Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden
admin am Mrz 29th 2008
könne. Meinst du, der Tote im Grabe werde das Weihgeschenk seiner Mörderin frohen
Mutes empfangen? Wirf du vielmehr alles hin, schneide dir und mir ein paar Locken
des Haupthaares ab und bring ihm dieses unser demütiges Haar und meinen Gürtel
da, das einzige, was ich habe, als wohlgefälliges Opfer dar. Wirf dich dazu
nieder und flehe zu ihm, daß er aus dem Erdenschoß als Beistand gegen unsere
Feinde heraufsteigen daß der stolze Fußtritt seines Sohnes Orestes bald erschalle
und seine Mörder niedertrete. Dann wollen wir sein Grab mit reicheren Opfern
schmücken!« Chrysothemis, zum ersten Male von der Rede der Schwester ergriffen,
versprach zu gehorchen und eilte mit dem Opfer der Mutter hinaus ins Freie.
Sie hatte sich noch nicht lange entfernt, so kam Klytämnestra aus den innern
Hallen des Palastes und fing in gewohnter Weise auf ihre ältere Tochter zu schmähen
an: »Du bist heute wieder ganz ausgelassen, scheint es, Elektra, weil Ägisthos,
der dich doch sonst in Schranken hielt, fort ist. Schämst du dich nicht, anders
als es einer sittsamen Jungfrau geziemt, den Deinen zur Schande vor das Tor
zu gehen und mich da wohl bei den aus- und eingehenden Mägden zu verklagen?
Nimmst du noch immer den Vater zum Vorwande deiner Anklage, daß er durch mich
gestorben sei? Nun wohl, ich leugne diese Tat nicht, aber nicht ich allein bin
es, die sie verrichtete, die Göttin der Gerechtigkeit stand mir zur Seite; und
auf ihre Seite solltest du auch treten, wenn du vernünftig wärest. Erfrechte
sich nicht dieser dein Vater, den du unaufhörlich beweinst, allein im ganzen
Volke, deine Schwester sich und Menelaos zum Vorteil hinzuopfern? Ist ein solcher
Vater nicht schändlich und sinnlos? Würde der Toten gewährt zu sprechen, gewiß,
sie würde mir recht geben! Ob aber du, Törin, mich schiltst, das gilt mir gleich!«
»Höre mich an«, erwiderte Elektra. »Du gestehst meines Vaters Mord. Das ist
Schande genug, mag dieser Mord nun gerecht gewesen sein oder nicht. Aber nicht
um der Gerechtigkeit willen hast du ihn erschlagen! Die Schmeichelei des schnöden
Mannes trieb dich dazu, der dich jetzt besitzt. Mein Vater opferte fürs Heer
und nicht für sich, nicht für Menelaos. Widerstrebend, gezwungen tat er es,
dem Volke zulieb. Und wenn er es für sich, wenn er es für seinen Bruder getan
hätte, mußte er deswegen von deiner Hand sterben? Mußtest du deinen Mordgenossen
zum Gemahl nehmen und die allerschimpflichste Tat auf die allerverruchteste
folgen lassen? Oder heißest du das vielleicht auch Vergeltung für den Opfertod
deines Kindes?« »Schnöde Brut!« rief Klytämnestra zornglühend ihr entgegen.
»Bei der Königin Artemis! du büßest mir diesen Trotz, ist nur erst Ägisth zurückgekommen.
Wirst du dein Geschrei einstellen und mich ruhig opfern lassen?«
Klytämnestra wandte sich von der Tochter ab und trat an den Altar des Apollon,
der vor dem Palaste wie vor allen Häusern der Griechen aufgestellt war, Haus
und Straße zu behüten. Das Opfer, das sie darbrachte, war bestimmt, den Gott
der Weissagungen wegen des Traumgesichtes zu versöhnen, das ihr in der letzten
Schreckensnacht im Schlafe vorgekommen war.
Und es schien, als wolle der Gott sie erhören. Noch hatte sie nicht ausgeopfert,
als ein fremder Mann auf die sie begleitenden Dienerinnen zuschritt und nach
der Königswohnung des Ägisth sich erkundigte. Von diesen an die Fürstin des
Hauses gewiesen, beugte er die Knie vor ihr und sprach: »Heil dir, o Königin,
ich bin gekommen, dir ein willkommenes Wort von deinem und deines Gemahles Freunde
zu verkünden. Mich sendet der König Strophios aus Phanote: es starb Orestes;
damit ist mein Auftrag zu Ende.« »Dies Wort ist mein Tod«, seufzte Elektra und
sank an den Stufen des Palastes nieder. »Was sagst du, Freund?« sprach hastig
Klytämnestra, den Altar mit einem Sprunge verlassend. »Kümmre dich nicht um
jene Närrin dort! Erzähle mir, erzähle!«
»Dein Sohn Orestes«, hub jener an, »von Ruhmbegier getrieben, war nach Delphi
zu den heiligen Spielen gekommen. Als der Herold den Anfang des Wettlaufs verkündigte,
so trat er herein in den Kreis, eine glänzende Gestalt, von allen angestaunt.
Ehe man ihn recht seinen Anlauf nehmen sah, dem Wind oder dem Blitze gleich,
war er am Ziele und trug den Siegespreis davon. Ja, soviel der Kampfrichter
Heroldsrufe ergehen ließ, in dem ganzen fünffachen Kampfe der doppelten Rennbahn
erschallte jedesmal als Name des Siegers Orestes, der Sohn Agamemnons, des Völkerfürsten
vor Troja. Dies war der Anfang der Wettkämpfe. Aber wenn ihn die höhere Gewalt
der Götter irremacht, so entgeht auch der Stärkste seinem Lose nicht. Denn als
nun am andern Tage wiederum bei Sonnenaufgang das Wettrennen der geflügelten
Rosse seinen Anfang nahm, war auch er unter vielen andern Wagenlenkern zur Stelle.
Vor ihm waren auf dem Kampfplatz ein Achaier, ein Spartaner und zwei wohlerfahrene
Rosselenker aus Libyen erschienen. Auf sie folgte Orestes als der fünfte, mit
thessalischen Pferden; dann, mit einem Viergespann von Braunen, kam ein Ätolier;
als siebenter ein Wettrenner aus Magnesia, der achte ein Kämpfer aus Ainia mit
schönen Schimmeln, beide Thrakier; aus Athen ein neunter und zuletzt auf dem
zehnten Wagen saß ein Böotier. Nun schüttelten die Kampfrichter die Lose, die
Wagen wurden in der Ordnung aufgestellt, die Trompete gab das Zeichen, und dahin
jagten sie alle, die Zügel schwingend und den Rossen Mut einrufend. Das Erz
der Wagen dröhnte, der Staub flog empor, keiner sparte die Geißel. Hinter jedem
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