Gustav Schwab - Die Argonautensage

admin am Mrz 29th 2008

Zischen des zusammengepreßten Meeres. Tiphys, der Steuermann, stellte sich wachsam
ans Steuerruder. Euphemos, der Held, erhub sich im Schiffe und hielt auf der
flachen Rechten eine Taube. Wenn diese, hatte Phineus ihnen geweissagt, furchtlos
zwischen den Felsen hindurchflöge, so dürften auch sie kecklich die Durchfahrt
wagen. Eben öffneten sich die Felsen: Euphemos ließ die Taube fliegen; alle
richteten ihre Häupter in Erwartung empor. Die Taube flog mitten hindurch, aber
schon näherten sich die Felsen wieder, das schäumende Meer wallte zischend einer
Wolke gleich auf; ein Brausen erfüllte Wasser und Luft; jetzt stießen die Felsen
zusammen und klemmten der Taube die letzten Schwanzfedern ab, doch war sie glücklich
hindurchgekommen. Mit lauter Stimme ermunterte Tiphys die Ruderer, dann aber
öffneten sich die Felsen wieder, und die in den Zwischenraum strömende Flut
zog das Schiff mit sich hinein. Jetzt hing das Verderben über ihrem Haupte:
eine turmhohe Woge wälzte sich ihnen entgegen, bei deren Anblick alle die Köpfe
bückten. Aber Tiphys hieß mit den Rudern innehalten, und die schäumende Welle
wälzte sich unschädlich unter dem Kiele hin und hob das Schiff hoch über die
zusammenschwimmenden Felsen empor. Die Helden arbeiteten, daß die Ruder sich
krümmten; jetzt riß der Strudel das Schiff wieder mitten in die Felsen hinab.
Schon stießen die Felsen zu beiden Seiten an den Bauch des Schiffes; da gab
ihm die Schutzgöttin Athene einen unsichtbaren Stoß, daß es glücklich durchkam
und die zusammenschlagenden Felsen nur eben noch die äußersten Bretter des Hinterteiles
zermalmten. Als erst die Helden den Äther und die offene See wieder vor sich
sahen, da atmeten sie von der Todesangst wieder auf, und es war ihnen, als wären
sie aus der Unterwelt emporgetaucht. »Das ist nicht durch unsre Kraft geschehen«,
rief Tiphys, »wohl fühlte ich hinter mir die göttliche Hand Athenes, deren Schnellkraft
das Schiff durch die Felsen stieß! Nichts haben wir fortan zu fürchten; alle
andern Arbeiten nach dieser Gefahr hat uns Phineus als leicht geschildert.«
Aber Iason schüttelte traurig sein Haupt und sprach: »Guter Tiphys, ich habe
die Götter versucht, daß ich dieses Unternehmen mir von Pelias auflegen ließ;
lieber hätte ich mich von ihm in Stücke sollen hauen lassen! Jetzt bringe ich
in Seufzen die Nächte nach den Tagen zu, nicht für mich besorgt, nein, nur auf
euer Leben und Heil bedacht, und wie ich aus so gräßlichen Gefahren euch der
Heimat unverloren zurückgeben soll.« So sprach der Held, seine Genossen zu versuchen.
Diese aber jubelten ihm freudig zu und verlangten vorwärts.
Weitere Abenteuer

Unter mancherlei Schicksalen fuhren die Helden nun weiter. Auf der Fahrt erkrankte
ihnen ihr treuer Steuermann Tiphys, starb und mußte am fremden Ufer begraben
werden. An seine Stelle wählten sie denjenigen von den Helden, der des Steuers
am kundigsten war. Er hieß Ankaios und weigerte sich lange, das schwierige Geschäft
zu übernehmen, bis ihm Hera, die Göttin, Mut und Zuversicht ins Herz gab. Dann
aber stellte er sich ans Ruder und lenkte das Schiff so gut, als wenn Tiphys
selbst noch am Steuer säße. Unter seiner Führung gingen sie am zwölften Tage
in See und kamen bald mit vollen Segeln an die Mündung des Flusses Kallichoros;
hier sahen sie auf einem Hügel das Grabmal des Helden Sthenelos, der mit Herakles
in den Amazonenkrieg gezogen und hier, von einem Pfeile getroffen, am Meeresufer
verschieden war. Sie wollten eben weiterschiffen, als der klägliche Schatten
dieses Helden, von Persephone aus der Unterwelt entlassen, sichtbar ward und
sehnsüchtig nach den stammesverwandten Männern blickte. Er stand zuoberst auf
seinem Grabhügel in der Gestalt, in welcher er in die Schlacht gegangen war:
ein purpurner Busch mit vier schönen Federn wehte ihm vom Helme. Doch war er
nur wenige Augenblicke zu schauen und tauchte bald wieder in die schwarze Tiefe
hinunter. Erschrocken ließen die Helden die Ruder sinken. Nur Mopsos, der Wahrsager,
verstand das Verlangen der abgeschiedenen Seele: er riet seinen Genossen, den
Geist des Erschlagenen mit einem Trankopfer zu sühnen. Schnell zogen sie die
Segel ein, banden das Schiff am Strande an, und indem sie sich um den Grabhügel
stellten, benetzten sie ihn mit Trankopfern und verbrannten geschlachtete Schafe.
Dann fuhren sie weiter und weiter und gelangten endlich zur Mündung des Flusses
Thermodon. Diesem glich kein anderer Strom auf der Erde: aus einer einzigen
Quelle tief in den Bergen entsprungen, teilte er sich bald in eine Menge kleinerer
Arme und stürmte in so viel Ausflüssen ins Meer, daß nur viere zu einem Hundert
fehlten. Sie wimmelten wie eine Menge Schlangen in die offene See. An dem breitesten
Ausflusse wohnten die Amazonen. Dieses Weibervolk stammte vom Gotte Ares ab
und liebte die Werke des Krieges. Hätten die Argonauten hier gelandet, so wären
sie ohne Zweifel in einen blutigen Krieg mit den Frauen geraten, denn diese
waren den tapfersten Helden im Kampfe gewachsen. Sie wohnten nicht in einer
Stadt vereinigt, sondern auf dem Lande zerstreut und in einzelne Stämme getrennt.
Ein günstiger Westwind hielt die Argonauten von diesem kriegerischen Weibervolke
fern. Nach der Fahrt eines Tages und einer Nacht kamen sie, wie ihnen Phineus
geweissagt hatte, an das Land der Chalyber. Diese pflügten nicht das Erdreich,
pflanzten keine fruchttragenden Bäume, weideten keine Herden auf der tauigen
Wiese; sie gruben nur Erz und Eisen aus dem rauhen Boden und tauschten gegen

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