Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden
admin am Mrz 29th 2008
ich geleistet. Da nimm, Orestes, ich händige dir das Schreiben ein, welches
die Schwester Iphigenia dir überschickt.« Orestes warf es auf den Boden und
umschlang die Wiedergefundene mit den Armen. Sie wollte ihm wehren, sie konnte
es nicht glauben, bis Erzählungen aus der innersten Geschichte des Atridenhauses
ihn ihr als denjenigen beglaubigten, als der er von Pylades bezeichnet ward.
»O Geliebtester!« rief die Jungfrau jetzt, »denn das bist du und nichts anderes,
du der Meine, der Meine, der einzige, der Bruder! Aus dem geliebten Argos kommend!
Wie jugendlich zart warest du, als ich dich verließ, im Arme des Pflegers ruhend,
sorglos und glücklich! Ja, glücklich, wie wir beide in diesem Augenblick es
sind.« - Doch Orestes war schon zur Besinnung gekommen, und sein Antlitz hatte
sich umwölkt. »Freilich sind wir jetzt glücklich«, sprach er, »aber wie lange
wird es währen? Ist nicht der Jammer, der Untergang uns gewiß?« Auch Iphigenia
bedachte sich voll Unruhe: »Was ersinne ich nun«, sagte sie bebend, »wie erlöse
ich dich aus dem Reiche des Barbarenfürsten, wie sende ich dich frei vom Tode
nach Argos zurück, daß du nicht mitsamt deinem Freunde am Opferherde dem Stahl
erliegen mußt? Aber schnell, ehe der Herr dieses Reiches, ungeduldig über den
verzögerten Tod der Gefangenen, erscheint, erzähle mir, Bruder, und verschweige
mir nichts von den entsetzlichen Ereignissen in unsrem unglücklichen Hause.«
Orestes meldete ihr mit gedrängten Worten alles, wie es sich begeben, und schloß
das Fürchterliche mit einer guten Kunde, mit der Verlobung Elektras und seines
Freundes. Während der Erzählung hatte sich die Jungfrau, so ganz sie Ohr war,
doch auch mit der Rettung ihres geliebten Bruders im Geiste beschäftigt, und
zuletzt hatte sich ihr ein glücklicher Gedanke dargeboten. »Ich habe«, rief
sie, »endlich den rechten Weg erdacht. Dein Seelenleiden, das sich bei eurer
Gefangennehmung am Strande noch einmal regte, soll mir zum Vorwande bei dem
König dienen. Du kommest, sage ich ihm, wie denn dies die Wahrheit ist, als
Muttermörder von Argos. Deswegen seiest du unrein und noch nicht entsündiget,
um als angenehmes Opfer der Göttin dargebracht zu werden. Erst müsse ein Wasserbad
im Meere die Blutspur abwaschen, welche deinem Leibe noch von dem entsetzlichen
Mord anklebe. Und weil du, im Tempel der Göttin dargestellt, ihr Bild als Schutzflehender
berührt habest, so sei auch dieses verunreinigt worden und bedürfe einer Reinigung
in der Meeresflut. Da nun mir, der Priesterin, allein vergönnt ist, das heilige
Bildnis zu berühren, so trage ich selbst dasselbe auf meinen Armen und in eurer
Begleitung - denn auch dich, Pylades, nenne ich als Teilhaber der Blutschuld,
wie du es denn auch in der Tat warest - an den Meeresstrand, dort wo euer Schiff
in der Bucht versteckt vor Anker liegt. Dies alles soll durch Überredung des
Königes geschehen; denn hintergehen ließe sich der Wachsame nicht. Das weitere
Gelingen des Planes, wenn wir einmal am Schiff angekommen sind, ist eure Sache,
ihr Freunde!«
Dies alles war zwischen den Geschwistern und ihrem Freund im Vorhofe des Tempels
verhandelt worden, ferne von den Dienern und Wachen. Jetzt wurden die Gefangenen
den Aufsehern wieder übergeben, und Iphigenia führte sie in das Innere des Tempels.
Nicht lange darauf erschien Thoas, der König des Landes, mit einem ansehnlichen
Gefolge und fragte nach der Tempelwächterin, denn der Verzug gefiel ihm nicht,
und er konnte nicht begreifen, warum die Leiber der Fremdlinge nicht schon lange
auf dem Hochaltare der Göttin brannten. Wie er nun eben vor dem Tempel angekommen
war, trat Iphigenia zu den Pforten desselben heraus und trug die Bildsäule der
Göttin auf den Armen. »Was ist das, Agamemnons Tochter«, rief der König erstaunt,
»warum trägst du dieses Götterbild von dem heiligen Gestelle in deinen Armen
fort?« »Es ist Abscheuliches geschehen, o Fürst!« erwiderte die Priesterin mit
bewegter Miene, »die Opfer, die am Strande erjagt worden, sind nicht rein; das
Standbild der Göttin, als sie sich ihm näherten, es schutzflehend zu umfangen,
drehte sich freiwillig auf seinem Sitze und schloß die Augenlider. Wisse, dieses
Paar hat Grauenhaftes verübt.« Und nun erzählte sie dem Könige, was im wesentlichen
Wahrheit war, und stellte das Verlangen an ihn, die Fremdlinge samt dem Bilde
entsündigen zu dürfen. Um ihn recht sicher zu machen, verlangte sie, daß die
Fremden wieder gefesselt und ihre Häupter als Frevler vor dem Strahl der Sonne
verhüllt würden; auch begehrte sie Sklaven zur Sicherheit, die im Gefolge des
Königs erschienen waren. Nach der Stadt - auch dies hatte die Jungfrau schlau
in ihrem Sinne ausgedacht - sollte der Fürst einen Boten senden, der den Bürgern
befehle, sich, bis die Entsündigung vorüber sei, innerhalb der Mauern zu halten,
um von der verpestenden Blutschuld nicht angesteckt zu werden. Der König selbst
sollte in ihrer Abwesenheit im Tempel bleiben und für die Ausräucherung des
gesamten Gewölbes besorgt sein, damit die Priesterin dasselbe nach ihrer Rückkehr
gereinigt wiederfinde. Sobald die Fremden aus dem Tore des Tempels träten, sollte
der König sein Antlitz ins Gewand hüllen, damit der Greuel sich ihm nicht mitteilen
könnte. »Und wenn es dir«, schloß die Priesterin ihren Antrag, »auch dünken
sollte, als säumte ich lang am Meeresstrande; werde darum nicht ungeduldig,
o Herrscher; bedenke, welchen großen befleckenden Frevel es zu entsündigen gilt!«
Der König willigte in alles und verhüllte sich das Haupt, als bald darauf Orestes
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