Gustav Schwab - Die Argonautensage

admin am Mrz 29th 2008

und hatten den Hafen mit Felsblöcken gesperrt. In diesem lag das Schiff Argo,
von Herakles, der auch diesmal nicht an das Land gestiegen war, bewacht. Als
dieser die Ungeheuer das boshafte Werk unternehmen sah, schoß er ihrer viele
mit seinen Pfeilen zu Tode. Zu gleicher Zeit kamen auch die übrigen Helden zurück
und richteten mit Pfeilen und Speeren unter den Riesen eine furchtbare Niederlage
an, so daß sie in dem engen Hafen wie ein umgehauener Wald dalagen, die einen
mit Kopf und Brust im Wasser, mit den Füßen auf dem Ufersande, die andern mit
den Füßen im Meere, mit Kopf und Brust am Ufer; beide Fischen und Vögeln zur
Beute bestimmt. Nachdem die Helden diesen glücklichen Kampf bestanden hatten,
lösten sie unter günstigem Winde die Ankertaue und segelten hinaus in die offene
See. Aber in der Nacht legte sich der Wind; bald erhob sich ein Sturm von der
entgegengesetzten Seite, und so wurden sie genötigt, noch einmal am gastlichen
Lande der Dolionen vor Anker zu gehen, ohne daß sie es wußten; denn sie glaubten
sich an der phrygischen Küste. Ebensowenig erkannten die Dolionen, die bei dem
Geräusche der Landung sich aus ihrer nächtlichen Ruhe erhoben hatten, die Freunde
wieder, mit denen sie gestern so fröhlich gezecht hatten. Sie griffen zu den
Waffen, und eine unglückselige Schlacht entspann sich zwischen Gastfreunden.
Iason selbst stieß dem gütigen Könige Kyzikos den Speer mitten in die Brust,
ohne ihn zu kennen und von ihm gekannt zu sein. Die Dolionen wurden endlich
in die Flucht geschlagen und schlossen sich in die Mauern ihrer Stadt ein. Am
andern Morgen wurde beiden der Irrtum offenbar.

Bitterer Schmerz ergriff den Argonautenführer Iason mit allen seinen Helden,
als sie den guten Dolionenkönig in seinem Blute liegen sahen. Drei Tage lang
trauerten in friedlicher Vermischung die Helden und die Dolionen, rauften sich
die Haare und stellten den Gebliebenen zu Ehren gemeinschaftlich Trauerkampfspiele
an; dann schifften die fremden Helden weiter, Klite aber, die Gemahlin des gefallenen
Dolionenköniges, erdrosselte sich mit dem Stricke; sie hatte den Tod ihres Gatten
nicht überleben wollen.
Herakles zurückgelassen

Nach einer stürmevollen Fahrt landeten die Helden in einem Meerbusen Bithyniens
bei der Stadt Kios. Die Mysier, die hier wohnten, empfingen sie gar freundlich,
türmten dürres Holz zum wärmenden Feuer auf, machten den Ankömmlingen aus grünem
Laub eine weiche Streu und setzten ihnen noch in der Abenddämmerung Wein und
Speise zur Genüge vor. Herakles, der alle Bequemlichkeiten der Reise verschmähte,
ließ seine Genossen beim Mahle sitzen und machte einen Streifzug in den Wald,
um sich aus einem Tannenbaum ein besseres Ruder für den kommenden Morgen zu
schnitzen. Bald fand er eine Tanne, die ihm gerecht war, nicht zu sehr mit Ästen
beladen, in der Größe und im Umfang wie der Ast einer schlanken Pappel. Sogleich
legte er Köcher und Bogen auf die Erde, warf sein Löwenfell ab, seine eherne
Keule daneben und zog den Stamm, den er mit beiden Händen gefaßt, mitsamt den
Wurzeln und der daranhängenden Erde heraus, so daß die Tanne dalag, nicht anders
denn, als hätte sie ein Sturm entwurzelt. Inzwischen hatte sich sein junger
Gefährte Hylas auch vom Tische der Genossen verloren. Er war mit dem ehernen
Kruge aufgestanden, um Wasser für seinen Herrn und Freund zum Mahle zu schöpfen
und auch alles andere ihm für seine Rückkehr vorzubereiten. Herakles hatte auf
seinem Zuge gegen die Dryopen seinen Vater im Wortwechsel erschlagen, den Knaben
aber aus dem Hause des Vaters mit sich genommen und sich zum Diener und Freunde
erzogen. Als dieser schöne Jüngling an dem Quelle Wasser schöpfte, leuchtete
der Vollmond. Wie er sich nun eben mit dem Kruge nach dem Wasserspiegel neigte,
erblickte ihn die Nymphe des Quelles. Von seiner Schönheit betört, schlang sie
den linken Arm um ihn, mit der Rechten ergriff sie seinen Ellenbogen und zog
ihn so hinunter in die Tiefe. Einer der Helden, Polyphemos mit Namen, der die
Rückkehr des Herakles nicht ferne von jenem Quell erwartete, hörte den Hilfeschrei
des Knaben. Aber er fand ihn nicht mehr, dagegen begegnete er dem Herakles,
der aus dem Walde zurückkam. »Unglücklicher«, rief er ihm entgegen, »muß ich
der erste sein, der dir die Trauerbotschaft melde? Dein Hylas ist zum Quelle
gegangen und nicht wieder zurückgekehrt; Räuber fahren ihn gefangen davon oder
wilde Tiere zerreißen ihn; ich selbst habe seinen Angstruf gehört.« Dem Herakles
floß der Schweiß vom Haupte, als er es hörte, und das Blut wallte ihm gegen
die Brust. Zornig warf er die Tanne auf den Boden und rannte, wie ein von der
Bremse gestochener Stier Hirten und Herde verläßt, mit durchdringendem Rufe
durch das Dickicht der Quelle zu.

Jetzt stand der Morgenstern über dem Bergesgipfel; günstiger Wind erhub sich.
Der Steuermann ermahnte die Helden, ihn zu benützen und das Schiff zu besteigen.
Schon fuhren sie im Morgenlichte fröhlich dahin, als ihnen zu spät einfiel,
daß zwei ihrer Genossen, Polyphemos und Herakles, von ihnen am Ufer zurückgelassen
worden. Ein stürmischer Streit erhob sich unter den Helden, ob sie ohne die
tapfersten Begleiter weitersegeln sollten. Iason sprach kein Wort, stille saß
er, und der Kummer fraß ihm am Herzen; den Telamon aber übermannte der Zorn:
»Wie kannst du so ruhig sitzen?« rief er dem Führer zu; »gewiß fürchtetest du,

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