Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden
admin am Mrz 29th 2008
Gott stand mitleidig zu seiner Seite, wie er, auf dem Estrich des Heiligtums
ausgestreckt, von Müdigkeit und Gewissensangst abgemattet, gestützt auf seinen
Freund Pylades, ausruhte, und sprach ihm Hoffnung und Mut mit den Worten ein:
»Unglücklicher Sohn, sei getrost. Ich werde dich nicht verraten; mag ich nahe
oder ferne sein, so bin ich dein Wächter, und nie werde ich deinen Feindinnen
feige weichen! Du siehst auch, wie dort draußen die grauenvollen alten Mägde,
deren Umgang Götter, Menschen und selbst Tiere scheuen, die sonst tief drunten
in den Finsternissen des Tartaros wohnen, vom bleiernen Schlafe durch mich gebändigt,
meinem Tempel ferne liegen. Dennoch verlaß dich nicht auf ihren Schlummer; er
wird nicht lange dauern, denn mir ist immer nur kurze Macht über die greisen
Göttinnen vom Schicksale verliehen. Deswegen mußt du bald wieder auf die Flucht;
doch sollst du nicht länger ohne Ziel umherirren. Richte vielmehr deine Schritte
nach Athen, der ehrwürdigen alten Stadt meiner Schwester Pallas Athene; dort
will ich dir für ein gerechtes Gericht sorgen, vor welchem du deine Stimme erheben
und deine gute Sache verteidigen kannst. Keine Furcht soll dich darum bekümmern;
ich selbst scheide jetzt von dir, aber mein Bruder Hermes wird dich bewachen
und sorgen, daß mein Schützling nicht verletzt werde.«
So sprach Apollo. Noch bevor er aber seinen Tempel und den Orestes verließ,
war das Schattenbild Klytämnestras im Traum vor die Seelen der schlummernden
Rachegöttinnen getreten und hatte ihnen die zornigen Worte zugehaucht: »Ist’s
auch recht, daß ihr schlafet? Bin ich so ganz von euch verlassen, daß ich ungerächt
in der Nacht der Unterwelt umherirren muß? Das Gräßlichste habe ich von meinen
nächsten Blutsverwandten erduldet, und kein Gott zürnt darüber, daß ich von
den Händen des eigenen Sohnes ermordet gefallen bin? Wie viele Trankopfer, von
meiner Hand euch ausgegossen, habt ihr geschlürft, wie viele nächtliche Mahle
habe ich euch aufgetischt! Das alles tretet ihr jetzt mit Füßen, und eure Beute
lasset ihr entrinnen wie ein Reh, das mitten aus den Netzen davonhüpft! Höret
mich, ihr Unterirdischen! Ich bin’s, Klytämnestra, die ihr zu rächen geschworen
und die sich jetzt in euren Traum einmischt, an euren Schwur euch zu erinnern.«
Die schwarzen Göttinnen konnten des Zauberschlafes nicht so bald loswerden,
und erst die lauten Worte des Schattens, die in ihren Traum hineintönten: »Orestes,
der Muttermörder, entgeht euch!« rüttelten sie endlich aus dem Schlummer empor.
Eine erweckte die andere, wie wilde Tiere sprangen sie vom Lager auf, und ohne
Scheu stürmten sie in den Tempel Apollos selbst hinein, und hatten schon die
Schwelle überschritten: »Zeussohn«, schrien sie ihm entgegen, »du bist ein Betrüger!
Du junger Gott trittst die alten Göttinnen, die Töchter der Nacht, mit Füßen,
du wagst es, uns diesen Götterverächter und Mutterfeind vorzuenthalten, du hast
ihn uns gestohlen und willst doch ein Gott sein! Ist das auch vor den Göttern
recht?« Apollo dagegen trieb die nächtlichen Göttinnen mit scheltenden Worten
aus seinem sonnigen Heiligtum: »Fort von dieser Schwelle«, rief er, »ihr Greuelhaften!
Ihr gehört in die Höhle des Löwen, wo Blut geschlürft wird, ihr Scherginnen
des Schicksals, und nicht in den heiligen und reinen Sitz eines Orakels!« Vergebens
beriefen sich die Rachegöttinnen auf ihr Recht und ihr Amt. Der Gott erklärte
den Verfolgten für seinen Schützling, weil er in seinem Auftrag als der fromme
Sohn seines Vaters Agamemnon gehandelt, und vertrieb die Eumeniden von der Schwelle
seines Tempels, daß sie, die Macht des Gottes fürchtend, weit rückwärts flohen.
Dann übergab er den Orestes mit seinem Freunde der Obhut des Hermes, des Gottes,
in dessen Schutze die Wanderer stehen, und kehrte in den Olymp zurück. Die beiden
Freunde aber schlugen, wie der Gott ihnen befohlen hatte, den Weg nach Athen
ein, während die Erinnyen ihnen, aus Scheu vor der goldenen Rute des Götterboten,
nur aus der Ferne zu folgen wagten. Allmählich jedoch wurden sie kühner; und
als die beiden Freunde glücklich in der Stadt Pallas Athenes angekommen waren,
heftete sich ihnen die Schar der Rächerinnen dicht an die Ferse, und kaum hatte
Orestes mit seinem Freund den Tempel der Athene betreten, so stürmte auch schon
der grauenvolle Chor durch die offenen Pforten desselben herein.
Orestes hatte sich vor der Bildsäule der Göttin niedergeworfen, streckte seine
offenen Arme betend nach ihr aus und rief in der heftigsten Aufregung seines
Gemütes: »Königin Athene, auf Apollos Befehl komme ich zu dir. Nimm einen Angeklagten
gnädig auf, dessen Hände nicht mit unschuldigem Blute befleckt sind, und der
doch müde ist von ungerechter Flucht und abgestumpft vom Flehen in fremden Häusern.
Über Städte und Einöden komme ich daher, gehorsam dem Orakel deines Bruders,
liege hier in deinem Tempel und vor deinem Bilde und erwarte deinen Richterspruch,
o Göttin!«
Nun erhob auch der Chor der Furien, die hinter ihm herannaheten, seine Stimme
und schrie: »Wir sind dir auf der Spur, Verbrecher! Wie der Hund dem verwundeten
Rehbock, sind wir deinen Fußstapfen gefolgt, die von Blute triefen! Du sollst
kein Asyl finden, Muttermörder! Dein rotes Blut wollen wir dir aus den Gliedern
saugen und dann das blasse Schattenbild mit uns hinunter in den Tartaros führen!
Nicht Apollos, nicht Athenes Gewalt soll dich von der ewigen Qual befreien!
- Mein Wild bist du, mir genährt, für meinen Altar bestimmt! Auf Schwestern,
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