Gustav Schwab - Die Argonautensage
admin am Mrz 29th 2008
dieses ihre Lebensmittel ein. Keine Sonne ging ihnen ohne schwere Arbeit auf,
in schwarzer Nacht und dichtem Rauche verbrachten sie arbeitend ihren Tag.
Noch an mancherlei Völkern kamen sie vorüber. Als sie einer Insel, mit Namen
Aretia oder Aresinsel, gegenüber waren, flog ihnen ein Bewohner dieses Eilands,
ein Vogel, mit kräftigem Flügelschlage entgegen. Als er über dem Schiffe schwebte,
schüttelte er seine Schwingen und ließ eine spitze Feder fallen, die in der
Schulter des Helden Oïleus steckenblieb. Verwundet ließ der Held das Ruder fahren;
die Genossen staunten, als sie das geflügelte Geschoß erblickten, das ihm in
der Schulter steckte. Der, der ihm zunächst saß, zog die Feder heraus und verband
die Wunde. Bald erschien ein zweiter Vogel; den schoß Klytios, der den Bogen
schon gespannt hielt, im Fluge, so daß der Getroffene mitten in das Schiff herabfiel.
»Wohl ist die Insel in der Nähe«, sagte da Amphidamas, ein erfahrener Held,
»aber trauet jenen Vögeln nicht. Gewiß sind ihrer so viele, daß, wenn wir landeten,
wir nicht Pfeile genug hätten, sie zu erlegen. Lasset uns auf ein Mittel sinnen,
die kriegslustigen Tiere zu vertreiben. Setzet alle eure Helme mit hohen nickenden
Büschen auf; alsdann rudert abwechslungsweise zur Hälfte, zur andern schmücket
das Schiff mit blinkenden Lanzen und Schilden aus. Dann erheben wir alle ein
entsetzliches Geschrei; wenn das die Vögel hören, dazu die wallenden Helmbüsche,
die starrenden Lanzen, die schimmernden Schilde sehen, so werden sie sich fürchten
und davonflattern.« Der Vorschlag gefiel den Helden, und alles geschah, wie
er ihnen geraten hatte. Kein Vogel ließ sich blicken, solange sie heranruderten;
und als sie der Insel näher gekommen, mit den Schilden klirrten, flogen ihrer
unzählige aufgeschreckt an der Küste auf und in stürmischer Flucht über das
Schiff hin. Aber wie man die Fensterladen eines Hauses vor dem Hagel schließt,
wenn man ihn kommen sieht, so hatten sich die Helden mit den Schilden gedeckt,
daß die Stachelfedern herabfielen, ohne ihnen zu schaden; die Vögel selbst,
die furchtbaren Stymphaliden, flogen weit übers Meer den jenseitigen Ufern zu.
Die Argonauten landeten auf dieser Insel nach dem Rate des wahrsagenden Königes
Phineus.
Sie sollten hier Freunde und Begleiter finden, die sie nicht erwartet. Kaum
nämlich hatten sie die ersten Schritte am Ufer getan, als ihnen vier Jünglinge
im armseligsten Aufzuge, von allem entblößt, begegneten. Einer von diesen eilte
den nahenden Helden entgegen und redete sie an. »Wer ihr auch seid, gute Männer«,
sprach er, »kommt armen Schiffbrüchigen zu Hilfe! Teilet uns Kleider mit, unsere
Blöße zu bedecken, und Speisen, unsern Hunger zu stillen!« Iason versprach ihnen
freundlich alle Hilfe und erkundigte sich nach ihrem Namen und Geschlecht. »Ihr
habt wohl von Phrixos gehört, dem Sohne des Athamas«, erwiderte der Jüngling,
»der das Goldne Vlies nach Kolchis gebracht hat? Der König Aietes hat ihm seine
ältere Tochter zur Ehe gegeben, wir sind seine Söhne, und ich heiße Argos. Unser
Vater Phrixos ist vor kurzem gestorben, und nach seinem Letzten Willen hatten
wir uns zu Schiffe gesetzt, die Schätze, die er in der Stadt Orchomenos gelassen,
abzuholen.« Die Helden waren hocherfreut, und Iason begrüßte sie als Vettern;
denn die Großväter Athamas und Kretheus waren Brüder gewesen. Die Jünglinge
erzählten weiter, wie ihr Schiff im wütenden Sturme zerbrochen sei und ein Brett
sie an diese unwirtliche Insel getragen habe. Als ihnen aber die Helden ihr
Vorhaben mitteilten und sie zur Teilnahme an dem Abenteuer aufforderten, da
verbargen sie ihr Entsetzen nicht. »Unser Großvater Aietes ist ein grausamer
Mann, er soll der Sohn des Sonnengottes und deswegen mit übermenschlicher Macht
begabt sein; unzählige Kolcherstämme beherrscht er, und das Vlies hütet ein
entsetzlicher Drache.« Manche der Helden wurden bei diesem Berichte bleich.
Peleus jedoch, einer von ihnen, erhub sich und sprach: »Glaube nicht, daß wir
dem Kolcherkönige unterliegen müssen; auch wir sind Göttersöhne! Gibt er uns
das Vlies nicht in Güte, so werden wir es ihm seinen Kolchern zum Trotz entreißen!«
So sprachen sie miteinander noch länger beim reichlichen Mahle. Am andern Morgen
schifften sich die Söhne des Phrixos, gekleidet und gestärkt, mit ihnen ein,
und die Fahrt ging vorwärts. Nachdem sie einen Tag und eine Nacht gerudert,
sahen sie die Spitzen des Kaukasusgebirges über die Meeresfläche hervorragen.
Als es schon dunkelte, hörten sie ein Geräusch über ihren Häuptern: es war der
Adler des Prometheus, der seinem Fraß entgegen hoch über das Schiff dahinflog;
und doch war sein Flügelschlag so mächtig, daß alle Segel von ihm wie im Winde
sich bewegten. Denn es war ein Riesenvogel, und er schlug die Luft mit seinen
Flügeln wie mit großen Segeln. Bald darauf hörten sie aus der Ferne das tiefe
Stöhnen des Prometheus, in dessen Leber der Vogel schon wühlte. Nach einiger
Zeit verhallten die Seufzer, und sie sahen den Adler wieder hoch über sich durch
die Lüfte zurückrudern.
Noch in derselben Nacht gelangten sie ans Ziel und in die Mündung des Flusses
Phasis. Freudig kletterten sie an den Segelstangen empor und takelten das Schiff
ab; dann trieben sie es mit den Rudern in das breite Bett des Stromes, dessen
Wellen vor der gewaltigen Masse des Fahrzeugs sich scheu zurückzuziehen schienen.
Zur Linken hatten sie den hohen Kaukasus und Kytaia, die Hauptstadt des Kolcherlandes;
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