Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden
admin am Mrz 29th 2008
im Meere und warfen eins ums andere in das Wasser, das strömend durch die Felsen
fällt, welche man die Symplegaden heißt. Es findet sich dort ein hohler, durchbrochener,
stets vom Wasser beschäumter Felssturz, eine Grotte für die Schneckenfischer.
Hier gewahrte ein Hirte von unsrer Schar zwei Jünglingsgestalten; sie kamen
ihm so schön vor, daß er sie für Götter hielt und vor ihnen niederfallen wollte.
Ein anderer aber, der neben ihm stand, ein frecher, ungläubiger Mensch, war
nicht so töricht; er lachte, als er seinen Kameraden die Knie beugen sah, und
sprach: ›Siehest du denn nicht, daß es schiffbrüchige Seeleute sind, die sich
in jene Felsenkluft gelagert haben, um sich zu verbergen, weil sie voll Angst
von dem Gebrauche gehört haben, daß wir hierzulande die Fremden, die an unsern
Strand geraten, zu opfern pflegen?‹ Diese Rede gefiel der Mehrzahl, und wir
schickten uns an, Jagd auf die Opfer zu machen. Da trat der eine der Fremdlinge
zu der Felskluft heraus, schüttelte sein Haupt und warf es wild umher, Arme
und Hände schlotterten ihm; laut aufstöhnend, vom Wahnsinne gepackt, rief er:
›Pylades, Pylades! siehest du dort nicht die schwarze Jägerin, den Drachen aus
dem Hades, wie sie mich zu morden begehrt, wie sie mit den wilden Schlangen
züngelnd auf mich zufährt? Und dort die andre, die Feueratmende, die hat ja
meine eigene Mutter im Arm und drohet sie auf mich zu schleudern! Wehe mir!
Sie erwürgt mich! Wie soll ich ihr entfliehen?‹ Von allen diesen Schreckbildern«,
fuhr der Hirte fort, »war weit und breit nichts zu sehen, sondern er hielt wohl
das Gebrüll der Rinder und das Hundgebell für Stimmen der Erinnyen. Uns aber
faßte alle ein Schrecken, zumal da der Fremdling sein Schwert von der Seite
zog und sich wie rasend auf die Rinderschar warf und ihnen das Eisen in die
Bäuche stieß, daß sich bald die Meeresflut rot färbte. Endlich ermannten wir
uns, bliesen mit unsern Muscheln das Landvolk zusammen und nahten uns den bewaffneten
Fremdlingen in einem geschlossenen Haufen. Der Rasende, den die Zuckungen des
Wahnsinns allmählich verlassen hatten, stürzte nun, am Mund von Schaume triefend,
zu Boden. Wir alle wandten uns ihm zu mit Werfen und Schleudern, während sein
Genosse ihm den Schaum abwischte und seinen eigenen Mantel ihm gewandt um den
Leib schlug. Bald aber sprang der Darniedergeworfene mit vollem Bewußtsein wieder
auf und wehrte sich seines Lebens. Zuletzt jedoch mußten sie der Überzahl weichen,
wir umschlossen sie in einem Kreise; die wiederholten Steinwürfe machten, daß
ihnen die Waffen aus den Händen fielen und ihre Knie ermattet zu Boden sanken.
Nun bemächtigten wir uns ihrer und geleiteten sie zu Thoas, dem Beherrscher
des Landes. Dieser hatte sie kaum zu Gesichte bekommen, als er auch schon befahl,
die Gefangenen dir als Todesopfer zuzusenden. Flehe nur, o Jungfrau, daß du
recht viel solche Fremdlinge abzuschlachten bekommst, denn es scheinen recht
herrliche Griechen zu sein. Tötest du solcher viele, so büßt Griechenland deine
Todesangst nach Gebühr, und du bist gerächt dafür, daß sie dich in der Bucht
von Aulis umbringen wollten!«
Der Hirte schwieg und erwartete die Befehle der Priesterin, die ihm auch wirklich
auftrug, die Fremdlinge zu holen. Als sich Iphigenia allein sah, sprach sie
zu sich selber: ›O Mein Herz, sonst warest du doch immer barmherzig gegen die
Fremdlinge, schenktest gerne deinen Stammgenossen eine Träne, sooft dir griechische
Männer in die Hände fielen! Nun aber, seit der Traum dieser Nacht mir die bittre
Ahnung eingeflößt hat, daß mein geliebter Bruder Orestes das Licht der Sonne
nicht mehr sieht - nun sollet ihr alle, die ihr nahet, mich grausam finden!
Sind doch die Unglücklichen den Beglückten immer abhold! O ihr Griechen, die
ihr mich wie ein Lamm zum Opferherde schlepptet, wo mein eigener Vater der Schlächter
war! Ha, nie vergesse ich diese Schreckenszeit! Ja wenn Zeus mir mit frischen
Winden den Mörder Menelaos einmal herbeiführen wollte und die trügerische Helena…‹
Sie ward in ihrem Selbstgespäch unterbrochen durch das Herannahen der Gefangenen,
die in Fesseln zu ihr geführt wurden. Als sie dieselben kommen sah, rief sie
denen, die sie brachten, entgegen: »Lasset den Fremden die Hände frei; die heilige
Weihe, die sie empfangen sollen, spricht sie von allen Banden los. Dann gehet
in den Tempel und bestellet alles, was dieser Fall erfordert!« Hierauf wandte
sie sich zu den Gefangenen und redete sie an: »Sprechet, wer ist euer Vater,
eure Mutter, wer eure Schwester, wenn ihr eine habt, die, jetzt eines so schmucken,
stattlichen Bruderpaares beraubt, allein in der Welt stehen soll? Woher kommt
ihr, bejammernswürdige Fremdlinge? Ihr hattet wohl eine weite Fahrt bis zu diesen
Ufern. Doch bereitet euch zu einer weiteren; denn jetzt geht eure Fahrt hinunter
ins Schattenreich!«
Ihr erwiderte Orestes: »Wer du auch immer seiest, o Weib, was beklagst du uns?
Wer das Henkerbeil schwingt, dem steht es übel an, sein Opfer zu trösten, ehe
er den Streich führt; und wem der Tod ohne Hoffnung droht, dem will auch das
Jammern nicht geziemen. Keine Tränen, weder von dir noch von uns! Laß das Geschick
ergehen!«
»Welcher von euch beiden ist Pylades? Das lasset mich zuerst wissen!« fragte
nun die Priesterin. »Dieser hier!« sprach Orestes, indem er auf seinen Freund
hindeutete. »Seid ihr Brüder?« »Durch Liebe«, antwortete Orestes, »nicht durch
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