Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden

admin am Mrz 29th 2008

seiner furchtbaren Kriegerschar sie nicht unvorbereitet überraschen möchte.
Seit Jahren war auf den Zinnen des Palastes ein Wächter aufgestellt, dem ein
nächtliches Fackelzeichen von der Meergrenze des Landes her die Nachricht von
der Eroberung Trojas und der Ankunft des Königes geben sollte. War die Kunde
einmal gekommen, so sollte es an Zurüstungen nicht fehlen, dem Könige Agamemnon
einen festlichen Empfang zu bereiten und ihn in die Falle zu locken, noch bevor
er den wahren Zustand der Dinge in seiner Heimat erführe.

Endlich erglänzte die Fackel bei Nacht. Der Wächter eilte von der Zinne herab
und meldete der Herrin das erblickte Zeichen. Mit Ungeduld erwarteten Klytämnestra
und ihr Buhle den Morgen; und die Sonne war noch nicht lange aufgegangen, als
schon ein Herold, von dem heimkehrenden König abgesandt, mit Olivenzweigen sein
Haupt beschattend, auf den Palast von Mykene zugeschritten kam. Die Königin
ging ihm mit verstellter Freundlichkeit entgegen. Doch sorgte sie, daß der Bote
sich im Königshause nicht umsehen konnte, und als dieser in einer langen Erzählung
seiner Siegesfreude Luft machen wollte, unterbrach sie ihn hastig und sprach:
»Bemühe dich nicht; am besten werde ich das alles aus dem Munde meines königlichen
Gemahles selbst erfahren. Kehre zurück und beschleunige seinen Weg. Sage ihm,
wie erwünscht er mir und der Stadt komme und daß ich selbst mich zum Aufbruch
anschicken werde, ihn nicht nur als meinen verehrten und geliebten Gatten, sondern
auch als den herrlichen Eroberer einer weltberühmten Stadt nach Würden zu empfangen.«
Agamemnons Ende

Als der König Agamemnon im Sturme von dem Vorgebirge Malea zurückgeworfen worden
war, trieb ihn der Wind mit seinem Schiffzuge nach dem südlichen Gestade des
Landes, wo einst sein Oheim Thyestes geherrscht hatte und jetzt der Fürstensitz
des Ägisth war. Er warf die Anker aus und wartete günstigen Fahrwind in einer
sicheren Hafenbucht ab. Ausgeschickte Kundschafter brachten ihm die Nachricht,
daß der König des Landes, Ägisth, mit seiner Gemahlin Klytämnestra, seit diese
von Aulis zurückgekehrt, in nachbarlicher Freundschaft gelebt habe, ja daß derselbe,
schon seit geraumer Zeit nach Mykene berufen, in der Königin Namen das Reich
Agamemnons verwalte. Der Völkerfürst erfreute sich dieser Nachricht und suchte
nichts Arges darunter. Er dankte den Göttern, daß der alte Rachegeist aus seinem
Hause verschwunden sei. Ihm selbst, der so viel Griechen- und Barbarenblut vor
Troja notgedrungen vergossen hatte, war der Durst nach Blutrache vergangen,
und sein Inneres dachte nicht daran, den Mörder seines Vaters, der doch selbst
nur gerechte Rache genommen hatte, zu strafen. Auch das Herz seiner Gemahlin
glaubte er durch den langen Zeitraum beschwichtiget. Unter fröhlichen Hoffnungen
lichtete er die Anker bei günstigem Wind und lief mit seinen Kriegern wohlbehalten
in den Hafen seiner Heimat ein.

Sobald er hier den Göttern ein Dankopfer für Rettung und beglückte Fahrt am
Ufer dargebracht hatte, folgte er mit seiner Kriegerschar dem abgesandten Herold.
Vor der Stadt Mykene kam ihm das gesamte Volk entgegen, seinen Vetter Ägisth,
der im ganzen Lande als königlicher Verwalter des Reiches galt, an der Spitze.
Alsdann erschien auch, von den Frauen ihres Hauses begleitet und von den streng
bewachten Kindern umgeben, die Königin Klytämnestra. Wie man bei erheuchelter
Freude pflegt, empfing sie den Gemahl mit allen ersinnlichen Ehrenbezeugungen
und mit übertriebener Ehrfurcht; ja statt ihn zu umfangen, warf sie sich vor
ihm auf die Knie nieder und ergoß sich in Glückwünschungen und Lobsprüchen.
Agamemnon aber eilte freudig auf sie zu, erhob sie vom Boden, umarmte sie und
sprach: »Was denkst du, Ledas Tochter, daß du wie eine Sklavin den Barbarenherrn,
fußfällig im Staube dich wälzend, mich empfängst? Und was sollen diese herrlichen
gestickten Teppiche, die unter meinen Fußtritt gebreitet sind? So empfängt man
unsterbliche Götter und nicht sterbliche schwache Menschen. Ehre mich so, daß
die Himmlischen mich nicht beneiden!«

Nachdem er die Gattin so begrüßt und die Kinder umarmt und geküßt, wandte er
sich um zu Ägisth, der mit den Häuptlingen der Stadt seitwärts stand, reichte
ihm brüderlich die Hand und sagte ihm freundlichen Dank für die sorgfältige
Verwaltung des Landes. Dann löste er die Riemen seiner Schuhe und ging barfuß
über das kostbare Gewebe der Teppiche durch die ganze Stadt bis zu seinem Palaste.
In seinem Gefolge befand sich auch Kassandra, die weissagende Tochter des Priamos,
die in der Beute dem Völkerfürsten, der sie von den ruchlosen Händen Ajax’ des
Lokrers befreit hatte, zuteil geworden war. Sie saß mit gesenktem Haupt und
niedergeschlagenen Augen auf einem hohen, auch mit anderer Beute beladenen Wagen.
Als Klytämnestra die edle Gestalt der Jungfrau gewahr wurde, überschlich sie
ein Gefühl der Eifersucht, zu welchem sie freilich am wenigsten berechtigt war;
gewaltiger aber noch befiel sie ein Schrecken, als sie den Namen der Gefangenen
erkundet und erfahren hatte, daß sie die wahrsagende Priesterin der Pallas in
ihrem durch Ehebruch entweihten Hause beherbergen sollte. Die höchste Gefahr
deuchte ihr deswegen, länger mit ihrem verruchten Vorhaben zu zögern, und schnell
war ihr arglistiger Entschluß gefaßt, die fremde Jungfrau auf eine Stunde mit
dem Gatten zu verderben. Doch verbarg sie sorgfältig ihr Inneres vor der Seherin,

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