Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden
admin am Mrz 29th 2008
und als der ganze Zug vor dem Königspalaste zu Mykene angekommen war, trat sie
freundlich zu dem Wagen und rief ihr zu: »Steige herab, traurige Jungfrau, und
gib dem Verdrusse Abschied! Mußte doch selbst Alkmenes unbezwinglicher Sohn,
Herakles, einst in die Knechtschaft wandern und sein Haupt unter das Joch einer
fremden Herrin beugen! Wem das Schicksal einen solchen Zwang zugedacht hat,
der darf sich glücklich preisen, wenn er unter Herren kommt, bei denen alter
Reichtum zu Hause ist; denn wer das Glück erst kurz und unverhofft geerntet
hat, pflegt hart und übermütig gegen Knechte zu sein. Sei getrost, du sollst
alles bei uns erhalten, was billig ist!«
Kassandra veränderte ihre Miene nicht bei diesen Worten; lange blieb sie ohne
Regung auf dem Stuhl ihres Wagens sitzen, die Dienerinnen mußten sie nötigen,
ihren Platz zu verlassen. Endlich sprang sie vom Sitze wie ein gescheuchtes
Wild, ihr Herz wußte alles, was ihr bevorstand; sie war gewiß, daß der Schluß
des Schicksals nicht zu ändern sei; und hätte sie ihn ändern können, sie hätte
der Rachegöttin den Feind ihres Volkes nicht entziehen wollen, und weil er doch
ihr Retter war, so verdroß es sie nicht, mit ihm zu sterben. Im Palaste wurden
der Fürst Agamemnon und alle mit ihm Angekommenen durch Zurüstungen zu einem
prächtigen Gastmahle getäuscht. Bei diesem Mahle hatte er von den gedungenen
Knechten des Ägisth wie ein Stier an der Krippe erschlagen werden sollen. Die
Ankunft der Wahrsagerin aber bestimmte die Königin und ihren Ehebrecher, die
Entscheidung nicht auf diesen Hinterhalt auszusetzen, sondern rascher und einsamer
zu Werke zu gehen.
Agamemnon, von der Fahrt ermüdet und vom Wege durch das Land nach der Stadt
bestäubt, verlangte nach einem erquickenden Bade, und Klytämnestra erklärte
ihm mit liebreicher Zuvorkommenheit, daß sie dieses Bedürfnis längst vorhergesehen
und daß ein warmes Bad für ihn bereitgehalten sei. Der König betrat ahnungslos
das Badegewölbe seines Palastes, legte Panzer, Waffen und alle Gewande ab und
bestieg wehrlos und entkleidet den Badebehälter. Da brachen Ägisth und Klytämnestra
aus ihrem Verstecke hervor, warfen ihm ein festgewundenes Netz über den Leib
und durchbohrten ihn mit wiederholten Dolchstichen. Sein Hilferuf drang aus
dem unterirdischen Gemache, wo die Bäder sich befanden, nicht hinauf in den
obern Palast. Unmittelbar nachher ward Kassandra, die einsam durch die dunkeln
Vorhallen des Königspalastes hin und her irrte, das Geschehende sah und in Rätselsprüchen
verkündete, niedergemacht.
Sobald die doppelte Untat geschehen war, gedachten die Mörder, auf ihren Anhang
vertrauend, sie nicht länger zu verbergen. Die beiden Leichname wurden im Palaste
ausgestellt; Klytämnestra berief die Häupter der Stadt und sprach ohne Rückhalt
und ohne Scheu: »Verarget mir, Freunde, meine bisherige Verstellung nicht. Ich
habe dem Todfeinde meines Hauses, dem Mörder meines geliebtesten Kindes, seine
Blutschuld nicht anders bezahlen können; ja ich habe ihn ins Netz gelockt, wie
einen Fisch habe ich ihn gefangen; mit drei Dolchstichen, im Namen des unterirdischen
Pluton geführt, habe ich meine Tochter gerächt. Es ist Agamemnon, mein Gatte,
von meiner eigenen Hand umgebracht; ich leugne es nicht. Hat er doch, als handelte
es sich um den Tod eines Schlachtviehes, sein eigenes Kind, mir das liebste,
geopfert, um mit meinem Mutterschmerze die thrakischen Winde zu besänftigen.
Verdiente ein solcher Frevler zu leben, verdiente er ein so schönes, ein so
frommes Land zu beherrschen? Ist’s nicht gerechter, daß Ägisth euch befehle,
der keinen Kindermord auf dem Gewissen hat, der in Atreus und im Atriden nur
Erbfeinde seines Vaters gerächt hat? Ja es ist billig, daß ich ihm die Hand
reiche, daß ich Palast und Thron mit ihm teile, der das Werk der beleidigten
Mutterliebe, das Werk der Gerechtigkeit mir vollbringen half. Er ist ein Schild
meiner Kühnheit; solang er und sein Anhang mich beschützt, wird niemand es wagen,
mich wegen meiner Tat zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Was jene Sklavin betrifft«
- mit diesen Worten deutete sie auf Kassandras Leichnam -, »so war sie die Buhlerin
des Treulosen; sie hat die Strafe des Ehebruchs erlitten und soll den Hunden
zum Zerfleischen vorgeworfen werden.«
Die Häupter der Stadt blieben auf diese Rede stumm. An Gegenwehr war nicht
zu denken: die Bewaffneten des Ägisth umgaben den Palast; Waffengeklirr ertönte,
und drohende Laute ließen sich hören. Die Krieger Agamemnons, deren eine weit
kleinere Schar aus dem männervertilgenden Kampfe von Troja heimgekehrt war,
hatten sich in der Stadt zerstreut und sorglos die Waffen von sich gelegt. Der
wilde Anhang des Ägisth durchzog Mykene in voller Rüstung und metzelte jeden
nieder, der gegen den gräßlichen Mord seines Fürsten sich auflehnte.
Die Frevler versäumten auch nichts, ihre Herrschaft zu befestigen. Alle Ehrenstellen,
alle Kriegsämter wurden unter ihre treuesten Anhänger verteilt. Die Töchter
Agamemnons betrachteten sie als gefahrlose Weiber; aber zu spät fiel ihnen ein,
daß in dem jungen Orestes, dem jüngsten Kinde Agamemnons und Klytämnestras,
dem Vater ein Rächer nachwachse. Obgleich er kaum zwölfjährig war, hätte sie
ihn doch gerne getötet, um sich von aller Furcht der Strafe zu befreien. Aber
seine kluge Schwester Elektra, besonnener als die Mörder, hatte sogleich nach
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