Gustav Schwab – Die Sagen Trojas

admin am Okt 13th 2011


Gustav Schwab - Die Sagen Trojas als PDF downloaden


Zweiter Teil

Die Sagen Trojas

Erstes Buch

Trojas Erbauung

In uralten Zeiten wohnten auf der Insel Samothrake, im Ägäischen Meere, zwei
Brüder, Iasion und Dardanos, Söhne des Zeus und einer Nymphe, Fürsten des Landes.
Von diesen wagte Iasion, als ein Göttersohn, seine Augen zu einer Tochter des
Olymp zu erheben, warf eine ungestüme Neigung auf die Göttin Demeter und wurde
zur Strafe seiner Kühnheit von seinem eigenen Vater mit dem Blitze erschlagen.
Dardanos, der andere Sohn, verließ, tief betrübt über den Tod seines Bruders,
Reich und Heimat und ging hinüber auf das asiatische Festland an die Küste Mysiens,
da wo die Flüsse Simois und Skamander vereinigt in das Meer strömen und das
hohe Idagebirge sich nach dem Meere abgedacht in eine Ebene verliert. Hier herrschte
der König Teukros, kretischen Ursprungs, und nach ihm hieß auch das Hirtenvolk
jener Gegenden Teukrer. Von diesem Könige wurde Dardanos gastfreundlich aufgenommen,
bekam einen Strich Landes zum Eigentum und die Tochter des Königs zur Gemahlin.
Er gründete eine Ansiedlung, das Land wurde nach ihm Dardania und das Volk der
Teukrer von nun an Dardaner genannt. Ihm folgte sein Sohn Erichthonios in der
Herrschaft, und dieser zeugte den Tros, nach welchem die Landschaft nun Troas,
der offene Hauptort des Landes Troja, und Teukrer oder Dardaner jetzt auch Trojaner
oder Troer genannt wurden. Nachfolger des Königs Tros war sein ältester Sohn
Ilos. Als dieser einst das benachbarte Land der Phryger besuchte, wurde er von
dem Könige Phrygiens zu eben angeordneten Kampfspielen eingeladen und trug hier
im Ringkampfe den Sieg davon. Er erhielt als Kampfpreis fünfzig Jünglinge und
ebenso viele Jungfrauen, dazu eine buntgefleckte Kuh, die ihm der König mit
der Weisung eines alten Orakelspruches übergab: wo sie sich niederlegen würde,
da sollte er eine Burg gründen. Ilos folgte der Kuh, und da sie sich bei dem
offenen Flecken lagerte, der seit seinem Vater Tros der Hauptort des Landes
und seine eigene Wohnung war, auch schon Troja hieß, so baute er hier auf einem
Hügel die feste Burg Ilion oder Ilios, auch Pergamos geheißen, wie denn das
ganze Wesen von nun an bald Troja, bald Ilion, bald Pergamos genannt wurde.
Ehe er jedoch die Burg anlegte, bat er seinen Ahnherrn Zeus um ein Zeichen,
daß ihm die Gründung derselben genehm sei. Am folgenden Tage fand er das vom
Himmel gefallene Bild der Göttin Athene, Palladion genannt, vor seinem Zelte
liegen. Es war drei Ellen hoch, hatte geschlossene Füße und hielt in der rechten
Hand einen erhobenen Speer, in der andern Rocken und Spindel. Mit diesem Bilde
hatte es folgende Bewandtnis: Die Göttin Athene wurde nach der Sage von ihrer
Geburt an bei einem Triton, einem Meergott, erzogen, der eine Tochter namens
Pallas hatte, die gleichen Alters mit Athene und ihre geliebte Gespielin war.
Eines Tages nun, als die beiden Jungfrauen ihren kriegerischen Übungen oblagen,
traten sie zu einem scherzhaften Wettkampfe einander gegenüber. Eben wollte
die Tritonentochter Pallas einen Streich auf ihre Gespielin führen, als Zeus,
für seine Tochter bangend, den Schild aus Ziegenfell, die Ägis, dieser vorhielt.
Dadurch erschreckt, blickte Pallas furchtsam auf und wurde in dem Augenblicke
von Athene tödlich verwundet. Tiefe Trauer bemächtigte sich der Göttin, und
sie ließ zum dauernden Andenken ein recht ähnliches Bild ihrer geliebten Gespielin
Pallas verfertigen, legte demselben einen Brustharnisch von dem gleichen Ziegenfelle,
wie der Schild war, um, der nun auch Ägispanzer oder Ägide hieß, stellte das
Bild neben die Bildsäule des Zeus und hielt es hoch in Ehren. Sie selbst aber
nannte sich seitdem Pallas Athene. Dieses Palladion nun warf, mit Einwilligung
seiner Tochter, Zeus vom Himmel in die Gegend der Burg Ilios herunter, zum Zeichen,
daß Burg und Stadt unter seinem und seiner Tochter Schutze stehe.

Der Sohn des Königs Ilos und der Eurydike war Laomedon, ein eigenmächtiger
und gewalttätiger Mann, welcher Götter und Menschen betrog. Dieser dachte darauf,
den offenen Flecken Troja, der noch nicht befestigt war wie die Burg, mit einer
Mauer zu umgeben und so zu einer förmlichen Stadt zu machen. Damals irrten die
Götter Apollo und Poseidon, die sich gegen Zeus, den Göttervater, empört hatten
und aus dem Himmel gestoßen waren, heimatlos auf der Erde umher. Es war der
Wille des Zeus, daß sie dem Könige Laomedon an der Mauer Trojas bauen helfen
sollten, damit seine und Athenes Lieblingsstadt der Zerstörung trotzende Mauern
hätte. So führte sie denn ihr Geschick in die Nähe von Ilios, als eben mit dem
Bau der Stadtmauern begonnen wurde. Die Götter machten dem Könige Laomedon ihre
Anträge, und da sie auf der Erde nicht bloß müßig gehen durften noch ohne Arbeit
mit Ambrosia gespeist wurden, so bedingten sie sich einen Lohn aus, der ihnen
auch versprochen ward, und fingen nun an zu frönen. Poseidon half unmittelbar
bei dem Bau; unter seiner Leitung stieg die Ringmauer breit und schön, eine
undurchdringliche Schutzwehr der Stadt, in die Höhe. Phöbos Apollo weidete inzwischen
das Hornvieh des Königes in den gewundenen Schluchten und Tälern des waldreichen
Gebirges Ida. Die Götter hatten versprochen, auf diese Weise dem Könige ein
Jahr lang zu frönen. Als nun diese Frist abgelaufen war, auch die herrliche
Stadtmauer fertig stand, entzog der trügerische Laomedon den Göttern gewaltsam
ihren gesamten Lohn, und als sie mit ihm rechteten und der beredte Apollo ihm
bittere Vorwürfe machte, da jagte er beide fort, mit der Androhung, dem Phöbos
Hände und Füße fesseln zu lassen, beiden aber die Ohren zu verstümmeln. Mit
großer Erbitterung schieden die Götter und wurden Todfeinde des Königs und des
Volkes der Trojaner; auch Athene kehrte sich von der Stadt, die bisher unter
ihrem Schutz gestanden, ab, und schon jetzt war, einer stillschweigenden Einwilligung
des Zeus zufolge, die eben erst mit stattlichen Mauern versehene Hauptstadt
mit ihrem Königsgeschlecht und Volke diesen Göttern, zu welchen sich mit dem
glühendsten Hasse in kurzer Zeit auch Hera gesellte, zum Verderben überlassen.

Priamos, Hekabe und Paris

Das weitere Los des Königes Laomedon und seiner Tochter Hesione ist schon von
uns berichtet worden. Ihm folgte sein Sohn Priamos in der Regierung. Dieser
vermählte sich in zweiter Ehe mit Hekabe oder Hekuba, der Tochter des phrygischen


Tags: , ,

Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt