Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden

admin am Mrz 29th 2008

Wagen schnaubten schon die Rosse eines andern. Man war bereits beim siebenten
Umlauf. Orest hat es jedesmal, wenn er die Zielsäule umfahren mußte, verstanden,
nur leise mit der Nabe anstreifend den Bogen zu nehmen, das Handpferd links
straff im Zügel, rechts das äußere locker lassend. Noch flogen die Wagen alle
mit gutem Glück dahin, da wurden die hartmäuligen Pferde des Ainianer scheu
und rannten gegen den Wagen des Libyers an. Durch diesen einen Fehler geriet
alles in Verwirrung, Wagen stürzten an Wagen; und bald war das Feld mit Trümmern
bedeckt. Nur der kluge Athener wich seitwärts, hemmte seine Rosse und ließ im
innern Kreise den Strudel der Wagen sich ineinanderwühlen. Hinter ihm drein
kommend, trieb als der letzte Orestes seine Rosse an. Wie dieser nun alles gestürzt
und in Unordnung und den Athener allein noch übrig sieht, klatscht er mit der
Peitsche seinem Viergespann ins Ohr, und so fährt bald, beide Führer im Sitz
aufrecht und vorgelehnt, das kühne Paar miteinander in die Wette. Jetzt nahte
die letzte Säule. Orestes war auf der langen Bahn glücklich vorwärts gekommen
und ließ, auf dies sein Glück vertrauend, allmählich auch mit dem innern Zügel
nach. So wandte sich sein linkes Roß zu früh, bog um und streifte kaum merklich
die Säule der Bahn. Und doch war der Stoß so groß, daß die Nabe mitten durchbrach,
der Arme vom Wagensitze glitt und an seinem Zaume dahingeschleift wurde. Als
er auf den Boden sank, flogen seine Rosse in wilder Flucht über den Sand; das
Volk jammerte laut auf, denn der schöne Jüngling wurde bald am Boden hingeschleift,
bald streckte er seine Glieder gen Himmel. Endlich hemmten die Wagenlenker selbst
mit Mühe sein Gespann und lösten den Geschleiften ab, der so mit Blut befleckt,
so entstellt war, daß selbst seine Freunde den Leib nicht mehr erkannten. Der
Leichnam wurde sofort schleunig auf dem Scheiterhaufen verbrannt, und wir Abgeordneten
aus Phokis bringen in einer kleinen Urne von Erz den jämmerlichen Überrest seines
sittlichen Leibes, damit sein Vaterland ihm ein Grab gönne.«

Der Bote endete: Klytämnestra aber fühlte sich von widersprechenden Gefühlen
bewegt; sie sollte sich eigentlich über den Tod des gefürchteten Sohnes freuen;
aber doch regte sich das Mutterblut mächtig in ihr, und ein unwiderstehlicher
Schmerz verkümmerte ihr das Gefühl der Sorglosigkeit, dem sie sich mit dieser
Nachricht endlich hingeben zu dürfen glaubte. Elektra dagegen war nur von einem
Gefühle, dem grenzenlosesten Jammer, besessen und machte diesem in lauten Wehklagen
Luft. »Wohin soll ich fliehen?« rief sie, als Klytämnestra mit dem Fremdling
aus Phokis in den Palast gegangen war; »jetzt erst bin ich einsam, jetzt erst
des Vaters beraubt; nun muß ich wieder die Dienstmagd der abscheulichsten Menschen,
der Mörder meines Vaters, sein! Aber nein, unter demselben Dache mit ihnen will
ich künftig nicht mehr wohnen, lieber werfe ich mich selbst hinaus vor das Tor
dieses Palastes und komme draußen im Elend um. Zürnet einer der Hausbewohner
darob? Wohl, er gehe heraus und töte mich! Das Leben kann mich nur kränken,
und der Tod muß mich erfreuen!« Allmählich verstummte ihre Klage, und sie versank
in ein dumpfes Brüten. Wohl mochte sie stundenlang so in sich vertieft auf der
Marmortreppe am Eingange des Palastes, den Kopf auf den Schoß gelegt, gesessen
haben, als auf einmal ihre junge Schwester Chrysothemis voll Freude dahergeflogen
kam und mit einem Jubelruf die Schwester aus ihrem brütenden Kummer weckte.
»Orestes ist gekommen«, rief sie; »er ist leibhaftig da, wie du mich selbst
hier vor dir siehest!« Elektra richtete ihr Haupt auf, blickte die Schwester
mit weit aufgerissenen Augen an und sprach endlich: »Redest du im Wahnsinn,
Schwester, und willst meiner und deiner Leiden spotten?« »Ich melde, was ich
gefunden«, stieß Chrysothemis heraus, lachend und weinend zugleich. »Höre, wie
ich auf die Spur der Wahrheit kam. Als ich an das überwachsene Grab unsers Vaters
kam, da sah ich auf der Höhe Spuren einer frischen Opferspende von Milch und
zugleich seine Ruhestätte mit mancherlei Blumen bekränzt. Staunend und ängstlich
durchspähete ich den Ort, und als ich niemand gewahr wurde, wagte ich es, weiterzuforschen.
Da entdeckte ich am Rande des Grabmals eine frisch abgeschnittene Locke. Auf
einmal steigt in meiner Seele, ich weiß nicht wie, das Bild unseres fernen Bruders
Orestes auf, und mich ergreift eine Ahnung, daß er, nur er es sei, von welchem
diese Spur herrühre. Unter heimlichen Freudentränen greife ich nach der Locke,
und hier bringe ich sie. Sie muß von des Bruders Haupte geschnitten sein!«

Elektra blieb bei dieser unsicheren Kunde ungläubig sitzen und schüttelte das
Haupt. »Ich bedaure dich deiner törichten Leichtgläubigkeit wegen«, sprach sie;
»du weißt nicht, was ich weiß.« Und nun erzählte sie der Schwester die ganze
Botschaft des Phokiers, so daß der armen Chrysothemis, die sich von Wort zu
Wort mehr um ihre Hoffnung betrogen fand, nichts übrigblieb, als in den Weheruf
mit einzustimmen. »Ohne Zweifel«, sagte Elektra, »rührt die Locke von irgendeinem
teilnehmenden Freunde her, der dem jämmerlich umgekommenen Bruder am Grabe des
ermordeten Vaters ein Andenken stiften wollte.« Und doch hatte sich die Heldenjungfrau
unter diesen Gesprächen wieder ermannt und machte der Schwester den Vorschlag:
da die letzte Hoffnung, den Vater durch die Hand des Sohnes zu rächen, mit Orestes
erloschen sei, die große Tat gemeinschaftlich mit ihr selbst zu vollführen und
den Missetäter Ägisth zu töten. »Besinne dich«, sprach sie; »du hast das Leben

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