Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden

admin am Mrz 29th 2008

erhabene Beschützerin des Rechtes und du frommes Volk der Athener; möge dir
in jedem Kriege und in allen Dingen Sieg und Heil zuteil werden!«

Unter solchen Segenswünschen verließ Orestes den heiligen Hügel des Ares, geleitet
von seinem Freunde, der während des ganzen Gerichts nicht von seiner Seite gewichen
war; die Rachegöttinnen wagten es nicht, gegen den Spruch der Göttin sich an
dem Freigesprochenen zu vergreifen, auch scheueten sie die Gegenwart Apollos,
der bereit war, den Ausspruch des Gerichtes aufrechtzuerhalten. Aber die Sprecherin
der Schar stand von dem Sitze der Klägerinnen auf, und in übermenschlicher Größe
dem Gott und der Göttin als ebenbürtig entgegenstellend, ließ sie mit der rauhen
Stimme der Nacht ihre trotzige Einsprache gegen das Urteil also vernehmen: »Wehe
uns! Die uralten Gesetze habt ihr zu Boden getreten, ihr jüngeren Götter; habt
sie uns älteren Göttern aus den Händen gerungen! Verachtet, machtlos zürnend
stehen wir da. Doch soll euch euer Urteil gereuen, ihr Athener! Alles Gift unseres
erzürnten Herzens werden wir über diesen Boden ausschütten, wo die Gerechtigkeit
verachtet worden ist. Der Fraß soll über alle Pflanzen, das Verderben über alles
Leben kommen; mit Unfruchtbarkeit und Pest wollen wir Land und Stadt heimsuchen,
wir, die gekränkten, die beschimpften Göttinnen der Nacht!«

Als Apollo diesen fürchterlichen Fluch vernahm, trat er ins Mittel und sprach
besänftigend zu den mächtigen Göttinnen: »Folget mir, ihr Gnädigen! Zürnet nicht
allzusehr über das gefällte Urteil! Seid ihr doch nicht besiegt worden; aus
der Urne ist die gleiche Zahl schwarzer und weißer Steine hervorgegangen; das
Gericht ist nicht zu eurer Schmach ausgefallen, nur die Barmherzigkeit hat gesiegt,
nur die Billigkeit hat den Angeklagten, der zwischen zwei heiligen Pflichten
wählen und eine von beiden verletzen mußte, gerettet! Und das haben wir Götter
getan, nicht die Richter dieses Landes; und Zeus hat es gutgeheißen! Darum lasset
euren Grimm nicht an dem unschuldigen Volke aus. Verspreche ich euch doch in
seinem Namen, daß ihr Heiligtum und einen würdigen Sitz in seinem Lande erhalten
sollet, daß ihr auf glänzenden Altären der gerechten Stadt euren Sitz nehmen
werdet, verehrt als die unerbittlichen Göttinnen gerechter Rache von allen Bürgern
dieser Stadt!«

Diese Versicherung bekräftigte auch Athene selbst: »Glaubet mir, ehrwürdige
Göttinnen«, setzte sie hinzu, »wenn ihr in einem andern Lande euren Sitz aufschlaget,
daß euch das gereuen, daß ihr euch nach dem verschmähten sehnen werdet. Die
Bürger dieser Stadt sind bereit, euch in hohen Ehren zu halten: Chöre von Männern
und Frauen werden euren Ruhm feiern, neben dem Tempel des vergötterten Königes
Erechtheus sollt ihr ein geweihetes Heiligtum erhalten! Kein Haus wird gesegnet
sein, das euch nicht verehrt!«

Solche Versprechungen besänftigten allmählich den Zorn der strengen Rachegöttinnen;
sie gelobten ihren gnädigen Sitz in dem Lande zu nehmen, fühlten sich hochgeehrt,
daß sie gleich Athenen und Apollo Altäre und Heiligtum in der berühmtesten Stadt
besitzen sollten, und endlich wurde ihr Sinn so milde, daß sie auch ihrerseits
das feierliche Versprechen vor den anwesenden Göttern ablegten, die Stadt zu
schirmen, böse Wetter, Sonnenbrand, giftige Seuchen von ihrem Gebiet abzuhalten,
die Herden des Landes zu schützen, den Bund der Ehen zu segnen und im Einverständnisse
mit ihren Halbschwestern, den Parzen oder Schicksalsgöttinnen, das Wohl des
ganzen Landes auf alle Weise zu befördern. Ja sie wünschten dem ganzen Volke
ewige Eintracht und holden Frieden; und ihr schwarzer Chor brach unter Danksagungen
des himmlischen Geschwisterpaares auf und verließ, von der ganzen Einwohnerschaft
und Lobgesängen begleitet, den Areopag und die Stadt.
Iphigenia bei den Tauriern

Von Athen hatten sich die beiden Freunde, Orestes und Pylades, der erste nun
wieder von seiner Schwermut genesen, nach Delphi zu dem Orakel Apollos gewendet,
und dort fragte Orestes den Gott, was er weiter über ihn beschlossen hätte.
Der Spruch der Priesterin lautete dahin, daß der Königssohn von Mykene die Endschaft
seiner Not erreichen sollte, wenn er nach den Grenzen der taurischen Halbinsel,
in die Nachbarschaft der Skythen sich begeben hätte, wo Apollos Schwester Artemis
ein Heiligtum besitze. Dort sollte er das Bildnis der Göttin, das nach der Sage
dieses Barbarenvolkes vom Himmel gefallen war und daselbst verehrt wurde, durch
List oder andere Mittel rauben und, nach bestandenem Wagestück, dasselbe nach
Athen verpflanzen, denn die Göttin sehne sich nach milderem Himmelsstriche und
griechischen Anbetern, und ihr gefalle das Barbarenland nicht mehr. Wäre dieses
glücklich vollführt, so sollte der landesflüchtige Jüngling am Ziele seiner
Not stehen.

Pylades verließ seinen Freund auch auf dieser rauhen Wanderung nach einem gefahrvollen
Ziele nicht. Denn das Volk der Taurier war ein wilder Menschenstamm, der die
an seinem Ufer Gestrandeten und andere Fremde der Jungfrau Artemis zu opfern
pflegte. Den gefangenen Feinden hieben sie den Kopf ab, steckten ihn an einer
Stange über den Rauchfang ihrer Hütten und bestellten ihn so zum Wächter ihres
Hauses, der alles von der Höhe herab für sie überschauen sollte.

Die Ursache, warum das Orakel den Orestes in dieses wilde Land unter den grausamen

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