Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden

admin am Mrz 29th 2008

Retter dieses Hauses! Welchen Dienst haben mir diese teuren Hände, diese treu
bemühten Füße geleistet! Wie verbargst du dich so lange unentdeckt? Wie habt
ihr doch alles angelegt und verabredet?« Aber der Pfleger stand ihren ungestümen
Fragen nicht Rede. »Es wird die Zeit kommen, da ich dir alles mit Gemächlichkeit
erzählen kann, edle Königstochter! Jetzt aber drängt die Stunde zum Angriff,
zur Rache! Noch ist Klytämnestra allein im Hause, noch bewacht sie kein Mann
drinnen; denn Ägisth verweilt noch in der Ferne! Wenn ihr aber noch einen Augenblick
zögert, so habt ihr mit vielen und Überlegenen den Kampf zu wagen!«Orestes stimmte
ein und eilte mit seinem treuen Freunde Pylades, dem Sohne des Königes Strophios
aus Phokis, der an seiner Seite gekommen war, und mit allen andern Begleitern
in den Palast, und Elektra, nachdem sie flehend den Altar Apollos umfaßt hatte,
folgte ihnen.

Wenige Minuten waren verflossen, als Ägisth zurückkehrend in den Palast trat
und hastig nach den Phokiern fragte, die, wie er unterwegs vernommen, die Freudenbotschaft
von Orestes’ Tode gebracht hätten. Die erste, die ihm im Innern des Königshauses
begegnete, war Elektra, und er richtete mit höhnendem Übermut auch an sie die
Frage: »Sprich, du Hochfahrende, wo sind die Fremdlinge, die deine Hoffnung
vernichtet haben?« Elektra unterdrückte ihr Gefühl und antwortete ruhig: »Nun,
sie sind drinnen, ihrer lieben Wirtin zugeführt!« »Und melden sie«, fuhr er
fort, »auch wahrhaftig seinen Untergang?« »O ja,« erwiderte Elektra, »nicht
nur dies, sondern sie haben ihn selbst bei sich.« »Das ist das erste erfreuliche
Wort, das ich von deinen Lippen höre!« sprach hohnlachend Ägisth, »doch siehe,
da bringen sie ja den Toten schon!«

Frohlockend ging er dem Orestes und seinen Begleitern entgegen, die einen verhüllten
Leichnam aus dem Innern des Palastes in die Vorhalle trugen. »O froher Anblick«,
rief der König und heftete seine gierigen Augen darauf, »hebet schnell die Decke
auf, laßt mich ihn des Anstands halber beklagen; es ist ja doch verwandtes Blut!«
So sprach er spottend. Orestes aber entgegnete: »Erhebe du selbst die Decke,
Herrscher! dir allein gebührt es, liebevoll zu sehen und zu begrüßen, was unter
dieser Hülle liegt!« »Wohl«, antwortete Ägisth, »aber ruf auch Klytämnestra
herbei, daß sie schaue, was sie gerne sehen wird.« »Klytämnestra ist nicht ferne«,
rief Orestes. Indem lüftete der König die Decke und fuhr mit einem Schrei des
Entsetzens zurück: nicht die Leiche des Orestes, wie er gehofft hatte - der
blutige Leichnam Klytämnestras zeigte sich seinen Blicken. »Weh mir«, schrie
er, »in welcher Männer Netze bin ich Unglückseliger geraten?« Orestes aber donnerte
ihn mit tiefer Stimme an: »Weißt du denn nicht schon lange, daß du zu Lebendigen
als zu Toten sprächest? Siehest du nicht, daß Orestes, der Rächer seines Vaters,
vor dir steht?« »Laß mich reden!« sprach zusammengesunken Ägisth. Aber Elektra
beschwor den Bruder, ihn nicht anzuhören. Verstummend stießen ihn die Ankömmlinge
hinein in den Palast und an demselben Orte, wo er einst den König Agamemnon
im Bade gemordet, fiel Ägisth wie ein Opfertier unter den Streichen des Rächers.
Orestes und die Eumeniden

Orestes hatte, als er die Rachepflicht für den Vater an der Mutter und ihrem
Buhlen übte, nach dem Willen der Götter selbst gehandelt, und ein Orakel des
Apollo hatte ihm befohlen, zu tun, was er getan. Aber die Frömmigkeit gegen
den Vater hatte ihn zum Mörder an der Mutter gemacht. Nach der Tat erwachte
die Kindesliebe in seiner Brust, und der durch eine andere Naturpflicht gebotene
Frevel gegen die Natur, den er im gräßlichen Zwiespalte der Pflichten begangen
hatte, ließ ihn den Rächerinnen solcher Frevel, den Erinnyen oder Rachegöttinnen,
anheimfallen, welche die Griechen aus Furcht auch die Eumeniden, das heißt ›die
Gnädigen‹ oder ›die uns gnädig sein mögen‹, benannten. Töchter der Nacht und
schwarz wie diese, von entsetzlicher Gestalt, übermenschlich groß mit blutigen
Augen, Schlangen in den Haaren, Fackeln in der einen Hand, in der andern aus
Schlangen geflochtene Geißeln, verfolgten sie den Muttermörder auf jedem Schritt
und Tritt und sandten ihm ins Herz die nagenden Gewissensbisse und die quälendste
Reue.

Sogleich nach der Tat jagten ihn die Eumeniden fort vom Schauplatze derselben,
und als ein wahnsinniger Flüchtling verließ er die wiedergefundenen Schwestern,
das Vaterhaus Mykene und sein Vaterland. In dieser Not blieb ihm sein treuer
Freund Pylades, den er in einem Augenblicke der Besinnung mit seiner Schwester
Elektra verlobt hatte, redlich zur Seite, kehrte nicht in seine Heimat Phokis
und zu seinem Vater Strophios zurück, sondern teilte alle Wanderungen in der
Irre mit seinem wahnsinnig gewordenen Freunde. Außer dieser treuen Seele hatte
Orestes keinen menschlichen Beschützer in seinem Elend. Aber der Gott, der ihm
die Rache befohlen hatte, Apollo, war bald sichtbar, bald unsichtbar an seiner
Seite und wehrte die ungestüm nachdringenden Erinnyen wenigstens vom Leibe des
Verfolgten ab. Auch sein Geist wurde ruhiger, wenn der Gott in der Nähe weilte.

So waren die Flüchtlinge auf ihren langen Irrfahrten endlich ins Gebiet von
Delphi gekommen, und Orestes hatte im Tempel des Apollo selbst, dessen Zutritt
den Erinnyen verwehrt war, eine Freistätte für den Augenblick gefunden. Der

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