Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden

admin am Mrz 29th 2008

und Pylades aus dem Tempel geführt wurden, und es währte nicht lange, so war
Iphigenia mit den Gefangenen und einigen Trabanten des Königes auf dem Wege
zum Meeresufer aus dem Gesichtskreise des Tempels verschwunden. Thoas begab
sich in das Innere desselben und ließ dort die von der Priesterin gebotene Räucherung
vornehmen, die bei der Größe des Gebäudes eine geraume Zeit erforderte.

Nach mehreren Stunden kam ein Bote vom Meeresufer dahergeeilt! »Treulose Weiberseelen!«
fluchte er vor sich hin, als er erhitzt und keuchend vor der Tempelpforte stand
und an das verschlossene Tor pochte. »Holla, ihr Leute drinnen«, schrie er,
»öffnet die Riegel; tut dem Herrn zu wissen, daß ich als Überbringer schlimmer
Neuigkeit vor dem Tore stehe!« Die Türflügel öffneten sich, und Thoas selbst
trat aus dem Tempel. »Wer ist’s«, sprach er, »der mit seinem Lärm den Frieden
dieses heiligen Hauses zu stören sich herausnimmt?« »Vernimm, o König, welche
Botschaft ich dir bringe«, hub der Diener an. »Die Priesterin des Tempels, dieses
Griechenweib, ist mitsamt den Fremden und dem Standbild unserer erhabenen Schutzgöttin
aus dem Lande entronnen! Das ganze Entsündigungsfest war eine Lüge!« »Was sagst
du?« rief der König, der Unmögliches zu hören glaubte. »Welcher böse Geist hat
dieses Weib ergriffen? Wer ist es, mit dem sie flieht?« »Ihr Bruder Orestes«,
erwiderte der Bote; »derselbe, den sie hier dem Opfertode geweiht zu haben schien.
Hör die ganze Geschichte, und dann sinne auf Mittel, wie wir die Flüchtigen
verfolgen und beifahen, denn ihre Fahrt ist lang, und dein Speer kann sie schon
noch erreichen! Als wir ans Gestade des Ozeans gelangt waren, wo das Schiff
des Orestes vor Anker lag, winkte Iphigenia uns, die wir die Fremdlinge in Fesseln
daherführten, haltzumachen, damit wir dem heiligen Brandopfer und der beschlossenen
Feier fernblieben. Sie selbst nahm den Fremden die Fesseln ab, hieß sie vorangehen
und trug sie, ihnen folgend. Zwar schien uns dieses schon etwas verdächtig,
indessen glaubten deine Diener, o Herr, es sich doch gefallen lassen zu müssen.
Hierauf, damit es schien, als würde mit der Sühnungshandlung wirklich der Anfang
gemacht, sang die Priesterin Zauberformeln ab und sprach in fremden Weisen allerlei
Gebete. Wir aber hatten uns gelagert und harrten. Endlich kam uns der Gedanke,
das entfesselte Paar könnte die wehrlose Frau getötet haben und entsprungen
sein. Wir machten uns daher auf und eilten der Felsenbucht zu, die uns den Anblick
der Priesterin und der Fremdlinge entzogen hatte. Als wir dicht an den Felsenstrand
gelangt waren, sahen wir ein Griechenschiff auf dem Wasserspiegel schwebend
und an fünzig Ruderer auf seinen Bänken; am Hinterteile des Schiffes, noch auf
dem Ufer standen die beiden Fremden, der Fesseln entledigt; die einen lichteten
die Anker und hängten sie ein, andere schlugen Zugbrücken, wanden an den Tauen,
ließen Leitern für die Fremdlinge nieder. Da besannen wir uns denn freilich
nicht länger; wir hatten das ganze Truggewebe vor uns und ergriffen das Weib,
das auch noch am Strande verweilte. Orestes aber, sein Geschlecht und Vorhaben
laut verkündend, wehrte sich mit Pylades für seine Schwester, die wir schleifend
zwingen wollten, uns zu folgen. Da weder wir noch die Fremdlinge Schwerter hatten,
so setzte es einen hartnäckigen Faustkampf. Indessen zwangen uns die Griechenjünglinge
zum Rückzuge, da auch die Schützen vom Hinterteile des Schiffes uns mit Pfeilen
aus der Ferne scharf zusetzten. Zu gleicher Zeit warf eine mächtige Meereswoge
das Schiff ans Land, und es fehlte wenig, so wäre es gescheitert. Da nahm Orestes
Iphigenien auf den Arm, die selbst das Bild in den Händen trug, sprang ins Wasser
und schnell die Leiter des Schiffes hinan. Dort legte er die Schwester mitsamt
dem Himmelsbilde der Artemis auf dem Verdecke nieder. Ihm nach war Pylades gesprungen,
und als alle glücklich im Schiffe sich befanden, brach das Schiffsvolk in dumpfen
Jubel aus und ruderte frisch durch die salzige Flut. Solange das Schiff durch
die Hafenbucht fuhr, glitt es in sanftem Laufe dahin; als es aber in die offene
See gelangt war, sauste ein Windstoß auf dasselbe herein und trieb es, trotz
aller Anstrengungen der Ruderer, an das Gestade zurück. Da sprang Agamemnons
Tochter flehend empor und rief laut: »Tochter Letos, jungfräuliche Artemis,
du selbst verlangtest ja durch das Orakel deines Bruders Apollo nach Griechenland,
rette mich mit dir dorthin, mich, deine Priesterin, und vergib mir den kühnen
Betrug, den ich mir gegen den Beherrscher dieses Landes erlaubt habe, dem ich
gezwungen so lange dienen mußte. Du selbst ja hast auch einen Bruder und liebst
ihn, du Himmlische! drum sieh auch unsere Geschwisterliebe gnädig an!« Zu diesem
Gebete der Jungfrau stimmten, die entblößten Arme ums Ruder geschlungen, die
Schiffer alle den flehenden Gesang, Päan genannt, an, wie ihnen befohlen ward.
Dennoch trieb das Schiff immer mehr an den Strand, und ich bin geradenweges
hierhergeeilt, um dir zu melden, was sich am Ufer dort begeben. Darum sende
du nur auf der Stelle Fangstricke und Fesseln ans Gestade; denn wenn das brausende
Meer nicht bald ruhig wird, so ist den Fremdlingen jeder Weg zur Flucht versperrt.
Der Meeresgott Poseidon denkt mit Zorn an die Zerstörung seiner Lieblingsstadt
Troja zurück; er ist ein Feind aller Griechen, und des Atridengeschlechts insbesondere.
So wird er denn, wenn mich nicht alles trügt, die Kinder Agamemnons heute in
deine Gewalt geben!«

Mit Ungeduld hatte der König Thoas das Ende des langen Berichtes abgewartet

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