Gustav Schwab - Die Argonautensage

admin am Mrz 29th 2008

Herakles möchte deinen Ruhm verdunkeln! Doch was helfen da Worte? Und wenn alle
Genossen mit dir einverstanden wären, so will ich allein zu dem verlassenen
Helden umkehren.« Mit diesen Worten faßte er den Steuermann Tiphys an der Brust,
seine Augen funkelten wie Feuerflammen, und gewiß hätte er sie gezwungen, nach
dem Gestade der Mysier zurückzukehren, wenn nicht die beiden Söhne des Boreas,
Kalais und Zetes, ihm in den Arm gefallen wären und mit scheltenden Worten zurückgehalten
hätten. Zugleich stieg aus der schäumenden Flut Glaukos, der Meergott, hervor,
faßte mit starker Hand das Ende des Schiffes und rief den Eilenden zu: »Ihr
Helden, was streitet ihr euch? Was begehret ihr, wider den Willen des Zeus den
mutigen Herakles mit euch in das Land des Aietes zu führen? Ihm sind ganz andere
Arbeiten zu verrichten vom Schicksale bestimmt. Den Hylas hat eine liebende
Nymphe geraubt, und aus Sehnsucht nach ihm ist er zurückgeblieben.« Nachdem
er ihnen solches geoffenbart, tauchte Glaukos wieder in die Tiefe nieder, und
das dunkle Wasser schäumte in Wirbeln um ihn. Telamon war beschämt, er ging
auf Iason zu, legte seine Hand in des Helden Hand und sprach: »Zürne mir nicht,
Iason! Der Schmerz hat mich verführt, unvernünftige Worte zu reden! Übergib
meinen Fehler den Winden, und laß uns Wohlwollen üben wie früher!« Iason gab
der Versöhnung gerne Gehör, und so fuhren sie bei starkem und günstigem Winde
dahin. Polyphemos fand sich bei den Mysiern zurecht und baute ihnen eine Stadt.
Herakles aber ging weiter, wohin ihn die Bestimmung des Zeus rief.
Pollux und der Bebrykenkönig

Am andere Morgen legten sie mit Sonnenaufgang an einer weit ins Meer hinausgestreckten
Landzunge vor Anker. Dort befanden sich die Ställe und das ländliche Wohnhaus
des wilden Bebrykenköniges Amykos. Dieser hatte allen Fremdlingen das lästige
Gesetz aufgelegt, daß keiner sein Gebiet verlassen sollte, ehe er sich mit ihm
im Faustkampf gemessen. Auf diese Weise hatte er schon viele Nachbarn umgebracht.
Auch jetzt näherte er sich mit verächtlichen Worten dem gelandeten Schiffe:
»Höret, ihr Meervagabunden«, rief er, »was euch zu wissen not ist! Kein Fremdling
darf mein Land verlassen, ohne mit mir gerungen zu haben. So suchet denn euren
besten Helden aus und stellet ihn mir; sonst soll es euch übel ergehen!« Nun
war unter den Argoschiffern der beste Faustkämpfer Griechenlands, Pollux, der
Leda Sohn. Diesen reizte die Ausforderung, und er rief dem Könige zu: »Poltere
nicht; wir wollen deinen Gesetzen gehorchen, und in mir hast du deinen Mann
gefunden!« Der Bebryke blickte den kühnen Helden mit rollenden Augen an, wie
ein verwundeter Berglöwe den, der ihn zuerst getroffen hat. Pollux aber, der
jugendliche Held, sah heiter aus wie ein Stern am Himmel; er schwang seine Hände
in der Luft, um sie zu versuchen, ob sie von der langen Ruderarbeit erstarrt
seien. Als die Helden das Schiff verlassen, stellten die beiden Kämpfer sich
einander gegenüber. Ein Sklave des Königes warf ein gedoppeltes Paar von Fechterhandschuhen
zwischen sie auf den Boden. »Wähle, welches Paar du willst«, sagte Amykos, »ich
will dich nicht lange losen lassen! Du wirst aus Erfahrung sagen können, daß
ich ein guter Gerber bin und blutige Backenstreiche zu erteilen verstehe!« Pollux
lächelte schweigend, nahm das Handschuhpaar, das ihm zunächst lag, und ließ
es sich von seinen Freunden an die Hände festbinden. Dasselbe tat der Bebrykenkönig.
Jetzt begann der Faustkampf. Wie eine Meerwelle, die sich dem Schiff entgegenwälzt
und welche die Kunst des Steuermanns mit Mühe abweist, stürmte der fremde Ringer
auf den Griechen ein und ließ ihm keine Ruhe. Dieser aber wich seinem Angriffe
immer kunstvoll und unverletzt aus. Er hatte die schwache Seite seines Gegners
bald ausgekundschaftet und versetzte ihm manchen unabgewehrten Streich. Doch
nahm auch der König seines Vorteils wahr, und nun krachten die Kinnbacken und
knirschten die Zähne von gegenseitigem Schlägen, und sie ruhten nicht eher aus,
als bis beide atemlos waren. Dann traten sie beiseite, frischen Atem zu schöpfen
und sich den strömenden Schweiß abzutrocknen. Im erneuten Kampfe verfehlte Amykos
seines Widerpartes Haupt, und sein Arm traf nur die Schulter; Pollux aber traf
den Gegner über das Ohr, daß ihm die Knochen im Kopfe zerbrachen und er vor
Schmerz in die Knie sank.

Da jauchzten die Argonauten laut auf; aber auch die Bebryken sprangen ihrem
Könige bei, kehrten ihre Keulen und Jagdspieße gegen Pollux und stürmten gegen
ihn heran. Vor ihm stellten sich schirmend die Genossen mit blanken Schwertern
auf. Ein blutiges Treffen entspann sich; die Bebryken wurden in die Flucht geschlagen
und mußten in das Innere des Landes weichen. Die Helden warfen sich auf ihre
Ställe und Viehherden und machten reichliche Beute. Die Nacht über blieben sie
am Lande, verbanden die Wunden, opferten den Göttern und blieben beim Becher
wach. Sie bekränzten ihre Stirnen mit dem Uferlorbeer, an den auch das Schiff
mit seinen Tauen angebunden war, und sangen zur Zither des Orpheus eine tönende
Hymne. Das schweigende Ufer schien ihnen mit Lust zuzuhorchen, ihr Lied aber
besang Pollux, den siegreichen Sohn des Zeus.
Phineus und die Harpyien

Der Morgen setzte dem Mahl ein Ziel, und sie fuhren weiter. Nach einigen Abenteuern
warfen sie die Anker, gegenüber dem bithynischen Lande, an einem Ufergebiete

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