Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden

admin am Mrz 29th 2008

und sein Glück lieb, Chrysothemis! Nun hoffe nur nicht, daß Ägisth je gestatten
werde, daß wir uns vermählen und des Agamemnons Geschlecht, ihm und den Seinigen
zur Rache, aus uns erneut hervorsprosse. Willst du aber meinem Ratschlage gehorchen,
so verdienst du dir den Ruhm der Treue um Vater und Bruder, wirst in Zukunft
frei herangewachsen leben, wirst durch einen würdigen Ehebund beglückt werden.
Denn wer sähe sich nicht gerne nach einer so edlen Tochter um? Dazu wird alle
Welt uns zwei Geschwister preisen, am Festmahl und in der Volksversammlung werden
wir für unsere Mannestat nichts als Ehre ernten! Darum folge mir, du Liebe!
hilf dem Vater, dem Bruder, rette mich, rette dich selbst aus der Not! Bedenke
doch, wie ein schimpfliches Leben Edelgeborene schändet!«

Aber Chrysothemis fand den Vorschlag der plötzlich begeisterten Schwester unvorsichtig,
unklug, unausführbar. »Auf was vertrauest du denn?« fragte sie. »Hast du Männerfaust
und bist nicht ein Weib? Stehest du nicht den mächtigsten Feinden, deren Glück
von Tage zu Tage sich fester begründet, gegenüber? Wahr ist’s, wir leiden Hartes;
aber siehe zu, daß wir uns nicht noch Unerträglicheres zuziehen. Einen schönen
Ruf können wir freilich gewinnen; aber nur durch einen schmählichen Tod! Und
vielleicht ist Sterben nicht das Schlimmste, und es würde uns noch Schnöderes
zuteil als der Tod. Drum, ehe wir so rettungslos verderben, laß dich erflehen,
Schwester, bezwing deinen Unmut! Was du mir anvertraut hast, will ich als das
tiefste Geheimnis bewahren!«

»Deine Rede überrascht mich nicht«, erwiderte mit einem tiefen Seufzer Elektra.
»Ich wußte wohl, daß du meinen Vorschlag weit von dir werfen würdest. So muß
ich denn ganz allein, mit eigenen Händen, an das Werk gehen. Wohl, es ist auch
so recht!« Weinend umschlang sie Chrysothemis. Aber die hohe Jungfrau blieb
unerbittlich. »Geh«, sprach sie kalt, »zeige nur alles deiner Mutter an.« Und
als die Schwester weinend den Kopf schüttelte und davonging, so rief sie ihr
nach: »Geh, geh! nie werde ich deinem Tritte folgen!«

Sie saß noch immer unbeweglich auf der Schwelle des Palastes, als zwei junge
Männer in der Begleitung anderer mit einer Totenurne dahergeschritten kamen.
Der schönste und blühendste von ihnen wandte sich an Elektra, fragte nach der
Wohnung des Königes Ägisth und gab sich als einen der Abgesandten aus Phokis
kund. Da sprang Elektra auf und streckte die Hände nach der Urne aus. »Bei den
Göttern, Fremdling!« rief sie, »wenn ihn dies Gefäß verhüllet, so gib es mir,
auf daß ich mit seiner Asche den ganzen unglückseligen Stamm bejammere!«

»Wer sie auch sein mag«, sprach der Jüngling, die Jungfrau aufmerksamer betrachtend,
»gebet ihr die Urne! Sicherlich hegt sie keine Feindschaft gegen den Toten,
ist vielmehr eine Freundin oder gar ein ihm anverwandtes Blut.« Elektra faßte
die Urne mit beiden Händen, drückte sie wieder und immer wieder ans Herz und
rief dazu in unverhaltenem Jammerton: »O du Überrest des geliebtesten Menschen!
Wie mit ganz anderer Hoffnung habe ich dich ausgesandt und begrüße dich jetzt,
da du so zurückkehrtest! Wär ich doch lieber gestorben, anstatt dich in die
Ferne hinauszusenden; dann wärest du an demselben Tage am Grabe des Vaters als
Schlachtopfer gesunken, wärest nicht in der Verbannung umgekommen und von Fremdlingshänden
bestattet worden! So war denn all meine Pflege, all meine süße Mühe umsonst!
Das alles ist mit dir gestorben; der Vater ist tot, ich selbst bin tot, seitdem
du nicht mehr lebst: die Feinde lachen, unsere Mutter genießt in wilder Lust,
denn jetzt fürchtet sie keine heimlichen Rachebotschaften, an mich von dir gerichtet,
mehr. Ach, nähmest du mich doch auch mit auf in deine Urne; ich bin vernichtet,
laß mich dein Nichts mit dir teilen!«

Als die Jungfrau so jammerte, konnte sich der Jüngling, der an der Spitze der
Gesandten stand, nicht länger halten und seine Zunge nicht mehr zwingen. »Ist’s
möglich«, rief er, »diese Jammergestalt soll Elektras edles Bild sein? O gottlos,
o frevelhaft entstellter Leib! Wer hat dich so zugerichtet?« Elektra blickte
ihn verwundert an und sprach: »Das macht, ich muß den Mördern meines Vaters
dienen, gezwungen von der verruchten Mutter, und mit der Asche in dieser Urne
ist alle meine Hoffnung dahin!« »Stell diesen Aschenkrug weg!« rief der Jüngling
mit tränenerstickter Stimme, und als Elektra sich weigerte und die Urne fester
ans Herz drückte, sprach er weiter: »Weg mit der leeren Urne, es ist alles nur
Schein!« Da schleuderte die Jungfrau das Gefäß von sich und rief in Verzweiflung:
»Wehe mir! wo ist sein Grab denn?« »Nirgends« war die Antwort des Jünglings;
»den Lebendigen wird kein Grab gemacht!« »So lebt er, lebt er?« »Er lebt, wenn
anders ich selbst vom Lebenshauch beseelt bin; ich bin Orestes, bin dein Bruder,
erkenne mich an diesem Malzeichen, mit dem der Vater mich am Arme gezeichnet!
Glaubst du nun, daß ich lebe?« »O Lichtstrahl in der Nacht!« rief Elektra und
lag in seinen Armen.

In diesem Augenblicke kam der Mann aus dem Palast, welcher der Königin die
falsche Todesbotschaft aus Phokis überbracht hatte; es war der Pfleger des jungen
Orestes, dem einst Elektra selbst den Knaben übergeben und der ihn auf ihren
Befehl ins Land des Phokier geleitet hatte. Als er mit kurzen Worten der Jungfrau
dieses kundtat, reichte sie ihm erfreut die Hand und sprach: »O du einziger

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