Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden

admin am Mrz 29th 2008

Völkerstamm sandte, war aber diese: Als Agamemnons und Klytämnestras Tochter
auf Anraten des griechischen Sehers Kalchas, im Angesichte der Griechen, am
Strande von Aulis geopfert werden sollte und der Todesstreich gefallen war,
der eine Hindin anstatt der Jungfrau getroffen hatte, da stahl die erbarmungsvolle
Göttin Artemis das Mägdlein aus den Blicken der Griechen weg und trug sie durch
das Lichtmeer des Himmels auf ihren Armen über Meer und Land zu diesen Tauriern
und ließ sie hier in ihrem eigenen Tempel nieder. Dort fand sie der König des
Barbarenvolkes, Thoas mit Namen, und bestellte sie zur Priesterin des Artemistempels,
wo sie im Dienste der Göttin des fürchterlichen Brauches pflegen und, wie die
alte Sitte des rohen Landes heischte, jeden Fremdling, dessen Fuß dies Ufer
betrat - und meistens waren es Landsleute von ihr, Griechen, die dieses jammervolle
Los traf -, der Landesgöttin opfern mußte. Indessen hatte sie nur das Todesopfer
einzuweihen. Niedrigere Diener der Göttin mußten dasselbe sodann in das Heiligtum
hinein zur grausen Schlachtbank schleppen.

Jahre schon hatte die Jungfrau, ihres traurigen Amtes wartend, übrigens hochgehalten
vom Könige und um ihrer milden, griechischen Sitte und ihrer eigentümlichen
Liebenswürdigkeit willen verehrt vom Volke, fern von der Heimat und gänzlich
unbekannt mit den Geschicken des Hauses, vertrauert, als es ihr einstmals in
der Nachtruhe träumte, sie wohne fern von diesem Barbarenstrand im heimatlichen
Argos und schlafe von den Sklavinnen des Elternhauses umringt. Da fing auf einmal
der Rücken der Erde zu beben und zu zittern an, und ihr war, als flöhe sie aus
dem Palaste, stände draußen und müßte sehen und hören, wie das Dach des Hauses
zu wanken begann und der ganze Säulenbau, bis auf den Grund erschüttert, zu
Boden rasselte. Ein einziger Pfeiler - so dünkte ihr - vom väterlichen Hause
blieb übrig. Mit einem Male bekam dieser Pfeiler Menschengestalt; aus dem Säulenknauf
wurde ein Haupt, von blondem Haupthaar umwachsen, und dieses fing an, in vernehmlichen
Lauten zu reden, deren Inhalt jedoch der Jungfrau entfallen war, als sie wieder
erwachte. Im Traume aber geschah es noch, daß sie, ihrem Fremdenmord befehlenden
Amte getreu, den Menschen, der ein Pfeiler ihres Vaterhauses gewesen war, als
zum Tode bestimmt, mit dem Weihwasser besprengte und dazu bitterlich weinen
mußte, bis sie der Traum verließ.

Am Morgen, der auf dieselbe Nacht folgte, war Orestes mit seinem Freunde Pylades
am taurischen Uferstrande ans Land gestiegen, und beide schritten auf den Tempel
der Artemis zu. Bald standen sie vor dem Barbarengebäude, das eher einem Zwinger
denn einem Götterhause glich, und blickten staunend an dem hohen Mauerringe
empor. Endlich brach Orestes das Schweigen. »Du treuer Freund«, sprach er, »der
auch dieses Weges Gefahr mit mir geteilt hat, was fangen wir an? Wollen wir
den Treppenkranz, der sich um den Tempel schlingt, erklimmen? Aber wenn wir
droben sind, werden wir nicht in dem unbekannten Gebäude wie in einem Labyrinthe
umhertappen? Und werden nicht eherne Schlösser uns den Zugang zu den Gemächern
verschließen? Würden wir aber, indem wir Einlaß suchen, indem wir öffnen, an
dem Tore von den Wachen, die ohne Zweifel bei dem Heiligtum aufgestellt sind,
erhascht, so sind wir des Todes. Denn das wissen wir ja, daß Griechenmord den
Altar dieser unerbittlichen Göttin unaufhörlich bespritzt! Darum, wäre es nicht
geratener, zu dem Schiffe zurückzukehren, dessen Segel uns hierhergebracht hat?«

»Ei«, erwiderte Pylades, »das wäre wahrlich das erste Mal, daß wir miteinander
die Flucht ergriffen! Heilig soll uns der Ausspruch Apollos sein! Doch wahr
ist’s, fort müssen wir von diesem Tempel! Das Klügste ist, wir verbergen uns
in den dunklen Grotten, die das Meer bespült, ferne von unserem Fahrzeug, damit
keiner, der es erblickt, dem Herrscher dieses Landes von uns melden könne und
wir nicht von Waffengewalt, die gegen uns ausgesendet wird, übermannt werden.
Wenn aber dann die Nacht anbricht, dann laß uns frisch ans Werk schreiten. Die
Lage des Tempels kennen wir nun schon; irgendeine List wird uns ins Innere des
Tempelraumes führen, und haben wir das Götterbild einmal auf den Armen, so ist
mir vor dem Rückwege nicht mehr bange. Tapfre stürzen sich mutig in die Gefahr!
Haben wir rudernd nicht einen unermeßlichen Weg zurückgelegt? Nun wäre es doch
schmählich, wenn wir am Ziele umkehrten und ohne die Beute, die der Gott uns
bezeichnet hat, heimkehrten!«

»Wohl gesprochen!« rief Orestes, »es geschehe, wie du rätst! Wir wollen uns
verbergen, bis der Tag vorüber ist; die Nacht kröne unser Werk!«

Die Sonne stand schon höher am Himmel, als auf die Priesterin der Artemis,
die an der Schwelle ihres Tempels stand, ein Rinderhirt, der mit schnellen Schritten
vom Meergestade herbeigeeilt kam, zuschritt. Er brachte die Meldung, daß ein
paar Jünglinge, wohlgefällige Schlachtopfer der Göttin Artemis, am Ufer gelandet
seien. »Bereite nur, erhabene Priesterin«, sprach er, »je eher, je lieber das
heilige Wasserbad und schicke dich zu dem Werke an!« »Was für Landsleute sind
die Fremdlinge?« fragte Iphigenia traurig. »Griechen«, erwiderte der Hirt, »weiter
wissen wir nichts, als daß der eine von ihnen Pylades heißt und daß sie unsre
Gefangenen sind.« »Laßt hören«, fragte die Priesterin weiter, »wo geschah’s,
und wie finget ihr sie?« »Wir badeten eben«, erzählte der Hirt, »unsre Rinder

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