Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden

admin am Mrz 29th 2008

Geburt!« »Wie heißest denn aber du?« »Nenne mich einen Elenden«, erwiderte er;
»am besten ist’s, ich sterbe namenlos; dann werd ich doch nicht zum Gespötte!«
- Die Priesterin verdroß sein Trotz, und sie drang in ihn, ihm wenigstens seine
Vaterstadt zu nennen. Als der Name Argos im Ohr klang, zuckte es ihr durch die
Glieder, und sie rief heftig: »Bei den Göttern, Freund, stammst du wirklich
dorther?« »Ja«, sprach Orestes, »von Mykene, wo mein Haus einst beglückt war.«
»Wenn du von Argos kommst, Fremdling«, fuhr Iphigenia mit gespannter Erwartung
fort, »so bringst du wohl auch Nachrichten von Troja mit? Ist’s wahr, daß es
spurlos vertilgt ist? Kam Helena zurück?« »Ja, beides ist so, wie du fragst!«
»Wie geht’s dem Oberfeldherrn? Agamemnon, deucht mich, hieß er, der Sohn des
Atreus?« Orestes schauderte bei dieser Frage: »Ich weiß nicht«, rief er mit
abgewandtem Haupte. »Sprich mir von diesem Gegenstande nicht, o Weib!« Aber
Iphigenia bat ihn mit so weicher, flehender Stimme um Nachricht, daß er nicht
zu widerstehen vermochte. »Er ist tot«, sprach er, »durch die Gemahlin starb
er grausenhaften Todes!« Ein Schrei des Entsetzens entfuhr der Priesterin der
Artemis. Doch faßte sie sich und fragte weiter: »Sprich nur das noch: Lebt des
armen Mannes Weib?« »Nicht mehr«, war die Antwort, »ihr eigener Sohn hat ihr
den Tod gegeben; er übernahm das Rächeramt für seinen ermordeten Vater; doch
gehet es ihm schlimm dafür!« »Lebt noch ein anderes Kind Agamemnons?« »Zwei
Töchter, Elektra und Chrysothemis.« »Und was weiß man von der Ältesten, die
geopfert ward?« »Daß eine Hindin an ihrer Statt starb, sie selbst aber spurlos
verschwunden ist. Auch sie ist wohl schon lange tot!« »Lebt der Sohn des Gemordeten
noch?« fragte die Jungfrau ängstlich. »Ja«, sprach Orestes, »doch im Elend,
vertrieben, überall und nirgends!« »O trügerische Träume, weichet!« seufzte
Iphigenia vor sich hin. Dann hieß sie die Diener sich entfernen, und als sie
mit den Griechen allein war, sprach sie flüsternd zu ihnen: »Vernehmet etwas,
Freunde, das zu eurem und meinem Vorteil dient, wenn wir einig sind. Ich will
dich retten, Jüngling, wenn du mir ein Briefblatt in deine und meine Heimat
Mykene, an die Meinigen gerichtet, nehmen willst!« »Ich mag mich nicht retten
ohne den Freund«, antwortete Orestes; »ich bin ein Unglücklicher, von dem er
nicht gewichen ist. Wie sollte ich ihn in der Todesnot verlassen?« »Edler, brüderlich
gesinnter Freund!« rief die Jungfrau. »O wäre mein Bruder wie du! Denn wisset,
Fremdlinge, auch ich habe einen Bruder, nur daß er ferne aus meinen Augen ist.
- Aber beide kann ich euch nicht entlassen: das duldet der König nimmermehr.
Stirb denn du und laß deinen Pylades ziehen; welcher von euch mir das Blatt
besorgt - mir gilt es gleich!« »Wer wird mich opfern?« fragte Orestes. »Ich
selbst; auf Befehl der Göttin«, antwortete Iphigenia. »Wie, du, das schwache
Mädchen, schwingst auf Männer dein Schwert?« »Nein, ich benetze nur mit dem
Weihwasser deine Locken! Die Tempeldiener sind’s, die das Schlachtbeil schwingen.
Dein verbranntes Gebein empfängt sodann ein Felsenschild.« »O daß mich meine
Schwester bestattete!« seufzte Orestes. »Das ist freilich nicht möglich«, sagte
die Jungfrau gerührt, »wenn deine Schwester im fernen Argos weilt. Doch, lieber
Landsmann, sorge nicht, ich will deinen Scheiterhaufen löschen und mit Öl und
Honig beträufeln und deine Gruft ausschmücken, als wäre ich deine leibliche
Schwester! Jetzt aber laß mich gehen, die Zuschrift an die Meinen zu bestellen!«
Wie die Jünglinge allein, nur in der Ferne von Dienern bewacht waren, hielt
sich Pylades nicht länger: »Nein«, rief er, »bei deinem Tode leben kann ich
nicht! Diese Schmach verlange nicht von mir. Ich muß dir in den Tod folgen,
wie ich dir aufs weite Meer gefolgt bin. Phokis und Argos würden mich der Feigheit
zeihen. Alle Welt - denn böse ist die Welt - würde sagen, um die Heimat mir
zu gewinnen, hätte ich dich verraten, dich getötet, dir nach dem Reich, nach
dem Erbe getrachtet, zumal da ich dein künftiger Schwager bin und um deine Schwester
Elektra ohne Mitgift gefreit habe. Jedenfalls also will ich, muß ich mit dir
sterben!« Orestes wollte nichts von diesem Entschlusse hören, und noch stritten
sie, als Iphigenia, das beschriebene Blatt in der Hand, zurückkehrte. Als sie
den Empfänger Pylades hatte geloben lassen, daß er den Brief gewiß den Ihrigen
abliefern wolle, und dagegen geschworen, ihn zu retten, besann sich die Jungfrau,
und auf den Fall, daß das Schreiben durch irgendeinen Unglücksfall von der See
verschlungen würde, während der Überbringer mit dem Leben davonkäme, wollte
sie ihm den Inhalt überdies auch noch mündlich mitteilen. »Melde«, sprach sie,
»dem Orestes, dem Sohne des Agamemnon: Iphigenia, die in Aulis vom Opferherde
entrückt wurde, lebt und bestellet an dich, was folgt.« »Was höre ich«, fiel
ihr Orestes ins Wort, »wo ist sie? Steht sie von den Toten auf?« »Hier steht
sie«, sagte die Priesterin; »doch störe mich nicht! - ›Lieber Bruder Orestes!
Ehe ich sterbe, hole mich aus der fernen Barbarei nach Argos; erlöse mich vom
Opferherd, an dem ich im Dienste der Göttin die Fremdlinge morden muß. Tust
du es nicht, Orestes, so seien du und dein Haus verflucht!‹«

Die beiden Freunde konnten lange vor Staunen keine Worte finden, bis zuletzt
Pylades das Blatt aus ihren Händen nahm und gegen den Freund gewendet, ihm den
Brief überreichend, ausrief: »Ja, ich will den Eid auf der Stelle halten, den

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