus Iphigenias Mutter, die jetzt mit unverhehltem
Abscheu vor ihren Gatten Agamemnon trat. Dieser, der nicht wußte, daß der Gemahlin
das Geheimnis verraten war, rief ihr die zweideutigen Worte entgegen: »Entlaß
jetzt dein Kind aus dem Zelte und übergib es dem Vater, denn Mehl und Wasser
und das Opfer, das unter dem Stahle vor dem Hochzeitsfest fallen soll, alles
ist schon bereit.« »Vortrefflich«, rief Klytämnestra, und ihr Auge funkelte,
»tritt selbst aus unserem Zelte hervor, o Tochter, du kennst ja gründlich deines
Vaters Willen, nimm auch deinen kleinen Bruder Orestes mit heraus!« Und als
die Tochter erschienen war, fuhr sie fort: »Siehe, Vater, hier steht sie dir
zu Gehorsam da, laß auch mich zuvor ein Wort an dich richten: sage mir ohne
Winkelzüge, willst du meine und deine Tochter umbringen?« Lange stand der Feldherr
lautlos da, endlich rief er in Verzweiflung aus: »O mein Schicksal, mein böser
Geist! Aufgedeckt ist mein Geheimnis, alles ist verloren!« »So höre mich denn«,
sprach Klytämnestra weiter; »ich will mein ganzes Herz vor dir ausschütten.
Mit einem Verbrechen hat unsre Ehe begonnen; du hast mich gewaltsam entführt,
hast meinen früheren Gatten erschlagen, mein Kind mir von der Brust genommen
und getötet. Schon zogen meine Brüder Kastor und Pollux auf ihren Rossen mit
Heeresmacht gegen dich heran. Mein alter Vater Tyndareos war es, der dich, den
Flehenden, rettete, und so wurdest du aufs neue mein Gemahl. Du selbst wirst
es bezeugen, daß ich tadellos in diesem Ehebunde war, deine Wonne im Hause und
dein Stolz draußen. Drei Mädchen und diesen Sohn habe ich dir geboren, und nun
willst du des ältesten Kindes mich berauben; und fragt man dich, warum, so antwortest
du: damit dem Menelaos seine Ehebrecherin wieder zuteil werde! O zwinge mich
nicht, bei den Göttern, schlecht gegen dich zu werden, und sei nicht schlecht
gegen mich! Du willst deine Tochter opfern? Welch Gebet willst du dabei sprechen,
was willst du dir beim Tochtermord erflehen? Eine unglückselige Rückkehr, so
wie du jetzt schmählich von Hause wegziehst? Oder soll ich etwa Segen für dich
erbitten? Müßte ich doch die Götter selbst zu Mördern machen, wenn ich es täte!
Warum soll es denn dein eigenes Kind sein, das als Opfer fällt? Warum sprichst
du nicht zu den Griechen: ›Wenn ihr vor Troja schiffen wollet, so werfet das
Los darüber, wessen Tochter sterben soll.‹ Nun soll ich, deine treue Gattin,
mein Kind verlieren, während er, dessen Sache ausgefochten wird, Menelaos, seiner
Tochter Hermione sich ohne Sorgen erfreuen darf, während seine treulose Gattin
dieses Kind in Spartas Pflege geborgen weiß! Antworte, ob ich ein einziges ungerechtes
Wort gesagt habe. Ward aber von mir die Wahrheit gesprochen, o so töte doch
deine und meine Tochter nicht; tu es nicht, besinne dich!«

Jetzt warf sich auch Iphigenia zu den Füßen ihres Vaters und sprach mit erstickter
Stimme: »Besäße ich den Zaubermund des Orpheus, o Vater, daß ich Felsen lenken
könnte, so wollte ich mich mit beredten Worten an dein Mitleid wenden. Jetzt
aber sind alle meine Künste nur Tränen, und anstatt des Ölzweigs umflechte ich
dein Knie mit meinem Leibe. Verdirb mich nicht frühzeitig, Vater; lieblich ist
das Licht zu schauen, nötige mich nicht, das zu sehen, was die Nacht verbirgt!
Gedenke deiner Liebkosungen, mit welchen du mich als Kind auf deinem Vaterschoße
gewiegt hast! Noch weiß ich alle deine Reden: wie du hofftest, mich in eines
edlen Mannes Wohnung einzuführen, mich in Wohlergehen und Blüte zu schauen,
wenn du heimgekehrt wärest. Du aber hast das alles vergessen; du willst mich
töten! O tu es nicht, bei dieser Mutter beschwöre ich dich, die mich mit Schmerzen
geboren hat und jetzt noch größeren Schmerz um mich empfindet! Was gehen mich
Helena und Paris an? Warum muß ich sterben, weil er nach Griechenland gekommen
ist? O blicke mich an; gönne mir dein Auge, deinen Kuß, daß ich doch sterbend
noch ein Andenken von dir empfange, wenn dich mein Wort nicht mehr zu rühren
vermag! Sieh deinen Knaben, meinen Bruder, an, Vater; schweigend fleht er für
mich. Er ist noch ein Küchlein; ich aber bin herangereift! So laß dich doch
erweichen und erbarme dich meiner. Das Licht zu schauen ist für Sterbliche doch
das Holdseligste! Elend leben ist besser als der allerschönste Tod.«

Aber Agamemnons Entschluß war gefaßt, er stand unerbittlich wie ein Fels und
sprach: »Wo ich Mitleid fühlen darf, da fühle ich Mitleid; denn ich liebe meine
Kinder, ich wäre ja sonst ein Rasender. Mit schwerem Herzen, o Gemahlin, führe
ich das Schreckliche aus, aber ich muß. Ihr sehet ja, welch ein Schiffsheer
mich umringt, wie viele Fürsten im Kriegspanzer mich umstehen; diese alle finden
die Fahrt nach Troja nicht, Troja wird nicht erobert, wenn ich dich nicht opfere,
Kind, nach dem Ausspruche des Sehers. Diese Helden alle wollen den Entführungen
der Griechenfrauen ein Ziel stecken; sie sind es fest entschlossen; und bekämpft’
ich nun diesen Götterspruch, so mordeten sie euch und mich. Hier hat meine Macht
eine Grenze; nicht meinem Bruder Menelaos, sondern ganz Griechenland weiche
ich.«

Ohne weitere Bitten abzuwarten, entfernte sich der König und ließ die jammernden
Frauen allein in seinem Zelte. Da hallte plötzlich Waffenlärm vor diesem. »Es
ist Achill«, rief Klytämnestra freudig. Vergebens suchte sich Iphigenia in tiefer
Beschämung vor dem erheuchelten Bräutigam zu verbergen. Der Sohn des Peleus
trat, von einigen Bewaffneten begleitet, hastig in das Zelt: »Unglückliche Tochter
Ledas«, rief er, »das ganze Lager ist im Aufruhr und verlangt den Tod deiner
Tochter; ich selbst, der mich dem Geschrei widersetzte, wäre fast gesteiniget
worden.« »Und deine Myrmidonen?« fragte Klytämnestra mit stockendem Atem. »Die
empörten sich zuerst«, fuhr Achill fort, »und schalten mich einen liebeskranken
Schwätzer. Mit diesem treuen Häuflein hier komme ich, euch gegen den anrückenden
Odysseus zu verteidigen. Tochter, klammere dich an deine Mutter; mein Leib soll
euch decken, ich will sehen, ob sie es wagen, den Sohn der Göttin anzugreifen,
von dessen Leben das Schicksal Trojas abhängt.« Diese letzten Worte, die einen
Schimmer von Hoffnung enthielten, gaben der Mutter den Atem wieder.

Jetzt aber machte sich Iphigenia aus ihren Armen los, richtete ihr Haupt auf
und stellte sich mit entschlossenen Schritten vor die Königin und den Fürsten:
»Höret meine Reden an!« sprach sie mit einer Stimme, die alles Zittern verloren
hatte, »vergebens, liebe Mutter, zürnst du deinem Gatten; er kann sich nicht
gegen das Notwendige stemmen. Alles Lob verdient der Eifer dieses Fremdlings,
aber er wird es büßen müssen, und du wirst gelästert werden. Höret deswegen
den Entschluß, den mir die Überlegung eingegeben hat. Ich habe beschlossen zu
sterben; ich verbanne jede niedrige Regung aus meiner freien Brust und will
es vollenden. Auf mir ruht jetzt jedes Auge des herrlichen Griechenlands, auf
mir die Fahrt der Flotte und der Fall Trojas, auf mir die Ehre der griechischen
Frauen. Alles dieses werde ich mit meinem Tode schirmen; mit Ruhm wird sich
mein Name bedecken; die Befreierin Griechenlands werde ich heißen. Soll ich,
eine Sterbliche, der Göttin Artemis in den Weg treten, weil es ihr gefällt,
mein Leben für das Vaterland zu verlangen? Nein, ich gebe es willig dahin; opfert
mich, zerstöret Troja, das wird mein Denkmal sein und mein Hochzeitsfest.«

Mit leuchtendem Blicke, wie eine Göttin, stand Iphigenia vor der Mutter und
dem Peliden, während sie also sprach. Da senkte sich der herrliche Jüngling
Achill vor ihr auf ein Knie und rief.»Kind Agamemnons! die Götter machten mich
zum glückseligsten Menschen, wenn mir deine Hand zuteil würde. Um dich beneide
ich Griechenland, und um Griechenland, das dir angetrauet ist, dich. Liebessehnsucht
ergreift mich nach dir, du Herrliche, nun ich dein Wesen geschaut habe. Erwäg
es wohl! Der Tod ist ein schreckliches Übel, ich aber möchte dir gern Gutes
tun, möchte dich heimführen zum Leben und Glück!« Lächelnd erwiderte ihm Iphigenia:
»Männerkrieg und Mord genug hat Frauenschönheit durch die Tyndaridin angeregt,
mein lieber Freund; stirb nicht auch du für ein Weib, noch töte jemand um meinetwillen.
Nein, laß mich Griechenland retten, wenn ich es vermag!« »Erhabene Seele«, rief
der Pelide, »tue, was dir gefällt, ich aber eile mit diesen meinen Waffen zum
Altar, deinen Tod zu hindern. In deiner Unbesonnenheit darfst du mir nicht sterben,
vielleicht nimmst du mich noch beim Worte, wenn du den Mordstahl auf deinen
Nacken gezückt siehst.« So eilte er der Jungfrau voran, die bald darauf, der
Mutter alle Klage verbietend und ihr den kleinen Bruder Orestes auf die Arme
legend, im beseligenden Bewußtsein, das Vaterland zu retten, dem Tode freudig
entgegenging. Die Mutter warf sich im Zelt auf ihr Angesicht und vermochte nicht,
ihr zu folgen.

Unterdessen versammelte sich die ganze griechische Heeresmacht in dem blumenreichen
Haine der Göttin Athene vor der Stadt Aulis. Der Altar war errichtet, und neben
ihm stand der Seher und Priester Kalchas. Ein Ruf des Staunens und Mitleids
ging durch das ganze Heer, als man Iphigenia, von ihren treuen Dienerinnen begleitet,
den Hain betreten und auf den Vater Agamemnon zuwandeln sah. Dieser seufzte
laut auf, wandte sein Angesicht zurück und verbarg einen Tränenstrom in sein
Gewand. Die Jungfrau aber stellte sich dem Vater zur Seite und sprach: »Lieber
Vater, siehe, hier bin ich schon! Vor der Göttin Altar übergebe ich mein Leben,
wenn es der Götterspruch so gebeut, den Führern des Heeres zum Opfer fürs Vaterland.
Mich freut es, wenn ihr glücklich seid und mit Siegeslohn zur Heimat wiederkehrt.
Berühre mich drum auch kein Argiver; mutig und still will ich den Nacken dem
Opferstahle bieten!«

Ein lautes Staunen ging durch das Heer, als es Zeuge solchen Hochsinnes ward.
Nun gebot Talthybios, der Herold, in der Mitte stehend, Stillschweigen und Andacht.
Der Seher Kalchas zog einen blanken schneidenden Stahl aus der Seite und legte
ihn vor dem Altar in einem goldenen Korbe nieder. Jetzt trat Achill in voller
Waffenrüstung und mit gezücktem Schwerte vor den Altar. Aber ein Blick der Jungfrau
verwandelte auch seinen Entschluß. Er warf das Schwert auf die Erde, besprengte
den Altar mit Weihwasser, ergriff den Opferkorb, umwandelte den Festaltar wie
ein Priester und sprach: »O hohe Göttin Artemis, nimm dieses heilige, freiwillige
Opfer, das unbefleckte Blut des schönen Jungfrauennackens, das Agamemnon und
Griechenland dir jetzo weiht, gnädig an, gib unsern Schiffen glückliche Fahrt
und Trojas Sturz unsern Speeren!« Die Atriden und das ganze Heer standen stumm
zur Erde blickend. Der Priester Kalchas nahm seinen Stahl, betete und faßte
die Kehle der Jungfrau scharf ins Auge. Deutlich hörte man den Fall seines Schlages.
Aber o Wunder, in demselben Augenblicke war die Jungfrau aus den Augen des Heeres
verschwunden. Artemis hatte sich ihrer erbarmt, und eine Hindin von hohem Wuchs
und herrlicher Gestalt lag zappelnd auf dem Boden und besprengte mit reichlichem
Opferblute den Altar. »Ihr Führer des vereinten Griechenheeres«, rief Kalchas,
nachdem er sich von seinem freudigen Staunen erholt hatte, »sehet hier das Opfer,
welches die Göttin Artemis gesandt hat und das ihr willkommner ist als die Jungfrau,
deren edles Blut den Altar nicht besudeln sollte. Die Göttin ist versöhnt, gibt
unsern Schiffen fröhliche Fahrt und verspricht uns die Erstürmung Trojas. Seid
guten Muts, ihr Seegefährten, denn noch an diesem Tage verlassen wir die Bucht
von Aulis!« So sprach er und sah zu, wie das Opfertier allmählich vom Feuer
verkohlt ward. Als der letzte Funke erloschen war, unterbrach die Stille der
Luft ein Sausen des Windes, die Blicke des Heeres kehrten sich nach dem Hafen
und sahen hier die Schiffe im bewegten Meere schwanken. Mit lautem Jubelrufe
ward aus dem heiligen Haine aufgebrochen, und alles Volk eilte nach den Zelten.

Als Agamemnon in dem seinigen ankam, fand er seine Gattin Klytämnestra nicht
mehr dort; ihr treuer Diener war ihm vorausgeeilt und hatte die ohnmächtig auf
dem Boden Liegende mit der Nachricht von der Rettung ihrer Tochter erweckt und
aufgerichtet. Mit einem flüchtigen Gefühl des Dankes und der Freude erhob die
zur Besinnung gekommene Königin ihre Hände gen Himmel, dann aber rief sie mit
bitterem Schmerze: »Mein Kind ist mir doch geraubt! Er ist doch der Mörder meiner
Mutterfreude! Laß uns eilen, daß meine Augen den Kindesmörder nicht schauen!«
Der Diener eilte, den Wagen und das Gefolge zu bestellen, und als Agamemnon
von dem Opferfeste zurückkam, war seine Gemahlin schon fern auf dem Wege nach
Mykene.

Abfahrt der Griechen.

Aussetzung des Philoktetes

Noch an demselben Tage ging die Flotte der Griechen unter Segel, und der günstigste
Fahrwind führte sie schnell auf die hohe See. Nach einer kurzen Fahrt landeten
sie auf der kleinen Insel Chryse, um frisches Wasser einzunehmen. Hier entdeckte
Philoktetes, der Sohn des Königes Pöas aus Meliböa in Thessalien, der erprobte
Held und Waffengefährte des Herakles, der Erbe seiner unüberwindlichen Pfeile,
einen verfallenen Altar, welchen einst der Argonaute Iason auf seiner Fahrt
der Göttin Pallas Athene, der die Insel heilig war, geweihet hatte. Der fromme
Held freute sich seines Fundes und wollte der Beschirmerin der Griechen auf
ihrem verlassenen Heiligtume opfern. Da schoß eine giftige Natter, dergleichen
die Heiligtümer der Götter zu bewachen pflegten, auf den Herantretenden zu und
verwundete den Helden mit ihrem Biß am Fuße. Erkrankt wurde er wieder zu Schiffe
gebracht, und die Flotte segelte weiter. Die giftige und stets weiterfressende
Wunde aber peinigte den Sohn des Pöas mit unerträglicher Qual, und seine Schiffsgenossen
konnten den übeln Geruch des eiternden Geschwüres und sein beständiges Jammergeschrei
nicht länger aushalten. Keine Spende, kein Opfer vermochten sie ruhig darzubringen;
in alles mischte sich sein unheiliger Angstruf. Endlich traten die Söhne des
Atreus mit dem verschlagenen Odysseus zusammen; denn die Unzufriedenheit der
Begleiter des kranken Helden fing an, sich durch das ganze Heer zu verbreiten,
welches fürchtete, daß der wunde Philoktetes das Lager von Troja verpesten und
den Griechen mit seiner endlosen Wehklage das Leben verbittern möchte. Deswegen
faßten die Anführer des Volkes den grausamen Entschluß, als sie an der wüsten
und unbewohnbaren Küste der Insel Lemnos vorüberfuhren, den armen Helden hier
auszusetzen, und bedachten dabei nicht, daß sie mit dem tapfern Manne sich zugleich
seiner unüberwindlichen Geschosse beraubten. Der schlaue Odysseus erhielt den
Auftrag, diesen hinterlistigen Anschlag zu vollführen; er lud den schlafenden
Helden sich auf, fuhr mit ihm in einem Nachen an den Strand und legte ihn hier
unter einer nahen Felsengrotte nieder, nachdem er so viel Kleidungsstücke und
Lebensmittel zurückgelassen hatte, als zur kümmerlichen Fristung seines Lebens
für die nächsten Tage nötig waren. Das Schiff hatte am Strande nur so lange
angehalten, als es Zeit bedurfte, den Unglücklichen auszusetzen: dann segelte
es, sobald Odysseus zurückgekehrt war, weiter und vereinigte sich bald wieder
mit dem übrigen Zuge.

Die Griechen in Mysien. Telephos

Die griechische Flotte kam jetzt glücklich an die Küste von Kleinasien. Da
aber die Helden der Gegend nicht recht kundig waren, ließen sie sich von dem
günstigen Winde zuerst ferne von Troja an die mysische Küste treiben und legten
sich mit allen ihren Schiffen vor Anker. Längs des Gestades fanden sie zur Bewachung
des Ufers allenthalben Bewaffnete aufgestellt, die ihnen im Namen des Landesherrn
verboten, dies Gebiet zu betreten, bevor dem Könige gemeldet wäre, wer sie seien.
Der König von Mysien war aber selbst ein Grieche, Telephos, der Sohn des Herakles
und der Auge, der nach wunderbaren Schicksalen seine Mutter bei dem Könige Teuthras
in Mysien antraf, dessen Königes Tochter Argiope zur Gemahlin erhielt und nach
des Tode König der Mysier geworden war. Die Griechen, ohne zu fragen, wer der
Herr des Landes wäre, und ohne den Wächtern eine Antwort zu erteilen, griffen
zu den Waffen, stiegen ans Land und hieben die Küstenwächter nieder. Wenige
entrannen und meldeten dem Könige Telephos, wieviel tausend unbekannte Feinde
in sein Land gefallen wären, die Wachen niedergemetzelt hätten und sich jetzt
im Besitze des Ufers befänden. Der König sammelte in aller Eile einen Heerhaufen
und ging den Fremdlingen entgegen. Er selbst war ein herrlicher Held und seines
Vaters Herakles würdig, hatte auch seine Kriegsscharen zu griechischer Heereszucht
gebildet. Die Danaer fanden deswegen einen Widerstand, wie sie ihn nicht erwartet
hatten; denn es entspann sich ein blutiges und lange unentschiedenes Treffen,
in welchem sich Held mit Helden maß. Unter den Griechen tat sich in der Schlacht
besonders Thersander hervor, der Enkel des berühmten Königes Ödipus und Sohn
des Polyneikes, der vertraute Waffengenosse des Fürsten Diomedes, der schon
als Epigone sich berühmt gemacht hatte. Dieser raste in dem Heere des Telephos
mit Mord und erschlug endlich den geliebtesten Freund und ersten Krieger des
Königes an seiner Seite. Darüber entbrannte der König in Wut, und es entspann
sich ein grimmiger Zweikampf zwischen dem Enkel des Ödipus und dem Sohne des
Herakles. Der Heraklide siegte, und Thersander sank, von einem Lanzenstiche
durchbohrt, in den Staub. Laut seufzte sein Freund Diomedes auf, als er dies
aus der Ferne sah, und ehe der König Telephos sich auf den Leichnam werfen und
ihm die Rüstung abziehen konnte, war er herzugesprungen, hatte sich den Leichnam
des Freundes über die Schultern gelegt und eilte mit Riesenschritten, ihn aus
dem Kampfgewühle zu tragen. Als der Held mit seiner Last fliehend an Ajax und
Achill vorüberkam, durchfuhr auch diese Helden ein schmerzlicher Zorn, sie sammelten
ihre wankenden Scharen, teilten sie in zwei Haufen und gaben durch eine geschickte
Schwenkung dem Treffen eine andere Gestalt. Die Griechen waren jetzt bald wieder
im Vorteil; Teuthrantios, der Halbbruder des Telephos, fiel, von einem Geschosse
des Ajax getroffen; Telephos selbst, in der Verfolgung des Odysseus begriffen,
wollte dem sinkenden Bruder zu Hilfe kommen, strauchelte aber über einen Weinstock:
denn durch die Geschicklichkeit der Griechen waren die kämpfenden Scharen der
Feinde in eine Weinpflanzung gelockt worden, in der die Stellung der Danaer
die günstigere war. Diesen Augenblick ersah sich Achill, und während Telephos
vom Falle sich erhob, durchbohrte ihm der Wurfspieß des Peliden die linke Weiche.
Er richtete sich dennoch auf, zog das Geschoß aus der Seite, und durch den Zusammenlauf
der Seinigen beschirmt, entging er weiterer Gefahr. Noch lange hätte das Treffen
mit abwechselndem Glücke fortgedauert, wenn nicht die Nacht eingebrochen wäre
und beide Teile, der Ruhe bedürftig, sich von dem Kampfplatze zurückgezogen
hätten. Und so begaben sich die Mysier nach ihrer Königsstadt, die Griechen
nach ihrem Ankerplatze zurück, nachdem von beiden Seiten viele tapfere Männer
gefallen, viele verwundet waren. Am folgenden Tage schickten beide Teile Gesandte
wegen eines Waffenstillstandes, damit die Leiber der Gefallenen zusammengesucht
und begraben werden könnten. Jetzt erst erfuhren die Griechen zu ihrem Staunen,
daß der König, der sein Gebiet so heldenmütig verteidigt habe, ihr Volksgenosse
und der Sohn ihres größten Halbgottes sei, und Telephos ward mit Schmerzen inne,
daß ihm Bürgerblut an den Händen klebe. Nun fand es sich auch, daß im griechischen
Heere drei Fürsten waren, Tlepolemos, ein Sohn des Herakles, Pheidipp und Antiphos,
Söhne des Königes Thessalos und Enkel des Herakles, alle drei also Verwandte
des Königes Telephos. Diese nun erboten sich, im Geleite der mysischen Gesandten
vor ihren Bruder und Vetter Telephos zu gehen und ihm näher zu berichten, wer
die Griechen seien, die an seiner Küste gelandet, und in welcher Absicht sie
nach Asien kämen. Der König Telephos nahm seine Verwandten liebreich auf und
konnte sich nicht genug von ihnen erzählen lassen. Da erfuhr er, wie Paris mit
seinem Frevel ganz Griechenland beleidigt hatte und Menelaos mit seinem Bruder
Agamemnon und allen verbündeten Griechenfürsten aufgebrochen sei. »Darum«, sprach
Tlepolemos, der als ein leiblicher Halbbruder des Königes für die übrigen das
Wort führte, »lieber Bruder und Landsmann, entzeuch dich deinem Volke nicht,
für das ja auch unser lieber Vater Herakles an allen Orten und Enden der Welt
gestritten, von dessen Vaterlandsliebe ganz Griechenland unzählige Denkmale
aufzuweisen hat; heile die Wunden wieder, die du, ein Grieche, Griechen geschlagen
hast, indem du deine Scharen mit den unsrigen vereinigst und als unser Verbündeter
gegen das meineidige Trojanervolk ziehest.«

Telephos richtete sich von seinem Lager, auf welchem er, durch die Wunde des
Achill darniedergestreckt, die griechischen Helden empfangen hatte, mit Mühe
auf und erwiderte freundlich: »Eure Vorwürfe sind nicht gerecht, liebe Volksgenossen;
durch eure eigene Schuld seid ihr aus Freunden und Blutsverwandten meine erbitterten
Feinde geworden. Haben doch die Küstenwächter, meinem strengen Befehle gehorsam,
euch wie alle Landenden geziemend nach Namen und Abkunft gefragt und nicht nach
roher Barbarenweise, sondern nach dem Völkerrechte der Griechen mit euch gehandelt.
Ihr aber seid in der Meinung, daß gegen Barbaren alles erlaubt sei, ans Land
gesprungen ohne ihnen die verlangte Weisung zu geben, und habt meine Untertanen,
ohne sie anzuhören, niedergemacht. Auch mir habt ihr« – hier zeigte er auf seine
Seite – »ein Andenken hinterlassen, das mich, wohl fühle ich es, mein Leben
lang an unser gestriges Zusammentreffen erinnern wird. Doch grolle ich euch
darüber nicht und kann die Freude, Blutsverwandte und Griechen in meinem Reiche
aufgenommen zu haben, nicht zu teuer erkaufen. Höret nun, was in Beziehung auf
eure Anforderung mein Bescheid ist: Gegen Priamos zu Felde zu ziehen mutet mir
nicht zu. Mein zweites Gemahl, Astyoche, ist seine Tochter; dazu ist er selbst
ein frommer Greis, und seine übrigen Söhne sind edelmütig, er und sie haben
keinen Anteil an dem Verbrechen des leichtsinnigen Paris. Sehet dort meinen
Knaben Eurypylos; wie sollte ich ihm das Herzeleid antun und das Reich seines
Großvaters zerstören helfen! Wie ich aber dem Priamos nichts zuleide tun will,
so werde ich auch euch, meine Landsleute, auf keinerlei Weise schädigen. Nehmet
Gastgeschenke von mir und fasset Mundvorrat, soviel euch nötig ist. Dann gehet
hin und fechtet in der Götter Namen euren Handel aus, den ich nicht schlichten
kann.«

Mit dieser gütigen Antwort kamen die drei Fürsten vergnügt in das Lager der
Argiver zurück und meldeten dem Agamemnon und den andern Fürsten, wie sie Freundschaft
im Namen der Griechen mit Telephos geschlossen. Der Kriegsrat der Helden beschloß,
den Ajax und Achill sofort an den König zu senden, daß sie das Bündnis mit ihm
bestätigten und ihn wegen seiner Wunde trösteten. Diese fanden den Herakliden
schwer an der Verletzung darniederliegen, und Achill warf sich weinend über
sein Lager und bejammerte es, daß sein Speer unwissentlich einen Landsmann und
edlen Sohn des Herakles getroffen. Der König aber vergaß seine Schmerzen und
bedauerte nur, von der Ankunft so herrlicher Gäste nicht unterrichtet gewesen
zu sein, um ihnen einen königlichen Empfang zu bereiten. Hierauf lud er die
Atriden feierlich in seine Hofburg ein, bewirtete sie mit festlicher Pracht
und erfreute sie mit köstlichen Geschenken. Diese brachten auf die Bitte Achills
die beiden weltberühmten Ärzte Podaleirios und Machaon mit, die Wunde des Königes
zu untersuchen und zu heilen. Das letztere gelang ihnen zwar nicht, denn der
Speer des Göttersohnes hatte seine eigene Kraft, und die Wunden, die er schlug,
widerstanden der Heilung; doch befreiten die Linderungsmittel, die sie auflegten,
den König für den Augenblick von den unerträglichsten Schmerzen. Und nun erteilte
er von seinem Krankenlager aus den Griechen allerlei heilsame Ratschläge, versah
die Flotte mit Lebensmitteln und ließ sie nicht eher abziehen, als bis der Winter,
der im Anzuge war, da sie landeten mit seinen härtesten Stürmen vorüber war.
Darauf belehrte er sie über die Lage der Stadt Troja und über den Weg, den sie
dahin zu machen hätten, und bezeichnete ihnen als einzigen Landungsplatz die
Mündung des Flusses Skamander.

Paris zurückgekehrt

Obgleich in Troja noch nichts von der Abfahrt der großen griechischen Flotte
bekannt war, herrschte doch seit der Abreise der griechischen Gesandten Schrecken
und Furcht vor dem bevorstehenden Kriege in dieser Stadt. Paris war inzwischen
mit der geraubten Fürstin, der herrlichen Beute und seiner ganzen Flotte zurückgekommen.
Der König Priamos sah die unerbetene Schwiegertochter nicht mit Freuden in seinen
Palast eintreten und versammelte auf der Stelle seine zahlreichen Söhne zu einer
Fürstenversammlung. Diese ließen sich durch den Glanz der Schätze, die ihr Bruder
unter sie zu verteilen bereit war, und die Schönheit der Griechinnen aus den
edelsten Fürstengeschlechtern, welche er im Gefolge Helenas mitgebracht und
denjenigen seiner Brüder, die noch keine Frauen hatten, zur Ehe zu geben bereit
war, leicht betören; und weil ihrer viele noch jung und alle kampflustig waren,
so fiel die Beratung dahin aus, daß die Fremde in den Schutz des Königshauses
aufgenommen und den Griechen nicht ausgeliefert werden sollte. Ganz anders hatte
freilich das Volk der Stadt, dem vor einem feindlichen Angriff und einer Belagerung
gar bange war, die Ankunft des Königssohnes und seinen schönen Raub aufgenommen;
mancher Fluch hatte ihn durch die Straßen verfolgt, und hier und da war selbst
ein Stein nach ihm geflogen, als er die erbeutete Gemahlin in des Vaters Palast
geleitete. Doch hielt die Ehrfurcht vor dem alten König und seinem Willen die
Trojaner ab, sich der Aufnahme der neuen Bürgerin ernstlich zu widersetzen.

Als nun im Rate des Priamos der Beschluß gefaßt war, die Fürstin nicht zu verstoßen,
sandte der König seine eigene Gemahlin zu ihr in das Frauengemach, um sich zu
überzeugen, daß sie freiwillig mit Paris nach Troja gekommen sei. Da erklärte
Helena, daß sie durch ihre eigene Abstammung den Trojanern ebensosehr angehöre
als den Griechen: denn Danaos und Agenor seien ebensowohl ihre eigenen Stammväter
als die Stammhalter des trojanischen Königshauses. Unfreiwillig geraubt, sei
sie jetzt doch durch langen Besitz und innige Liebe an ihren neuen Gemahl gefesselt
und freiwillig die Seinige. Nach dem, was geschehen, könne sie von ihrem vorigen
Gatten und ihrem Volke keine Verzeihung erwarten; nur Schande und Tod stände
ihr bevor, wenn sie ausgeliefert würde.

So sprach sie mit einem Strom von Tränen und warf sich der Königin Hekabe zu
Füßen, welche die Schutzflehende liebreich aufrichtete und ihr den Willen des
Königes und seiner Söhne verkündete, sie gegen jeden Angriff zu schirmen.

Die Griechen vor Troja

So lebte denn Helena ungefährdet am Königshofe von Troja und bezog darauf mit
Paris einen eigenen Palast. Auch das Volk gewöhnte sich bald an ihre Lieblichkeit
und griechische Holdseligkeit, und als nun endlich die fremde Flotte wirklich
an der trojanischen Küste erschien, waren die Einwohner der Stadt minder verzagt
denn zuvor.

Sie zählten ihre Bürger und ihre Bundesgenossen, die sie schon vorher beschickt
und deren wirksamer Hilfe sie sich versichert hatten, und sie fanden sich an
Zahl und Kraft ihrer Helden und Streiter den Griechen gewachsen. So hofften
sie mit dem Schutze der Himmlischen – denn außer Aphrodite waren noch mehrere
Götter, darunter der Kriegsgott, Apollo, und Zeus, der Vater der Olympischen
selbst, auf ihrer Seite – die Belagerung ihrer Stadt abtreiben und die Feinde
zum schnellen Rückzuge nötigen zu können.

Zwar war ihr Anführer, König Priamos selbst, ein nicht mehr kampffähiger Greis,
aber fünfzig Söhne, worunter neunzehn von seiner Gattin, der Königin Hekabe,
umringten ihn teils im blühenden, teils im kräftigsten Alter, vor allen Hektor,
nächst ihm Deïphobos und nach diesen als die ausgezeichnetsten Helenos, der
Wahrsager, Pammon, Polites, Antiphos, Hipponoos und der zarte Troilos. Vier
liebliche Töchter, Krëusa, Laodike, Kassandra und die in der Kindheit schon
von Schönheit strahlende Polyxena umgaben seinen Thron. Dem Heere, das sich
jetzt streitfertig machte, stand als Oberfeldherr Hektor, der helmumflatterte
Held, vor; neben ihm befehligte die Dardaner Äneas, der Schwiegersohn des Königes
Priamos und Gemahl Krëusas, ein Sohn der Göttin Aphrodite und des greisen Helden
Anchises, der noch immer ein Stolz des trojanischen Volkes war; an die Spitze
einer andern Schar stellte sich Pandaros, der Sohn des Lykaon, dem Apollo selbst
seinen Bogen verliehen hatte; andere Scharen, zum Teil trojanischer Hilfsvölker,
führten Adrastos, Amphios, Asios, Hippothoos, Pylaios, Akamas, Euphemos, Pyraichmes,
Pylaimenes, Hodios, Epistrophos; Chromis und Ennomos eine Hilfsschar von Mysiern;
Phorkys und Askanios eine gleiche der Phryger, Mesthles und Antiphos die Mäonier,
Nastes und Amphimachos die Karier, die Lykier Sarpedon und Glaukos.

Auch die Griechen hatten inzwischen gelandet und sich längs dem Gestade des
Meeres zwischen den beiden Vorgebirgen Sigeion und Rhöteion in einem geräumigen
Lagerplatz angesiedelt, der einer ordentlichen Stadt nicht unähnlich war. Die
Fahrzeuge waren ans Land gezogen worden und in mehreren Reihen hintereinander
aufgestellt, so daß sie sich, weil der Boden des Ufers aufwärts ging, stufenförmig
übereinander erhoben. Die Schiffszüge der einzelnen Völkerschaften reihten sich
in der Ordnung aneinander, wie sie gelandet. Die Schiffe selbst waren auf Unterlagen
von Steinen aufgestellt, damit sie vom feuchten Boden nichts zu leiden hätten
und luftiger ständen. In der ersten Reihe vom Land aus hatten an den beiden
äußersten Enden der Telamonier Ajax und Achill, beide das Gesicht gegen Troja
gekehrt, jener zur Linken, dieser zur Rechten, ihre Fahrzeuge aufgestellt und
ihre Lagerhütten aufgepflanzt, die wir nur uneigentlich und der Kürze halber
Zelte nennen. Das Quartier des Achill wenigstens glich beinahe einem ordentlichen
Wohnhause, hatte Scheunen und Ställe für Mundvorräte, Wagenpferde und zahmes
Vieh; und neben seinen Schiffen war Raum zu Wettrennen, Leichenspielen und andern
Feierlichkeiten. An Ajax schlossen sich die Schiffe des Protesilaos an, dann
kamen andere Thessalier, dann die Kreter, Athener, Phokier, Böotier, zuletzt
Achill mit seinen Myrmidonen; in der zweiten Reihe standen unter andern die
Lokrer, Dulichier, Epeer; in der dritten waren minder namhafte Völker mit ihren
Schiffen gelagert; aber auch Nestor mit den Pyliern, Eurypylos mit den Ormeniern,
zuletzt Menelaos. In der vierten und letzten längs dem Meeresgestade selbst
standen Diomedes, Odysseus und Agamemnon, so daß Odysseus in der Mitte, zur
Rechten Agamemnon, links Diomedes lagerte. Vor Odysseus befand sich die Agora,
der freie Platz, der zu allen Versammlungen und Verhandlungen bestimmt war und
auf welchem die Altäre der Götter standen. Dieser Platz teilte auch noch die
dritte Reihe, so daß derselbe den Nestor zur Linken, den Eurypylos zur Rechten
hatte. Der Raum nach dem Meere hin verengerte sich, und auch die Agora nahm
viel Platz weg, so daß die dritte und vierte Reihe die wenigsten Schiffe enthielt.
Das ganze Schiffslager war wie eine ordentliche Stadt von vielen Gassen und
Wegen durchschnitten, die Hauptstraßen aber liefen zwischen den vier Reihen
durch; vom Lande nach dem Meere gingen Quergassen, welche die Schiffe jeder
Völkerschaft voneinander trennten; die Schiffe selbst waren von den Lagerhütten
ihrer Völkerschaften wieder durch kleine Zwischenräume abgesondert, und jede
Völkerschaft zerfiel wieder in kleinere Unterabteilungen nach den verschiedenen
Städten oder Anführern. Die Lagerhütten waren aus Erde und Holz aufgebaut und
mit Schilf bedeckt. Jeder Anführer hatte sein Quartier in der vordersten Reihe
seiner Schar, und ein jedes war nach dem Range des Bewohners mehr oder weniger
ausgeschmückt. Die Schiffe dienten zugleich dem ganzen Lager zur Verteidigung.
Noch vor ihnen hatten die Griechen einen Erdwall aufgeworfen, der erst in der
letzten Zeit der Belagerung einer Mauer Platz machte. Hinter ihm war ein Graben,
vorn mit einer dichten Reihe von Schanzpfählen versehen.

Zu allen diesen schönen Einrichtungen hatten die Griechen während der langen
Zeit, da König und Rat von Troja über die beste Weise der Verteidigung sich
berieten, Muße gefunden. Ihre Krieger verrichteten zugleich den Schiffsdienst
und erhielten ihr Brot auf öffentliche Veranstaltung. Für die übrigen Lebensbedürfnisse
hatte ein jeder selbst zu sorgen. Die gemeinen Streiter waren leicht bewaffnet
und fochten zu Fuße. Die vornehmeren stritten auf Kriegswagen, so daß jeder
streitende Held einen andern als Wagenlenker bei sich hatte. Von Reiterei wußten
die Völker jener alten Zeit noch nichts. Die Streitwagen mit den größten Helden
waren auch bestimmt, in der ersten Reihe zu kämpfen, und sollten immer das Vordertreffen
bilden.

Zwischen dem Schiffslager der Griechen und der Stadt Troja breitete sich, von
den Flüssen Skamander und Simois eingeschlossen, die sich erst beim griechischen
Lager zu einer Mündung vereinigten, die blumige Skamandrische Wiese und die
Troische Ebene vier Wegestunden lang aus, die zum Schlachtfelde bestimmt und
wie geschaffen war und hinter welcher sich mit hohen Mauern, Zinnen und Türmen
die von Götterhand befestigte herrliche Stadt und Burg Troja erhob. Sie lag
auf einem Hügel weithin sichtbar; ihr Inneres war uneben und bergicht und von
vielen Straßen durchschnitten. Nur von zweien Seiten war sie leichter zugänglich,
und hier befand sich auf der einen Seite das Skäische, auf der andern das Dardanische
Tor mit einem Turme. Die übrigen Seiten waren höckricht und mit Gebüschen verwachsen,
und ihre Tore und Törchen kamen wenig in Betracht. In der oberen Stadt oder
Burg Ilion, auch Pergamos genannt, standen die Paläste des Priamos, des Paris,
die Tempel der Hekate, der Athene und des Apollo, auf der höchsten Spitze der
Burg ein Tempel des Zeus. Vor der Stadt am Simois, den Griechen zur Linken,
war der Hügel Kallikolone; zur Rechten führte die Straße an den Quellen des
Skamander und dann an dem hohen Hügel Batieia vorbei, der umgangen werden konnte
und außen vor der Stadt lag. Hinter Troja kam das Ilische Feld, das sich schon
bergan zog und die unterste Stufe des waldigen Idagebirges bildete, dessen höchster
Gipfel Gargaron hieß und dessen beide letzte Äste rechts und links von den Griechen
das Sigeische und Rhöteische Vorgebirge bildeten.

Noch ehe der Kampf zwischen beiden Völkern seinen Anfang nahm, wurden die Griechen
durch die Ankunft eines werten Gastes überrascht. Der König Telephos von Mysien,
der sie so großmütig unterstützt hatte, war seitdem an der Wunde, die ihm der
Speer des Achill geschlagen, unheilbar krank gelegen, und die Mittel, die ihm
Podaleirios und Machaon aufgelegt hatten, taten schon lange keine Wirkung mehr.
Gequält von den unerträglichsten Schmerzen, hatte er ein Orakel des Phöbos Apollo,
das in seinem Lande war, befragen lassen, und dieses hatte ihm die Antwort erteilt,
nur der Speer, der ihn geschlagen, vermöge ihn zu heilen. So dunkel das Wort
des Gottes lautete, so trieb ihn doch die Verzweiflung, sich einschiffen zu
lassen und der griechischen Flotte zu folgen. So kam denn auch er bei der Mündung
des Skamander an und ward in die Lagerhütte des Achill getragen. Der Anblick
des leidenden Königes erneuerte den Schmerz des jungen Helden. Betrübt brachte
er seinen Speer herbei und legte ihn dem Könige zu den Füßen seines Lagers,
ohne Rat zu wissen, wie man sich desselben zur Heilung der eiternden Wunde bedienen
sollte. Viele Helden umstanden ratlos das Bett des gepeinigten Wohltäters, bis
es Odysseus einfiel, aufs neue die großen Ärzte des Heeres zu Rate zu ziehen.
Podaleirios und Machaon eilten auf seinen Ruf herbei. Sobald sie das Orakel
Apollos vernommen, verstanden sie als weise, vielerfahrene Söhne des Asklepios
seinen Sinn, feilten ein wenig Rost vom Speere des Peliden ab und legten ihn
sorgfältig verbreitet über die Wunde. Da war ein Wunder zu schauen: sowie die
Feilspäne auf eine eiternde Stelle des Geschwüres gestreut wurden, fing diese
vor den Augen des Helden zu heilen an, und in wenigen Stunden war der edle König
Telephos dem Orakel zufolge durch den Speer des Achill von der Wunde desselben
Speeres genesen. Jetzt erst war die Freude der Helden über den großmütigen Empfang,
der ihnen in Mysien zuteil geworden war, vollkommen. Gesundet und froh ging
Telephos wieder zu Schiffe, und wie jüngst die Griechen ihn, so verließ jetzt
er sie unter Danksagungen und Segenswünschen, in sein Reich Mysien zurückkehrend.
Er eilte aber, nicht Zeuge des Kampfes zu sein, den seine lieben Gastfreunde
gegen den ebenso geliebten Schwäher beginnen würden.


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