Gustav Schwab - Die letzten Tantaliden
admin am Mrz 29th 2008
Dritter Teil
Erstes Buch - Die letzten Tantaliden
Agamemnons Geschlecht und Haus
Troja war gefallen. Die heimsegelnde Flotte der Hellenen, vom Sturm halb vernichtet,
hatte sich in ihren Überbleibseln wieder zusammengefunden, und auf der beruhigten
See fuhren die Abteilungen der Griechen jede ihrer Heimat zu. Agamemnon, dessen
Schiffe, von der Herrscherin Hera beschützt, keinen Schaden genommen hatten,
steuerte rüstig auf die Küste des Peloponneses los. Schon nahete er dem spitzigen
Felsenhaupte des Vorgebirges Malea in Lakonien, als ihn plötzlich aufs neue
das Ungestüm eines Orkanes ergriff und ihn mit allen Fahrzeugen in die offene
Flut des Meeres zurückwarf. Seufzend mit aufgehobenen Händen flehte der Völkerfürst
empor zum Himmel und bat die Götter, ihn nicht nach so vielem Ungemach und nach
mühselig vollbrachtem Willen der Himmlischen im Angesichte seiner Heimat mit
so vielen tapferen Männern verderben zu lassen. Er wußte nicht, daß diesmal
der Sturm sein Freund und von warnenden Gottheiten ihm zugesendet war: denn
ihm wäre besser gewesen, an die fernste Barbarenküste verschlagen, in der Verbannung
sein Leben zu beschließen, als seinen Fuß in den heimischen Königspalast Mykenes
zu setzen.
Auf Agamemnons Geschlecht ruhete ein Fluch; von seinem Urahn Tantalos her war
es unter Greueln erwachsen; ruchlose Gewalt hatte die einen seiner Glieder gestürzt,
die andern erhoben; durch einen ungeheuren Frevel im eigenen Hause sollte auch
Agamemnon das Ziel seines Lebens finden. Der Urgroßvater Tantalos hatte den
zum Mahle geladenen Göttern seinen Sohn Pelops gekocht zu schmausen vorgesetzt,
und nur ein Wunder hatte diesen Stammhalter des Geschlechts ins Leben zurückgerufen.
Pelops, sonst unsträflich, ermordete seinen Wohltäter Myrtilos, den Sohn des
Hermes, und half durch diesen Mord den Fluch des Hauses weiterspinnen. Myrtilos
nämlich, der Stallmeister des Königs Önomaos, dessen Tochter Hippodameia Pelops
durch den Sieg im Wagenrennen gewinnen sollte, ließ sich überreden, die Nägel
aus dem Wagen seines Herrn zu ziehen und wächserne statt der eisernen einzustecken.
Dadurch ging der Wagen des Önomaos auseinander, und Pelops gewann den Sieg und
die Jungfrau. Als aber Myrtilos die versprochene Belohnung forderte, stürzte
ihn Pelops, um keinen Zeugen seines Betruges zu haben, ins Meer. Vergebens suchte
er den über diesen Frevel zürnenden Gott Hermes zu versöhnen, baute dem Sohn
ein Grabmal und dem Vater einen Tempel: er und sein Geschlecht waren der Rache
des Gottes verfallen.
In den Söhnen des Pelops, Atreus und Thyestes, wirkte der Fluch kräftig fort.
Atreus war König zu Mykene, Thyestes neben ihm König im südlichen Teile des
argolischen Landes. Der ältere Bruder besaß einen Widder, der goldene Wolle
trug; nach diesem gelüstete Thyestes, den jüngeren; er verführte die Gemahlin
des Bruders, Aërope, zur Untreue und erhielt von ihr das goldene Lamm. Als Atreus
das doppelte Verbrechen seines Bruders inneward, hielt ihn keine Überlegung
ab; er handelte wie der Großvater: heimlich ergriff er die beiden kleinen Söhne
des Thyestes, Tantalos und Pleisthenes, setzte sie geschlachtet beim gräßlichen
Gastmahle dem Bruder vor und gab ihr Blut zum Weine gemischt, dem unseligen
Vater zu trinken. Dem zuschauenden Sonnengott kam über dieser Unmenschlichkeit
ein solches Grauen an, daß er seinen Wagen rückwärts lenkte; Thyestes aber floh
vor dem entsetzlichen Bruder nach Epiros zu dem Könige Thesprotos. Das Land
des Atreus ward von Dürre und Hungersnot heimgesucht, und der befragende König
erhielt vom Orakel die Antwort, die Landplage werde aufhören, wenn der vertriebene
Bruder zurückberufen sei. So machte sich Atreus selbst auf den Weg, den Thyestes
in seiner Zufluchtsstätte aufzusuchen, und führte ihn mit einem Sohne, namens
Ägisth, in die alte Heimat zurück. Auch dieser Ägisth war das Kind eines Greuels
und in seinem Asyle von Thyestes erzeugt. Aber er hatte geschworen, seinen Vater
an dem Atreus und dessen Kindern zu rächen. Das erste vollführte er bald, nachdem
die Brüder zusammen nach Mykene zurückgekehrt waren. Ihre Freundschaft war dort
von kurzer Dauer gewesen, und Atreus hatte den Bruder in den Kerker geworfen.
Da erbot sich Ägisth trügerischerweise dem Oheim, indem er sich über den Greuel
seiner Geburt entrüstet stellte, den eigenen Vater umzubringen. In den Kerker
eingelassen, verabredete er mit seinem Vater die Rache, zeigte dem Atreus ein
blutiges Schwert, und als dieser, über den geglaubten Tod des Bruder fröhlich,
am Meeresufer ein Dankopfer anstellte, stieß ihm Ägisth dasselbe Schwert in
den Leib. Thyestes kam aus seiner Haft hervor und bemächtigte sich auf kurze
Zeit des brüderlichen Reiches; aber der älteste Sohn des Atreus, Agamemnon,
stellte ihm nach und rächte mit dem Stahl an ihm des Vaters Mord. Ägisth blieb
verschont, er ward von den Göttern zum Fluche des Geschlechtes aufgehoben und
regierte als König in dem alten Anteile seines Vaters im südlichen Lande.
Wie nun Agamemnon in den Krieg vor Troja gezogen war und seine Gemahlin Klytämnestra,
über die Opferung ihrer Tochter Iphigenia grollend, im tiefen Mutterschmerze
zu Hause saß, da deuchte Ägisth die rechte Zeit gekommen, auch dem Atriden mit
seiner Rache zu nahen. Er erschien im Königspalaste zu Mykene, und der Wunsch,
am unmenschlichen Gatten sich zu rächen, gab Klytämnestra nach langem Widerstreben
der Verführung des Bösewichts preis, daß sie mit ihm als mit einem zweiten Gemahle
Palast und Reich Agamemnons teilte. Von ihrem rechtmäßigen Gatten lebten in
dessen Hause damals drei Geschwister der entrückten Iphigenia: ihr zunächst
am Alter die kluge Jungfrau Elektra, eine jüngere Schwester Chrysothemis und
ein kleiner Knabe Orestes. Vor ihren Augen nahm Ägisth von dem Ehebund und Palaste
des Vaters Besitz. Das frevelnde Paar war jetzt, als sich der Kampf vor Troja
zu seinem Ende neigte, nur darauf bedacht, daß der heimkehrende Agamemnon mit
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