Gustav Schwab - Die Sagen Trojas

admin am Mrz 29th 2008

nicht in den Wellen umgekommen, sondern ihr Vater Zeus habe sie als Sternbilder
an den Himmel versetzt, wo sie als Beschirmer der Schiffahrt und Schutzgötter
der Schiffahrenden ihr sorgenvolles Amt von Zeitalter zu Zeitalter verwalten.
Indessen erhub sich ganz Griechenland und gehorchte der Aufforderung der Atriden;
zuletzt waren nur zwei berühmte Fürsten noch zurück. Der eine war der schlaue
Odysseus aus Ithaka, der Gemahl Penelopes. Dieser wollte sein junges Weib und
seinen zarten Knaben Telemachos der treulosen Gattin des Spartanerköniges zuliebe
nicht verlassen. Als daher Palamedes, der Sohn des Fürsten Nauplios aus Euböa,
der vertraute Freund des Menelaos, mit dem Sparterfürsten zu ihm kam, heuchelte
er Narrheit, spannte zu dem Ochsen einen Esel an den Pflug und pflügte mit dem
seltsamen Paare sein Feld, indem er in die Furchen, die er zog, statt des Samens
Salz ausstreute. So ließ er sich von beiden Helden treffen und hoffte dadurch
von dem verhaßten Zuge freizubleiben. Aber der einsichtsvolle Palamedes durchschaute
den verschlagensten aller Sterblichen, ging, während Odysseus seinen Pflug lenkte,
heimlich in seinen Palast, brachte seinen jungen Sohn Telemachos aus der Wiege
herbei und legte diesen in die Furche, über die Odysseus eben hinwegackern wollte.
Da hob der Vater den Pflug sorgfältig über das Kind hinweg und wurde von den
laut aufschreienden Helden seines Verstandes überwiesen. Er konnte sich jetzt
nicht länger mehr weigern, an dem Zuge teilzunehmen, und versprach, die bitterste
Feindschaft gegen Palamedes in seinem listigen Herzen, zwölf bemannte Schiffe
aus Ithaka und den Nachbarinseln dem Könige Menelaos zur Verfügung zu stellen.

Der andere Fürst, dessen Zustimmung noch nicht erfolgt, ja dessen Aufenthalt
man nicht einmal kannte, war Achill, der junge, aber herrliche Sohn des Peleus
und der Meeresgöttin Thetis. Als dieser ein neugebornes Kind war, wollte seine
unsterbliche Mutter auch ihn unsterblich machen, steckte ihn, von seinem Vater
Peleus ungesehen, des Nachts in ein himmlisches Feuer und fing so an zu vertilgen,
was vom Vater her an ihm sterblich war. Bei Tage aber heilte sie die versengten
Stellen mit Ambrosia. Dies tat sie von einer Nacht zur andern. Einmal aber belauschte
sie Peleus und schrie laut auf, als er seinen Sohn im Feuer zucken sah. Diese
Störung hinderte Thetis, ihr Werk zu vollbringen, sie ließ den unmündigen Sohn,
der auf diese Weise sterblich geblieben war, trostlos liegen, entfernte sich
und kehrte nicht mehr in den Palast ihres Gatten zurück, sondern entwich in
das feuchte Wellenreich der Nereiden. Peleus aber, der seinen Knaben gefährlich
verwundet glaubte, hub ihn vom Boden auf und brachte ihn zu dem großen Wundarzt,
dem Erzieher so vieler Helden, dem weisen Zentauren Chiron. Dieser nahm ihn
liebreich auf und nährte den Knaben mit Bärenmark und mit der Leber von Löwen
und Ebern. Als nun Achill neun Jahre alt war, erklärte der griechische Seher
Kalchas, daß die ferne Stadt Troja in Asien, welcher der Untergang durch griechische
Waffen bevorstehe, ohne den Knaben nicht werde erobert werden können. Diese
Wahrsagung drang auch zu seiner Mutter Thetis hinab durch die tiefe See, und
weil sie wußte, daß jener Feldzug ihrem Sohn den Tod bringen würde, so stieg
sie wieder empor aus dem Meere, schlich sich in ihres Gatten Palast, steckte
den Knaben in Mädchenkleider und brachte ihn in dieser Verwandlung zu dem Könige
Lykomedes auf der Insel Skyros, der ihn unter seinen Mädchen als Jungfrau heranwachsen
ließ und in weiblichen Arbeiten großzog. Als aber dem Jüngling der Flaum um
das Kinn zu keimen anfing, entdeckte er sich in seiner Verkleidung der lieblichen
Tochter des Königes, Deïdameia. Die gleiche zärtliche Neigung vereinigte in
der Verborgenheit den Heldenjüngling mit der königlichen Jungfrau, und während
er bei allen Bewohnern der Insel für eine Verwandte des Königs galt und auch
bei Deïdameia für nichts anderes gelten sollte, war er heimlich ihr Gemahl geworden.
Jetzt, wo der Göttersohn zur Besiegung Trojas unentbehrlich war, entdeckte der
Seher Kalchas, dem wie sein Geschick so auch sein Aufenthalt kein Geheimnis
geblieben, diesen letztern den Atriden; und nun schickten die Fürsten den Odysseus
und den Diomedes ab, ihn in den Krieg zu holen. Als die Helden auf der Insel
Skyros ankamen, wurden sie dem Könige und seinen Jungfrauen vorgeführt. Aber
das zarte Jungfrauengesicht verbarg den künftigen Helden, und so scharfsichtig
der Blick der beiden Griechenfürsten war, so vermochten sie doch nicht, ihn
aus der Mädchenschar herauszuerkennen. Da nahm Odysseus seine Zuflucht zu einer
List. Er ließ wie von ungefähr in den Frauensaal, in dem die Mädchen sich befanden,
einen Schild und einen Speer bringen und dann die Kriegstrompete blasen, als
ob der Feind heranrückte. Bei diesen Schreckenstönen entflohen alle Frauen aus
dem Saale, Achill aber blieb allein zurück und griff mutig zu dem Speer und
zu dem Schilde. Jetzt ward er von den Fürsten entlarvt und erbot sich, an der
Spitze seiner Myrmidonen oder Thessalier, in Begleitung seines Erziehers Phönix
und seines Freundes Patroklos, welcher mit ihm einst bei Peleus aufgezogen worden
war, mit fünfzig Schiffen zu dem griechischen Heere zu stoßen.

Zum Versammlungsort aller griechischen Fürsten und ihrer Scharen und Schiffe
wurde die Hafenstadt Aulis in Böotien, an der Meerenge von Euböa, durch Agamemnon
ausersehen, den die Volkshäupter als den tätigsten Beförderer der Unternehmung
zum obersten Befehlshaber derselben ernannt hatten.

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