Gustav Schwab - Die Sagen Trojas

admin am Mrz 29th 2008

Königes Dymas. Ihr erster Sohn war Hektor. Als aber die Geburt ihres zweiten
Kindes herannahete, da schaute Hekabe in einer dunkeln Nacht im Traume ein entsetzliches
Gesicht. Ihr war, als gebäre sie einen Fackelbrand, der die ganze Stadt Troja
in Flammen setze und zu Asche verbrenne. Erschrocken meldete sie diesen Traum
ihrem Gemahle Priamos. Der ließ seinen Sohn aus erster Ehe, Aisakos mit Namen,
kommen, welcher ein Wahrsager war und von seinem mütterlichen Großvater Merops
die Kunst, Träume zu deuten, erlernt hatte. Aisakos erklärte, seine Stiefmutter
Hekabe werde einen Sohn gebären, der seiner Vaterstadt zum Verderben gereichen
müsse. Er riet daher, das Kind, das sie erwartete, auszusetzen. Wirklich gebar
die Königin einen Sohn, und die Liebe zum Vaterland überwog bei ihr das Muttergefühl.
Sie gestattete ihrem Gatten Priamos, das neugeborne Kind einem Sklaven zu geben,
der es auf den Berg Ida tragen und daselbst aussetzen sollte. Der Knecht hieß
Agelaos. Dieser tat, wie ihm befohlen war; aber eine Bärin reichte dem Säugling
die Brust, und nach fünf Tagen fand der Sklave das Kind gesund und munter im
Walde liegen. Jetzt hob er es auf, nahm es mit sich, erzog es auf seinem Äckerchen
wie sein eigenes Kind und nannte den Knaben Paris.

Als der Königssohn unter den Hirten zum Jünglinge herangewachsen war, zeichnete
er sich durch Körperkraft und Schönheit aus und wurde ein Schutz aller Hirten
des Berges Ida gegen die Räuber; daher ihn jene auch nur Alexander, das heißt
Männerhilfe, nannten.

Nun geschah es eines Tages, als er mitten im abwegsamsten und schattigsten
Tale, das sich durch die Schluchten des Berges Ida hinzog, zwischen Tannen und
Steineichen, ferne von seinen Herden, die den Zugang zu dieser Einsamkeit nicht
fanden, an einen Baum gelehnt mit verschränkten Armen hinabschaute durch den
Bergriß, der eine Durchsicht auf die Paläste Trojas und das ferne Meer gewährte,
daß er einen Götterfußtritt vernahm, der die Erde um ihn her beben machte. Ehe
er sich besinnen konnte, stand, halb von seinen Flügeln, halb von den Füßen
getragen, Hermes der Götterbote, den goldnen Heroldsstab in den Händen, vor
ihm; doch war auch er nur der Verkündiger einer neuen Göttererscheinung; denn
drei himmlische Frauen, Göttinnen des Olymp, kamen mit leichten Füßen über das
weiche, nie gemähete und nie gewendete Gras einhergeschritten, daß ein heiliger
Schauer den Jüngling überlief und seine Stirnhaare sich aufrichteten. Doch der
geflügelte Götterbote rief ihm entgegen: »Lege alle Furcht ab; die Göttinnen
kommen zu dir als zu ihrem Schiedsrichter: dich haben sie gewählt, zu entscheiden,
welche von ihnen dreien die schönste sei. Zeus befiehlt dir, dich diesem Richteramte
zu unterziehen; er wird dir seinen Schirm und Beistand nicht versagen!« So sprach
Hermes und erhob sich auf seinen Fittichen, den Augen des Königssohnes entschwebend,
über das enge Tal empor. Seine Worte hatten dem blöden Hirten Mut eingeflößt;
er wagte es, den schüchternen gesenkten Blick zu erheben und die göttlichen
Gestalten, die in überirdischer Größe und Schönheit seines Spruches gewärtig
vor ihm standen, zu mustern. Der erste Anblick schien ihm zu sagen, daß eine
wie die andere wert sei, den Preis der Schönheit davonzutragen; doch gefiel
ihm jetzt die eine Göttin mehr, jetzt die andere, so wie er länger auf einer
der herrlichen Gestalten verweilt hatte. Nur schien ihm allmählich eine, die
jüngste und zarteste, holder und liebenswürdiger als die andern, und ihm war,
als ob, aus ihren Augen ausgehend, ein Netz von Liebesstrahlen sich ihm um Blick
und Stirne spänne. Indessen hub die stolzeste der drei Frauen, die an Wuchs
und Hoheit über die beiden andern hervorragte, dem Jünglinge gegenüber an: »Ich
bin Hera, die Schwester und Gemahlin des Zeus. Wenn du diesen goldenen Apfel,
welchen Eris, die Göttin der Zwietracht, beim Hochzeitmahle der Thetis und des
Peleus unter die Gäste warf, mit der Aufschrift: ›Der Schönsten‹, mir zuerkennest,
so soll dir die Herrschaft über das schönste Reich der Erde nicht fehlen, ob
du gleich nur ein aus dem Königspalaste verstoßener Hirte bist.« »Ich bin Pallas,
die Göttin der Weisheit«, sprach die andere mit der reinen, gewölbten Stirne,
den tiefblauen Augen und dem jungfräulichen Ernst im schönen Antlitz; »wenn
du mir den Sieg zuerkennst, sollst du den höchsten Ruhm der Weisheit und Männertugend
unter den Menschen ernten!« Da schaute die dritte, die bisher immer nur mit
den Augen gesprochen hatte, den Hirten mit einem süßen Lächeln noch durchdringender
an und sagte: »Paris, du wirst dich doch nicht durch das Versprechen von Geschenken
betören lassen, die beide voll Gefahr und ungewissen Erfolges sind! Ich will
dir eine Gabe geben, die dir gar keine Unlust bereiten soll; ich will dir geben,
was du nur zu lieben brauchst, um seiner froh zu werden: das schönste Weib der
Erde will ich dir als Gemahlin in die Arme führen! Ich bin Aphrodite, die Göttin
der Liebe!«

Als Venus dem Hirten Paris dies Versprechen tat, stand sie vor ihm, mit ihrem
Gürtel geschmückt, der ihr den höchsten Zauber der Anmut verlieh. Da erblaßte
vor dem Schimmer der Hoffnung und ihrer Schönheit der Reiz der andern Göttinnen
vor seinen Augen, und mit trunkenem Mute erkannte er der Liebesgöttin das goldene
Kleinod, das er aus Heras Hand empfangen hatte, zu. Hera und Athene wandten
ihm zürnend den Rücken und schwuren diese Beleidigung ihrer Gestalt an ihm,

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9

Gerne gelesen werden auch:

Allgemein Erzählungen, Sagen Märchen Romane

Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI | Comments RSS

Schreiben Sie einen Kommentar