Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden
admin am Mrz 29th 2008
laßt ihn uns mit unsrem Reigen umtanzen und seine beschwichtigte Seele durch
unsere Gesänge zu neuem Wahnsinn aufregen!«
Und schon wollten sie ihr furchtbares Lied anstimmen, als plötzlich ein überirdisches
Licht den Tempel durchleuchtete, die Bildsäule verschwunden war, und an ihrer
Stelle die lebendige Göttin Athene stand, mit ernsten blauen Augen auf die Menge
herniederblickend, die ihre Tempelhallen füllte, und den unsterblichen Mund
zu der himmlischen Rede erschließend.
»Wer hat sich in mein Heiligtum gedrängt?« sprach die Göttin. »Was für ungewohnte
Gäste muß ich in meinem Tempel gewahren? Ein Fremdling hält meinen Altar umfaßt,
und Weiber, keinem gezeugten Sterblichen ähnlich, haben sich in drohender Stellung
hinter ihm geschart. Redet, wer seid ihr alle und was wollet ihr?«
Orestes, von Furcht und Zittern sprachlos, lag noch immer auf dem Boden, die
Erinnyen aber standen unverzagt hinter ihm und nahmen das Wort. »Zeus’ Tochter«,
sprachen sie, »ohne Umschweif sollst du alles aus unsrem Munde hören. Wir sind
die Töchter der schwarzen Nacht, und Erinnyen nennt man uns drunten zu Hause.«
»Wohl kenn ich euer Geschlecht«, sprach Athene, »und euer Ruf ist oft schon
zu mir gedrungen. Ihr seid die Rächerinnen des Meineids und des Verwandtenmordes:
was kann euch in mein reines Tempelhaus fuhren?«
»Dieser Mensch, der hier zu deinen Füßen deinen Altar durch seine Gegenwart
besudelt!« sprachen sie. »Er hat seine eigene Mutter erschlagen. Richte du selbst
ihn; wir werden dein Urteil ehren, denn wir wissen, du bist eine strenge und
gerechte Göttin!«
»Wenn ihr mir denn den Richterspruch übertraget«, antwortete Pallas Athene,
»so sprich du zuerst, Fremdling, was kannst du gegen die Aussagen dieser Unterirdischen
vorbringen? Nenne mir zunächst dein Vaterland, dein Geschlecht und dein Schicksal,
und alsdann reinige dich von dem Frevel, der dir schuld gegeben wird. Solches
gestatte ich dir, weil du vor meinem Altare kniend liegst und ihn als demütiger
Schützling umfasset hältst! Auf alles jenes aber antworte mir ohne Gefährde!«
Jetzt erst wagte Orestes den Blick vom Boden zu erheben, richtete sich auf,
doch so, daß er immer noch vor der Göttin auf den Knien lag, und sprach: »Königin
Athene! Vor allen Dingen sei dir die Besorgnis um dein Heiligtum benommen! Ich
habe keinen unsühnbaren Mord begangen; ich umfange deinen Altar nicht mit unsauberen
Händen! Ich bin gebürtig aus Argos, und du kennst meinen Vater wohl. Es ist
Agamemnon der Völkerfürst, der Führer der griechischen Flotte vor Troja, mit
dem du selbst Ilios’ herrlichste Feste zerstörst hast. Dieser, nach Hause zurückgekehrt,
ist keines ehrlichen Todes gestorben, sondern meine Mutter, die mit dem fremden
Manne buhlte, hat ihn in ein trügerisches Netz gewickelt und umgebracht; das
Bad war der Zeuge seines Mordes. Da bin ich, der ich seitdem in der Verbannung
gelebt, nach langer Zeit zurückgekommen ins Vaterland und habe den Vater gerächt,
ich leugne es nicht, des geliebten Erzeugers Mord mit Mord an der Mutter gerächt.
Und zu dieser Tat hat dein eigener Bruder Apollo mich aufgemuntert, und sein
Orakel hat mir mit großer Seelenqual gedroht, wenn ich die Mörder meines Vaters
nicht bestrafe. Nun sollst du Schiedsrichterin sein, o Göttin, ob ich mit Recht
oder Unrecht gehandelt! Auch ich unterwerfe mich deinem Richterspruch!« Die
Göttin schwieg eine Weile nachdenklich; dann sprach sie: »Die Sache, die entschieden
werden soll, ist freilich dunkel, daß ein menschliches Gericht nicht damit fertig
würde; darum, obwohl ich sterbliche Richter für sie wählen will, ist es doch
gut, daß ihr euch mit eurem Rechtsstreit an eine Unsterbliche gewendet. Denn
ich selbst will das Gericht versammeln, in meinem Tempel den Vorsitz führen
und bei schwankendem Urteil den Ausschlag geben. Inzwischen soll dieser Fremdling
unter meinem Schirm unangetastet in unsrer Stadt leben. Ihr aber, finstere,
unerbittliche Göttinnen, beflecket diesen Boden nicht ohne Not mit eurer Gegenwart.
Gehet hinab in eure unterirdische Behausung und erscheinet nicht eher wieder
in diesem Tempel, bis der anberaumte Tag des Gerichtes herbeigekommen sein wird.
Einstweilen sammle jede Partei Zeugen und Beweise; ich selbst aber will die
besten Männer dieser Stadt, die meinen Namen führt, auslesen und zur Aburteilung
dieses Streites bestellen.«
Nachdem die Göttin sodann den Tag des abzuhaltenden Gerichtes festgesetzt hatte,
wurden die Parteien aus dem Tempel entlassen. Die Rachegöttinnen gehorchten
dem Ausspruche Athenes ohne Murren, ihre Schar verließ den Boden von Athen,
und sie stiegen wieder zur Unterwelt hinab; Orestes mit seinem Freunde wurde
von den Bürgern Athens gastlich aufgenommen und verpflegt.
Als der Gerichtstag erschienen war, berief ein Herold die auserwählten Bürger
der Stadt auf einen Hügel vor derselben, der dem Ares heilig war und deswegen
der Areopag oder Aresberg hieß, wo die Göttin in Person ihrer harrte und Klägerinnen
und Angeklagter bereits sich eingefunden hatten. Aber noch ein Dritter war erschienen
und stand dem Angeklagten zur Seite. Es war der Gott Apollo. Als die Erinnyen
diesen erblickten, erschraken sie und riefen zornig: »König Apollo, kümmere
du dich nicht um unsere Angelegenheiten! Sprich, was hast du hier zu schaffen?«
»Dieser Mann«, erwiderte der Gott, »ist mein Schützling, der in meinem Tempel
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