Gustav Schwab - Die Argonautensage

admin am Mrz 29th 2008

aus, wo der König Phineus, der Sohn des Helden Agenor, hauste. Dieser war von
einem großen Übel heimgesucht. Weil er die Wahrsagergabe, die ihm von Apollo
verliehen worden, mißbraucht hatte, war er im hohen Alter mit Blindheit geschlagen
worden, und die Harpyien, die gräßlichen Wundervögel, ließen ihn keine Speise
ruhig genießen. Was sie konnten, raubten sie; das Zurückgebliebene besudelten
sie so, daß man es nicht berühren, ja selbst die Nähe solcher Speisen nicht
aushalten konnte. Doch war dem Phineus ein Trostspruch vom Orakel des Zeus gegeben:
Wenn die Boreassöhne mit den griechischen Schiffern kommen würden, sollte er
wieder Speise genießen können. So verließ denn der Greis, auf die erste Nachricht
von des Schiffes Ankunft, sein Gemach. Bis auf die Knochen abgemagert, war er
anzuschauen wie ein Schatten, seine Glieder zitterten vor Altersschwäche, vor
den Augen schwindelte ihm, ein Stab unterstützte seine schwankenden Tritte,
und als er bei den Argonauten angekommen war, sank er erschöpft zu Boden. Diese
umringten den unglücklichen Greis und entsetzten sich über sein Aussehen. Als
der Fürst ihre Nähe vernommen und seine Besinnung wieder zurückgekehrt war,
brach er in flehende Bitten aus: »O ihr teuren Helden, wenn ihr wirklich diejenigen
seid, welche die Weissagung mir bezeichnet hat, so helfet mir; denn nicht nur
meines Augenlichtes haben die Rachegöttinnen sich bemächtigt, auch die Speisen
entziehen sie meinem Alter durch die gräßlichen Vögel, die sie mir senden! Ihr
leistet eure Hilfe keinem Fremdling; ich bin Phineus, Agenors Sohn, ein Grieche.
Einst habe ich unter den Thrakiern geherrscht, und die Söhne des Boreas, welche
Teilnehmer eures Zuges sein müssen und mich retten sollen, sind die jungen Brüder
Kleopatras, die dort meine Gattin war.« Auf diese Entdeckung warf sich ihm Zetes,
des Boreas Sohn, in die Arme und versprach ihm, ihn mit Hilfe seines Bruders
von der Qual der Harpyien zu befreien; und auf der Stelle bereiteten sie ihm
ein Mahl, das der räuberischen Vögel letztes sein sollte. Kaum hatte der König
die Speise berührt, als die Vögel, wie ein plötzlicher Sturm, mit Flügelschlag
aus den Wolken herabgestürzt kamen und sich gierig auf die Speisen setzten.
Die Helden schrien laut auf; aber die Harpyien ließen sich nicht stören; sie
blieben, bis sie alles aufgezehrt hatten, dann schwangen sie sich wieder in
die Lüfte und ließen einen unerträglichen Geruch zurück. Doch Zetes und Kalais,
die Boreassöhne, verfolgten sie mit gezücktem Schwert. Zeus verlieh ihnen Fittiche
und unermüdliche Kraft, die sie wohl brauchen konnten, denn die Harpyien kamen
in ihrem Fluge dem schnellsten Westwinde zuvor. Aber die Boreassöhne waren rüstig
hinter ihnen drein, und oft meinten sie, die Ungeheuer schon mit den Händen
greifen zu können. Endlich kamen sie ihnen so nahe, daß sie dieselben ohne Zweifel
erlegt hätten, als plötzlich des Zeus Botin, Iris, sich aus dem Äther herabsenkte
und das Heldenpaar so anredete: »Nicht ist’s erlaubt, ihr Söhne des Boreas,
die Jagdhunde des großen Zeus, die Harpyien, mit dem Schwerte zu fällen. Doch
schwöre ich euch den großen Göttereid beim Styx, daß die Raubvögel den Sohn
des Agenor nicht mehr beunruhigen sollen.« Die Söhne des Boreas wichen dem Eide
und kehrten nach dem Schiffe um.

Unterdessen pflegten die griechischen Helden den Leib des greisen Phineus,
hielten eine Opfermahlzeit und luden den Ausgehungerten dazu ein. Dieser verzehrte
gierig die reinen und reichlichen Speisen; es war ihm, als weidete sich sein
Hunger im Traume. Während sie die Nacht über auf die Rückkehr der Boreassöhne
warteten, teilte ihnen der alte König Phineus zum Danke von den Früchten seiner
Wahrsagergabe mit. »Vor allen Dingen«, lautete seine Rede, »werdet ihr in einem
Engpasse des Meeres den Symplegaden begegnen; dies sind zwei steile Felseninseln,
deren unterste Wurzeln nicht bis zum Meeresboden reichen, sondern die in der
See schwimmen; oft treiben sie einander entgegen, und dann schwillt die Meeresflut
in der Mitte mit fürchterlichem Toben an. Wollet ihr nicht mit Mann und Maus
zermalmt werden, so rudert zwischen ihnen durch, so schnell wie eine Taube fliegt.
Dann werdet ihr ans Gestade der Mariandyner kommen, wo der Eingang zur Unterwelt
ist. An vielen andern Vorgebirgen, Flüssen und Küsten fahret ihr dann vorüber,
an Frauenstädten der Amazonen, am Lande der Chalyber, die in ihres Angesichtes
Schweiß das Eisen aus der Erde graben. Endlich werdet ihr zur kolchischen Küste
gelangen, wo der Phasis seinen breiten Strudel ins Meer sendet. Hier werdet
ihr die getürmte Burg des Königes Aietes erblicken; hier hütet der schlaflose
Drache das Goldvlies, das über dem Wipfel des Eichbaums ausgebreitet hängt.«

Die Helden hörten dem Greise nicht ohne Grauen zu und wollten eben weiter fragen,
als sich die Söhne des Boreas aus den Lüften in ihre Mitte herniedersenkten
und den König mit der tröstlichen Botschaft der Iris erfreuten.
Die Symplegaden

Phineus nahm dankbar und gerührt Abschied von seinen Rettern, die weiter- und
mancherlei neuen Schicksalen entgegenfuhren. Zuerst wurden sie durch vierzigtägige
Nordwestwinde aufgehalten, bis Opfer und Gebet zu allen zwölf Göttern ihnen
zu frischer Fahrt verhalf. Sie waren im besten Segeln begriffen, als ein lautes
Tosen ihnen von ferne schon ans Ohr schlug. Es war das Krachen der immer zusammenstoßenden
und immer wieder zurückprallenden Symplegaden, der Widerhall der Ufer und das

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