Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden
admin am Mrz 29th 2008
und ließ nun auf der Stelle an alle Bewohner seines rauhen Küstenlandes den
Befehl ergehen, die Rosse aufzuzäumen, dem Meeresstrande zuzusprengen, das Griechenschiff,
wenn es durch die Wellen ans Land geschleudert wäre, zu fassen und unter dem
Beistande der Göttin Artemis die flüchtigen Verbrecher einzufangen. Das Fahrzeug
sollte mit allen Ruderern versenkt werden, die beiden Fremdlinge aber mit der
treulosen Priesterin wollte er vom schroffen Felsen ins Meer hinabstürzen oder
bei lebendigem Leib mit dem Pfahle spießen lassen.
Und schon jagte er an der Spitze seines riesigen Volkes dem Meeresufer zu,
als plötzlich eine himmlische Erscheinung den Zug hemmte und den König wider
Willen stillezustehen zwang. Pallas Athene, die erhabene Göttin, war es, deren
Riesengestalt, von einer lichten Wolke umgeben, über der Erde schwebend, dem
Heereszuge den Weg vertrat und deren Götterstimme wie Donner über die Häupter
der Taurier hinrollte: »Wohin, wohin jagest du, König Thoas, erhitzt und atemlos
mit deinem Volke? Schenke den Worten einer Göttin Gehör! Laß die Haufen deines
Heeres ruhen, laß meine Schützlinge frei abziehen! Das Verhängnis selbst hat,
durch den Ausspruch Apollos, den Orestes hierhergerufen, daß er, von den Furien
befreit, seine Schwester ins Vaterland zurückgeleite und das heilige Bildnis
der Artemis in meine geliebte Stadt Athen bringe, wohin sie selbst begehret
hat! Die Flüchtlinge trägt deswegen Poseidon, der Meeresgott, mir zulieb auf
unbewegter Meeresfläche in ihrem Ruderschiffe dahin, und Orestes wird in Athen
der taurischen Artemis Bild in einem heiligen Hain und neuen, herrlichen Tempel
aufstellen, und Iphigenia wird auch dort ihre Priesterin sein, dort sterben,
dort ihre fürstliche Gruft finden. Du, o Thoas, und du Volk der Taurier, gönnt
ihnen allen ihr Geschick und zürnet nicht!«
Der König Thoas war ein frommer Verehrer der Götter. Er warf sich vor der Erscheinung
nieder und sprach anbetend: »O Pallas Athene! Wer Götterwort vernimmt und sein
Ohr nicht ihm zuneiget, der denkt verkehrt. Kampf mit allmächtigen Göttern bringt
keine Ehre. Mögen deine Schützlinge mit dem Bildnis der Göttin ziehen, wohin
sie wollen; mögen sie das Bild glücklich in deinem Reiche aufstellen. Ich senke
meine Lanze vor den Göttern. Laßt uns umwenden und in die Mauern unserer Stadt
zurückkehren.«
Es geschah, wie Athene verkündet hatte. Die taurische Artemis erhielt ihren
Tempel und behielt ihre Priesterin Iphigenia in Athen. Orestes setzte sich zu
Mykene als beglückter König auf den Thron seiner Väter und gewann mit der einzigen,
lieblichen Tochter des Menelaos und der Helena, Hermione, die vergebens an Neoptolemos,
den Sohn des Achill, verlobt worden war und die ihm der Bräutigam mit Verlust
seines eigenen Lebens lassen mußte, auch das Königreich Sparta, und zuvor noch
hatte er Argos erobert. So besaß er ein mächtigeres Reich, als je sein Vater
besessen. Seine Schwester Elektra setzte ihr Gemahl Pylades auf den Thron von
Phokis. Chrysothemis starb unvermählt; Orestes selbst erreichte ein Alter von
neunzig Jahren. Da regte sich der alte, erlöschende Fluch der Tantaliden noch
einmal: eine Schlange stach ihn in die Ferse, daß er starb.
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