Gustav Schwab - Die Sagen Trojas

admin am Mrz 29th 2008

an seinem Vater Priamos, am Volk und Reiche der Trojaner zu rächen und alle
miteinander zu verderben; und Hera insbesondere wurde von diesem Augenblicke
an die unversöhnlichste Feindin der Trojaner. Venus aber schied von dem entzückten
Hirten mit holdseligem Gruße, nachdem sie ihm ihr Versprechen feierlich und
mit dem Göttereide bekräftiget wiederholt hatte.

Paris lebte seiner Hoffnung geraume Zeit als unerkannter Hirte auf den Höhen
des Ida; aber da die Wünsche, welche die Göttin in ihm rege gemacht hatte, so
lange nicht in Erfüllung gingen, so vermählte er sich hier mit einer schönen
Jungfrau, namens Önone, die für die Tochter eines Flußgottes und einer Nymphe
galt und mit welcher er auf dem Berge Ida bei seinen Herden glückliche Tage
in der Verborgenheit verlebte. Endlich lockten ihn Leichenspiele, die der König
Priamos für einen verstorbenen Anverwandten hielt, zu der Stadt hinab, die er
früher nie betreten hatte. Priamos setzte nämlich bei diesem Feste als Kampfpreis
einen Stier aus, den er bei den Hirten des Ida von seinen Herden holen ließ.
Nun traf es sich, daß gerade dieser Stier der Lieblingsstier des Paris war,
und da er ihn seinem Herrn dem Könige nicht vorenthalten durfte, so beschloß
er, wenigstens den Kampf um denselben zu versuchen. Hier siegte er in den Kampfspielen
über alle seine Brüder, selbst über den hohen Hektor, der der Tapferste und
Herrlichste von ihnen war. Ein anderer mutiger Sohn des Königs Priamos, Deïphobos,
von Zorn und Scham über seine Niederlage überwältigt, wollte den Hirtenjüngling
niederstoßen. Dieser aber flüchtete sich zum Altare des Zeus, und die Tochter
des Priamos, Kassandra, welche die Wahrsagergabe von den Göttern zum Angebinde
erhalten hatte, erkannte in ihm ihren ausgesetzten Bruder. Nun umarmten ihn
die Eltern, vergaßen über der Freude des Wiedersehens die verhängnisvolle Weissagung
bei seiner Geburt und nahmen ihn als ihren Sohn auf.

Vorerst kehrte nun Paris zu seiner Gattin und seinen Herden zurück, indem er
auf dem Berge Ida eine stattliche Wohnung als Königssohn erhielt. Bald jedoch
fand sich Gelegenheit für ihn zu einem königlicheren Geschäfte, und nun ging
er, ohne es zu wissen, dem Preis entgegen, den ihm seine Freundin, die Göttin
Aphrodite, versprochen hatte.
Der Raub der Helena

Wir wissen, daß, als König Priamos noch ein zarter Knabe war, seine Schwester
Hesione von Herakles, der den Laomedon getötet und Troja erobert hatte, als
Siegesbeute fortgeschleppt und seinem Freunde Telamon geschenkt worden war.
Obgleich dieser Held sie zu seiner Gemahlin erhoben und zur Fürstin von Salamis
gemacht, so hatte doch Priamos und sein Haus diesen Raub nicht verschmerzt.
Als nun an dem Königshofe einmal wieder die Rede von dieser Entführung war und
Priamos seine große Sehnsucht nach der fernen Schwester zu erkennen gab, da
stand in dem Rate seiner Söhne Alexander oder Paris auf und erklärte, wenn man
ihn mit einer Flotte nach Griechenland schicken wollte, so gedenke er mit der
Götter Hilfe des Vaters Schwester den Feinden mit Gewalt zu entreißen und mit
Sieg und Ruhm gekrönt nach Hause zurückzukehren. Seine Hoffnung stützte sich
auf die Gunst der Göttin Aphrodite, und er erzählte deswegen dem Vater und den
Brüdern, was ihm bei seinen Herden begegnet war. Priamos selbst zweifelte jetzt
nicht länger, daß sein Sohn Alexander den besondern Schutz der Himmlischen erhalten
werde, und auch Deïphobos sprach die gute Zuversicht aus, daß, wenn sein Bruder
mit einer stattlichen Kriegsrüstung erschiene, die Griechen Genugtuung geben
und Hesione ihm ausliefern würden. Nun aber war unter den vielen Söhnen des
Priamos auch ein Seher, namens Helenos. Dieser brach plötzlich in weissagende
Worte aus und versicherte, wenn sein Bruder Paris ein Weib aus Griechenland
mitbringe, so würden die Griechen nach Troja kommen, die Stadt schleifen, den
Priamos und alle seine Söhne niedermachen. Diese Wahrsagung brachte Zwiespalt
in den Rat. Troilos, der jüngste Sohn des Priamos, ein tatenlustiger Jüngling,
wollte von den Prophezeiungen seines Bruders nichts hören, schalt seine Furchtsamkeit
und riet, sich durch seine Drohungen nicht vom Kriege abschrecken zu lassen.
Andere zeigten sich bedenklicher. Priamos aber trat auf die Seite seines Sohnes
Paris, denn ihn verlangte sehnlich nach der Schwester.

Nun wurde von dem König eine Volksversammlung berufen, in welcher Priamos den
Trojanern vortrug, wie er schon früher unter Antenors Anführung eine Gesandtschaft
nach Griechenland geschickt, Genugtuung für den Raub der Schwester und diese
selbst zurückverlangt hätte. Damals sei Antenor mit Schmach abgewiesen worden,
jetzt aber gedenke er, wenn es dem versammelten Volke so gefalle, seinen eigenen
Sohn Paris mit einer ansehnlichen Kriegsmacht auszusenden und das mit Gewalt
zu erzwingen, was Güte nicht zuwege gebracht. Zur Unterstützung dieses Vorschlags
erhub sich Antenor, schilderte mit Unwillen, was er selbst als friedlicher Gesandter
Schmähliches in Griechenland geduldet hatte, und beschrieb das Volk der Griechen
als trotzig im Frieden und verzagt im Kriege. Seine Worte feuerten das Volk
an, daß es sich mit lautem Zurufe für den Krieg erklärte. Aber der weise König
Priamos wollte die Sache nicht leichtsinnig beschlossen wissen und forderte
jeden auf zu sprechen, der ein Bedenken in dieser Angelegenheit auf dem Herzen

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