Gustav Schwab - Die Sagen Trojas
admin am Mrz 29th 2008
Bewaffneter nur dazu ausgesendet, Helena zu erobern. Während er so in ihre Schönheit
versunken stand, betrachtete auch die Fürstin Helena den schönen asiatischen
Königssohn mit dem langen Haarwuchs, in Gold und Purpur mit orientalischer Pracht
gekleidet, mit nicht unterdrücktem Wohlgefallen; das Bild ihres Gemahls erbleichte
in ihrem Geiste, und an seine Stelle trat die reizende Gestalt des jugendlichen
Fremdlings.
Indessen kehrte Helena nach Sparta in ihren Königspalast zurück, suchte das
Bild des schönen Jünglings aus ihrem Herzen zu verdrängen und wünschte ihren
noch immer auf Pylos verweilenden Gatten Menelaos zurück. Statt seiner erschien
Paris selbst mit seinem erlesenen Volk in Sparta und bahnte sich mit seiner
Botschaft den Weg in des Königes Halle, obgleich dieser abwesend war. Die Gemahlin
des Fürsten Menelaos empfing ihn mit der Gastfreundschaft, welche sie dem Fremden,
und mit der Auszeichnung, welche sie dem Königssohne schuldig war. Da betörte
seine Saitenkunst, sein einschmeichelndes Gespräch und die heftige Glut seiner
Liebe das unbewachte Herz der Königin. Als Paris ihre Treue wanken sah, vergaß
er den Auftrag seines Vaters und Volkes, und nur das trügerische Versprechen
der Liebesgöttin stand vor seiner Seele. Er versammelte seine Getreuen, die
bewaffnet mit ihm nach Sparta gekommen waren, und verführte sie durch Aussicht
auf reiche Beute, in den Frevel zu willigen, welchen er mit ihrer Hilfe auszuführen
gedachte. Dann stürmte er den Palast, bemächtigte sich der Schätze des griechischen
Fürsten und entführte die schöne Helena, die widerstrebend und doch nicht ganz
wider Willen nach der Insel und seiner Flotte folgte.
Als er mit seiner reizenden Beute auf der See durch das Ägäische Meer schwamm,
überfiel die eilenden Fahrzeuge eine plötzliche Windstille: vor dem Königsschiffe,
das den Räuber mit der Fürstin trug, teilte sich die Woge und der uralte Meeresgott
Nereus hub sein schilfbekränztes Haupt mit den triefenden Haar- und Bartlocken
aus der Flut empor und rief dem Schiffe, welches wie mit Nägeln in das Wasser
geheftet schien, das wiederum selber einem ehernen Walle glich, der sich um
die Rippen des Fahrzeugs aufgeworfen hatte, seine fluchende Wahrsagung zu: »Unglücksvögel
flattern deiner Fahrt voran, verwünschter Räuber! Die Griechen werden kommen
mit Heeresmacht, verschworen, deinen Frevelbund und das alte Reich des Priamos
zu zerreißen! Wehe mir, wieviel Rosse, wieviel Männer erblicke ich! Wie viele
Leichen verursachst du dem dardanischen Volke! Schon rüstet Pallas ihren Helm,
ihren Schild und ihre Wut! Jahrelang dauert der blutige Kampf, und den Untergang
deiner Stadt hält nur der Zorn eines Helden auf. Aber wenn die Zahl der Jahre
voll ist, wird griechischer Feuerbrand die Häuser Trojas fressen!«
So prophezeite der Greis und tauchte wieder in die Flut. Mit Entsetzen hatte
Paris zugehört; als aber der Fahrwind wieder lustig blies, vergaß er bald im
Arm der geraubten Fürstin der Weissagung und legte mit seiner ganzen Flotte
vor der Insel Kranaë vor Anker, wo die treulose und leichtsinnige Gattin des
Menelaos ihm jetzt freiwillig ihre Hand reichte und das feierliche Beilager
gehalten wurde. Da vergaßen beide Heimat und Vaterland und zehrten von den mitgebrachten
Schätzen lange Zeit in Herrlichkeit und Freuden. Jahre vergingen, bis sie nach
Troja aufbrachen.
Die Griechen
Die Versündigung, die sich Paris als Gesandter zu Sparta gegen Völkerrecht
und Gastrecht hatte zuschulden kommen lassen, trug im Augenblick ihre Früchte
und empörte gegen ihn ein bei dem Heldenvolke der Griechen alles vermögendes
Fürstengeschlecht. Menelaos, König von Sparta, und Agamemnon, sein älterer Bruder,
König von Mykene, waren Nachkommen des Tantalos, Enkel des Pelops, Söhne des
Atreus, aus einem an hohen wie an verruchten Taten reichen Stamme; diesen beiden
mächtigen Brüdern gehorchten außer Argos und Sparta die meisten Staaten des
Peloponneses, und die Häupter des übrigen Griechenlands waren mit ihnen verbündet.
Als daher die Nachricht von dem Raube seiner Gattin Helena den König Menelaos
bei seinem greisen Freunde Nestor zu Pylos traf, eilte der entrüstete Fürst
zu seinem Bruder Agamemnon nach Mykene, wo dieser mit seiner Gemahlin Klytämnestra,
der Halbschwester Helenas, regierte. Der teilte den Schmerz und den Unwillen
seines Bruders; doch tröstete er ihn und versprach, die Freier Helenas ihres
Eides zu gemahnen. So bereisten die Brüder ganz Griechenland und forderten seine
Fürsten zur Teilnahme an dem Kriege gegen Troja auf. Die ersten, die sich anschlossen,
waren Tlepolemos, ein berühmter Fürst aus Rhodos, ein Sohn des Herakles, der
sich erbot, neunzig Schiffe zu dem Feldzuge gegen die trügerische Stadt Troja
zu stellen; dann Diomedes, der Sohn des unsterblichen Helden Tydeus, der mit
achtzig Schiffen die mutigsten Peloponnesier der Unternehmung zuzuführen versprach.
Nachdem die beiden Fürsten mit den Atriden zu Sparta Rat gepflogen, erging die
Aufforderung auch an die Dioskuren oder Zeussöhne Kastor und Pollux, die Brüder
Helenas. Diese aber waren schon auf die erste Nachricht von der Entführung ihrer
Schwester dem Räuber nachgesegelt und bis zur Insel Lesbos, ganz nahe an die
trojanische Küste, gekommen; dort ergriff ein Sturm ihr Schiff und verschlang
es. Die Dioskuren selbst verschwanden; aber die Sage versicherte, sie seien
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