Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden
admin am Mrz 29th 2008
der Tat Sorge für ihn getragen und ihn heimlich dem Sklaven, dem seine Aufsicht
anvertraut war, übergeben. Dieser hatte ihn nach Phanote im Lande Phokis gebracht
und ihn dort als ein heiliges Unterpfand dem befreundeten Könige Strophios übergeben,
der sein zweiter Vater wurde und ihn mit seinem eigenen Sohne Pylades sorgfältig
erzog.
Agamemnon gerächt
Elektra führte inzwischen im Königspalaste ihres ermordeten Vaters das traurigste
Leben, und nur die Hoffnung, ihren Bruder einst, zum Manne herangewachsen, als
Rächer in den väterlichen Hallen erscheinen zu sehen, fristete ihr kummervolles
Dasein. Von der Mutter wurde ihr die bitterste Feindschaft zuteil; im eigenen
Stammhause mußte sie mit den Mördern ihres Vaters wohnen und ihnen in allem
unterwürfig sein; auf sie kam es an, ob sie darben oder den notdürftigen Unterhalt
empfangen sollte. Auf dem Thron Agamemnons sah sie den Ägisth in königlicher
Herrlichkeit sitzen, sah ihn in dessen schönste Gewande, welche die Vorratskammern
des Palastes füllten, gekleidet einhergehen und den Schutzgöttern des Hauses
an derselben Stelle Trankopfer spenden, wo er seinen Blutsverwandten ermordet
hatte. Sie war Zeuge der zärtlichen Vertrautheit, mit welcher die freche Mutter
den Besudelten behandelte; denn diese, mit Lächeln über das hinschlupfend, was
sie Greuliches begangen hatte, ordnete alljährlich Festreigen an dem Tage an,
an welchem sie den Gatten trügerisch dahingewürgt, und brachte noch dazu den
Rettungsgöttern jeden Monat reichliche Schlachtopfer dar. Die Jungfrau verzehrte
sich bei diesem empörenden Anblicke in geheimem Gram; denn es war ihr nicht
einmal frei zu weinen vergönnt, sosehr ihr Herz darnach begehrte. »Was weinst
du, Gottverhaßte«, rief ihr die Mutter zornig zu, sooft sie dieselbe in Tränen
fand, »starb denn dir allein der Vater? Hat denn kein Sterblicher zu trauern
als du? Möchtest du doch in deinem törichten Jammer schmählich vergehen!« Zuweilen
ward ihr böses Gewissen durch ein eitles Gerücht aufgeschreckt, als sei Orestes
aus der Fremde im Anzug; dann wütete sie am rückhaltlosesten gegen die unglückliche
Tochter. »Nun, wäre es nicht deine Schuld«, rief sie ihr zu, »wenn er käme?
Bist nicht du es, die ihn aus meiner Hand hinweggestohlen und heimlich davongeschickt
hat? Doch wirst du dich deiner Anschläge nicht freuen; der verdiente Lohn ereilt
dich, ehe du es denkst!« In solchen Scheltworten stand ihr dann der verworfene
Gatte Ägisth bei, und vor beider Flüchen verbarg sich Elektra in die dunkelste
Kammer des Hauses.
Jahre waren so hingeschwunden, während welcher sie unaufhörlich auf die Erscheinung
ihres Bruders Orestes harrte; denn dieser hatte bei seiner Flucht, so jung er
war, doch der Schwester das Versprechen hinterlassen, zur rechten Zeit, wenn
er Manneskraft in seinem Arme mitbringen könnte, da zu sein. Jetzt aber zögerte
der herangereifte Jüngling so lange, und die nahen wie die fernen Hoffnungen
erloschen allmählich in dem trostlosen Herzen der trauernden Jungfrau.
Bei ihrer jüngeren Schwester Chrysothemis, die nun auch längst herangewachsen
war, aber nicht das männliche Gemüt Elektras besaß, fand die treue Tochter Agamemnons
keine Unterstützung ihrer Pläne und wenig Trost in ihrem Schmerz. Doch geschah
dies nicht aus Gefühllosigkeit, sondern nur aus Schwäche des weiblichen Herzens.
Chrysothemis gehorchte der Mutter und widersetzte sich nicht halsstarrig ihren
Befehlen wie Elektra. So kam sie denn auch eines Tages mit Opfergeräte und Grabesspende
für Verstorbene im Auftrage der Mutter vor das Tor des Palastes gegangen und
trat der Schwester hier in den Weg. Elektra schalt sie über diesen Gehorsam
und fand es schnöde, daß ein Kind solchen Mannes des Vaters vergessen und der
ruchlosen Mutter stets gedenken könne. »Willst du denn«, erwiderte ihr Chrysothemis,
»so lange Zeit hindurch niemals lernen, leerem Grame dich nicht fruchtlos hinzugeben?
Glaube nur, daß mich auch kränkt, was ich sehe, und nur aus Not ziehe ich mein
Segel ein. Dich aber, dies vernahm ich von den Grausamen, wollen sie, wenn du
nicht aufhörst zu klagen, ferne von dem Elternhause in einen tiefen Kerker werfen,
wo du den Strahl der Sonne niemals wieder schauen sollst. Bedenke dies und gib
nicht mir die Schuld, wenn jene Not einbricht!« »Mögen sie es tun«, antwortete
Elektra stolz und kalt, »mir ist am wohlsten, wenn ich recht ferne von euch
allen bin! Aber wem bringst du dieses Opfer da, Schwester?« »Es ist von der
Mutter unserm verstorbenen Vater bestimmt.« »Wie, für den Ermordeten?« rief
Elektra staunend. »Sprich, was bringt sie auf solche Gedanken?« »Ein nächtliches
Schreckbild«, erwiderte die jüngere Schwester. »Sie hat, so geht die Sage, unsern
Vater im Traume geschaut, wie er den Herrscherstab, den er einst trug und jetzt
Ägisth trägt, in unserm Hause ergriff und in die Erde pflanzte. Diesem entsproßte
alsobald ein Baum mit Ästen und üppigen Zweigen, der über ganz Mykene seinen
Schatten verbreitete. Durch dieses Traumbild geschreckt und zu banger Furcht
aufgeregt, schickt sie mich heute, wo Ägisth nicht zu Hause ist, des Vaters
Geist mit diesem Grabesopfer zu versöhnen.« »Teure Schwester«, sprach Elektra
auf einmal in bittendem Tone, »ferne sei, daß die Spende des feindseligen Weibes
das Grab unseres Vaters berühre! Gib das Opfer den Winden, vergrab es tief in
den Sand, wo auch kein Teilchen davon die Ruhestätte unsers Vaters erreichen
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