Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden

admin am Mrz 29th 2008

zu Delphi sich in meinen Schirm begeben, und ich habe ihn von dem vergossenen
Blut entsündigt. Darum ist es billig, daß ich ihm beistehe; und so bin ich denn
erschienen, einesteils für ihn zu zeugen, andernteils als sein Anwalt vor dem
ehrwürdigen heimlichen Gerichte dieser Stadt aufzutreten, das meine himmlische
Schwester Athene versammelt hat. Denn ich bin es, der ihm den Mord der Mutter
als eine fromme, den Göttern wohlgefällige Tat angeraten hat.« Mit solchen Worten
trat der Gott seinem Schützling noch näher. Die Göttin erklärte nun das Gericht
für eröffnet und forderte die Erinnyen auf, ihre Klage vorzubringen. »Wir werden
kurz sein«, nahm die Älteste unter ihnen als Sprecherin das Wort. »Du, den wir
verklagen! beantworte uns Frage um Frage: Hast du deine Mutter umgebracht oder
leugnest du’s?« »Ich leugne nicht«, sprach Orestes, doch erblaßte er bei der
Frage. »So sprich, wie hast du’s vollbracht?« »Ich habe ihr«, antwortete der
Angeklagte, »das Schwert in die Kehle gebohrt.« »Auf wessen Rat und Anstiften
hast du es getan?« »Der hier neben mir steht«, erwiderte Orestes, »der Gott,
hat mir’s durch einen Orakelspruch befohlen; und er ist da, mir dies zu bezeugen.«
Darauf verteidigte sich der Orestes kürzlich gegen die Richter, daß er in Klytämnestra
nicht mehr die Mutter, sondern nur die Mörderin des Vaters gesehen; und Apollo
ließ eine längere und beredtere Verteidigung folgen. Die Rachegöttinnen blieben
auch nicht stumm, und wenn der Gott mit schwarzen Farben den Mord des Gatten
den Richtern vor Augen gestellt, so schilderten sie dagegen den Frevel des Muttermordes.
Und als ihre Rede zu Ende war, sagte die Sprecherin: »Jetzt haben wir alle unsere
Pfeile aus dem Köcher versendet; wir wollen ruhig erwarten, wie die Richter
urteilen werden.«

Athene hieß die Stimmsteine, jedem einen schwarzen für die Schuld, einen weißen
für die Unschuld des Beklagten, unter die Richter verteilen; die Urne, in welche
die Steine zu legen waren, wurden in der Mitte des umzäunten Platzes aufgestellt;
und ehe die Richter sich zum Abstimmen anschickten, sprach die Göttin noch von
der erhöhten Stelle herab, auf welcher sie als Vorsitzerin des Gerichtes ihren
Thronsessel eingenommen hatte, indem sie sich aus demselben erhob und in ihrer
ganzen himmlischen Hoheit dastand: »Höret diese Bestimmung der Gründerin eurer
Stadt, Bürger von Athen! Jetzt wo ihr den ersten Streit wegen vergossenen Blutes
richtet! Für alle Folgezeit soll dieser Gerichtshof in euren Mauern bestehen.
Hier auf diesem heiligen Areshügel, wo einst im Amazonenkriege gegen Theseus
die feindlichen Heldinnen ihr Lager hatten und dem Gotte des Krieges ihr Opfer
darbrachten, soll, nach dem Orte benannt, der Areopag sein Blutgericht halten
und durch fromme Scheu die Bürger Tag und Nacht zurückschrecken. Aus den heiligsten
Männern der Stadt gebildet stifte ich ihn, unzugänglich dem Gewinne, ehrwürdig,
streng, einen wachsamen Schutz für die Schlafenden im ganzen Lande. Ihr alle
Einwohner sollet seine Würde scheuen und ihn schirmen als eine heilsame Stütze
eurer Stadt, wie kein anderes Volk in Griechenland oder unter den Ausländern
sie besitzt. Dies sei für die Zukunft verordnet. Nun aber, ihr Richter erhebet
euch, scheuet euren Eid und leget zur Entscheidung des Streites eure Stimmen
in die Urne nieder!«

Schweigend erhuben sich die Richter von den Sitzen und traten einer um den
andern an die Urne, und die Stimmsteine rollten nacheinander hinein. Als alle
abgestimmt hatten, traten auserlesene, durch einen Eid verpflichtete Bürger
hinzu und zählten die schwarzen und die weißen Steine ab. Da befand es sich,
daß die Zahl beider gleich war und die Entscheidung der vorsitzenden Göttin
zukam, wie sie sich im Beginne des Gerichtes dieselbe vorbehalten hatte. Athene
stand abermals von ihrem Sitze auf und sprach: »Ich bin von keiner Mutter geboren,
bin das alleinige Kind meines Vaters Zeus und aus seiner Stirne entsprungen,
eine männliche Jungfrau, des Ehebundes unkundig, doch die geborne Beschützerin
der Männer. Ich werde nicht auf die Seite des Weibes treten, das seinen Ehegatten
freventlich erschlagen hat, dem schnöden Buhlen zu Gefallen. Nach meines Herzens
Meinung hat Orestes wohlgetan: er hat nicht die Mutter umgebracht, sondern die
Mörderin des Vaters. Er siege!« Damit verließ sie den Richterstuhl, ergriff
einen weißen Stimmstein und fügte ihn den andern weißen Steinen hinzu. »Dieser
Mann«, sprach sie sodann feierlich, auf ihren Thron zurückgekehrt, »ist durch
Stimmenmehrheit von dem Vorwurf ungerechten Mordes freigesprochen!«

Als das Urteil gefällt war, wandte sich Orestes zu der Göttin und sprach in
tiefer Bewegung seines Herzens: »O Pallas Athene, die du mein Geschlecht und
mich des Vaterlands Beraubten gerettet hast, in ganz Griechenland wird man deine
Wohltat preisen und sagen: ›So wohnet denn jener Argiver wieder in der Väter
Palast, erhalten durch die Gerechtigkeit Athenes und Apollos und des Göttervaters,
ohne dessen Willen auch das nicht geschehen wäre.‹ Ich aber ziehe heim, diesem
Land und Volke schwörend, daß für ewige Zeiten kein Argiver kommen soll, die
frommen Athener zu bekriegen! Ja wenn lange nach meinem Tode einer meiner Landsleute
es wagen wollte, diesen meinen Eid zu verletzen, so wird von der Väter Gruft
aus noch mein Geist ihn strafen und ihm Unheil auf den Weg senden, daß er seine
verfluchten Pläne gegen diese Stadt nicht ausführen kann. Lebe denn wohl, du

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18

Gerne gelesen werden auch:

Allgemein Erzählungen, Sagen Märchen Romane

Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI | Comments RSS

Schreiben Sie einen Kommentar