Gustav Schwab - Die Argonautensage
admin am Mrz 29th 2008
zur Rechten breitete sich das Feld und der heilige Hain des Ares aus, wo der
Drache das Goldne Vlies, das an den blätterreichen Ästen einer hohen Eiche hing,
mit seinen scharfen Augen bewachte. Jetzt erhub sich Iason am Borde des Schiffes,
er schwenkte hoch in der Hand einen goldenen Becher voll Weins und brachte dem
Flusse, der Mutter Erde, den Göttern des Landes und den auf der Fahrt verstorbenen
Heroen ein Trankopfer dar. Er bat sie alle, mit liebreicher Hilfe ihnen nahe
zu sein und über den Tauen des Schiffes, das sie eben anbinden wollten, zu wachen.
»So wären wir denn glücklich zum kolchischen Lande gelangt«, sprach der Steuermann
Ankaios: »nun ist’s Zeit, daß wir uns ernstlich beraten, ob wir den König Aietes
in Güte angehen oder auf irgendeine andere Weise unser Vorhaben ins Werk setzen
wollen.« »Morgen«, riefen die müden Helden. Und so befahl denn Iason, das Schiff
in einer schattigen Bucht des Flusses vor Anker gehen zu lassen. Alle legten
sich zu süßem Schlummer nieder, der sie jedoch nur mit kurzer Rast erquickte,
denn bald öffnete ihnen das Morgenrot die Augenlider.
Iason im Palaste des Aietes
Der frühe Morgen vereinigte die Helden zur Ratsversammlung. Iason erhub sich
und sprach: »Wenn euch meine Meinung gefällt, ihr Helden und Genossen, so sollt
ihr übrigen alle ruhig, doch die Waffen in der Hand, im Schiffe bleiben; nur
ich, die Söhne des Phrixos und zwei aus eurer Mitte wollen uns nach dem Palaste
des Königes Aietes aufmachen. Hier will ich es versuchen und ihn zuerst mit
höflichen Worten fragen, ob er das Goldne Vlies in Güte uns überlassen wolle.
Nun zweifle ich nicht: er wird die Bittenden, auf seine Stärke trotzend, abweisen.
Wir aber werden auf diese Weise aus seinem eigenen Munde die Gewißheit erhalten,
was uns zu tun ist. Und wer kann es verbürgen, daß unsere Worte nicht doch vielleicht
ihn günstig stimmen werden? Hat doch auch früher die Rede über ihn vermocht,
daß er den unschuldigen Phrixos, der vor seiner Stiefmutter floh, in den Schutz
seiner Gastfreundschaft aufnahm.« Die jungen Helden billigten alle die Rede
Iasons. So griff er selbst zum Friedensstabe des Hermes und verließ mit des
Phrixos Söhnen und mit seinen Genossen Telamon und Augeias das Schiff. Sie betraten
ein mit Weiden bewachsenes Feld, das Kirkäische genannt; hier sahen sie mit
Schaudern eine Menge Leichen an Ketten aufgehängt. Doch waren es keine Verbrecher
oder gemordete Fremdlinge; vielmehr galt es in Kolchis für einen Frevel, die
Männer zu verbrennen oder in die Erde zu begraben, sondern sie hängten sie,
in rohe Stierfelle gewickelt, in den Bäumen auf, ferne von der Stadt, und überließen
sie der Luft zum Austrocknen. Nur die Weiber wurden, damit die Erde nicht zu
kurz käme, in diese begraben.
Die Kolcher waren ein gar zahlreiches Volk. Damit nun Iason und seine Begleiter
von ihnen und dem Mißtrauen des Königes Aietes keine Gefahr liefen, hängte Hera,
die Beschirmerin der Argonauten, solange sie unterwegs waren, eine dichte Nebelwolke
über die Stadt und zerstreute sie erst wieder, als sie glücklich in dem Palaste
des Königes angekommen. Da standen sie denn in dem Vorhofe und bewunderten die
dicken Mauern des Königshauses, die hochgeschweiften Tore, die mächtigen Säulen,
die hier und dort an den Mauern vorsprangen. Das ganze Gebäude umgürtete ein
hervorstehendes steinernes Gesimse, das mit ehernen Dreischlitzen abgekantet
war. Schweigend traten sie über die Schwelle des Vorhofes. Diese umgrünten hohe
Rebenlauben, darunter perlten vier immerfließende Springquelle; der eine sandte
Milch empor, der zweite Wein, der dritte duftendes Öl, der vierte Wasser, das
im Winter warm, im Sommer eiskalt war. Der kunstreiche Hephaistos hatte diese
köstlichen Werke geschaffen. Derselbe hatte dem Besitzer auch Stierbilder aus
Erz gefertiget, aus deren Munde ein furchtbarer Feueratem ging, und einen Pflug
aus lauterm Eisen geschaffen: alles dem Vater des Aietes, dem Sonnengotte, zu
Dank, der den Hephaistos in der Gigantenschlacht einst auf seinen Wagen genommen
und gerettet hatte. Aus diesem Vorhofe kam man zu dem Säulengange des Mittelhofes,
der sich zur Rechten und zur Linken hinzog und hinter welchem viele Eingänge
und Gemächer zu schauen waren. Querüber standen die zwei Hauptpaläste, in deren
einem der König Aietes selbst, im andern sein Sohn Absyrtos wohnte. Die übrigen
Gemächer hielten die Dienerinnen und die Töchter des Königes, Chalkiope und
Medea, besetzt. Medea, die jüngere Tochter, war sonst wenig zu schauen; fast
alle Zeit brachte sie im Tempel der Hekate zu, deren Priesterin sie war. Diesmal
aber hatte Hera, die Schutzgöttin der Griechen, ihr in das Herz gegeben, im
Palaste zu bleiben. Sie hatte eben ihr Gemach verlassen und wollte das Zimmer
ihrer Schwester aufsuchen, als sie den unerwartet daherschreitenden Helden begegnete.
Beim Anblicke der Herrlichen tat sie einen lauten Schrei. Auf ihren Ruf stürzte
Chalkiope mit allen ihren Dienerinnen aus ihrem Gemache hervor. Auch diese Schwester
brach in einen lauten Jubelruf aus und streckte danksagend ihre Hände gen Himmel;
denn sie erkannte in vieren der jungen Helden ihre eigenen Kinder, die Söhne
des Phrixos. Diese sanken in die Arme ihrer Mutter, und lange nahm das Grüßen
und Weinen kein Ende.
Medea und Aietes
Zuletzt kam auch Aites heraus mit seiner Gemahlin Eidyia, denn der Jubel und
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt