Gustav Schwab - Die Argonautensage

admin am Mrz 29th 2008

Scheu die Augen auf den Boden und eilte dem Palaste der Königin zu. Dienende
Mägde taten die hohen Pforten weit vor ihm auf, die Jungfrau führte ihn in das
Gemach ihrer Herrin. Hier nahm er dieser gegenüber auf einem prachtvollen Stuhle
Platz. Hypsipyle schlug die Augen nieder, und ihre jungfräulichen Wangen röteten
sich. Verschämt wandte sie sich an ihn mit den schmeichelnden Worten: »Fremdling,
warum weilet ihr so scheu außerhalb unserer Tore? Diese Stadt wird ja nicht
von Männern bewohnt, daß ihr euch zu fürchten hättet. Unsere Gatten sind uns
treulos geworden; sie sind mit thrakischen Weibern, die sie im Kriege erbeutet,
in das Land ihrer Nebenweiber gezogen und haben ihre Söhne und männlichen Diener
mit sich genommen; wir aber sind hilflos zurückgeblieben. Darum, wenn es euch
gefällt, kehret hier, bei unsrem Volke, ein, und magst du, sollst du an meines
Vaters Thoas Statt die Deinigen und uns beherrschen. Du wirst das Land nicht
tadeln, es ist bei weitem die fruchtbarste Insel in diesem Meere. Geh daher,
guter Führer, melde deinen Genossen unsern Vorschlag und bleibet nicht länger
außerhalb der Stadt.« So sprach sie und verhehlte nur die Ermordung der Männer.
Ihr erwiderte Iason: »Königin, die Hilfe, die du uns Hilfsbedürftigen anbietest,
nehmen wir mit dankbarem Herzen an; wenn ich meinen Genossen die Nachricht zurückgebracht
habe, will ich in eure Stadt zurückkehren, aber den Zepter und die Insel behalte
du selbst! Nicht als ob ich sie verachte; aber mich erwarten schwere Kämpfe
im fernen Lande.« Iason reichte der königlichen Jungfrau die Hand zum Abschiedsgruße,
dann eilte er zurück ans Ufer. Bald kamen auch die Frauen auf schnellen Wagen
nach, mit vielen Gastgeschenken. Ohne Mühe überredeten sie die Helden, die ihres
Führers Botschaft schon vernommen hatten, die Stadt zu betreten und in ihren
Häusern einzukehren. Iason nahm seine Wohnung in der Königsburg selbst, die
andern da und dort; nur Herakles, der Feind weibischen Lebens, blieb mit wenigen
auserlesenen Genossen zurück auf dem Schiffe. Jetzt füllten fröhliche Mahlzeiten
und Tänze die Stadt; duftiger Opferdampf stieg zum Himmel; Einwohnerinnen und
Gäste ehrten den Schutzgott der Insel, Hephaistos, und Aphrodite, seine Gemahlin.
Von Tag zu Tag wurde die Abfahrt verschoben; und noch lange hätten die Helden
bei den freundlichen Wirtinnen verweilt, wenn nicht Herakles vom Schiffe herbeigekommen
wäre und die Genossen, ohne der Weiber Wissen, um sich versammelt hätte. »Ihr
Elenden«, schalt er, »hattet ihr nicht genug Frauen im eigenen Lande? Seid ihr
der Hochzeit bedürftig hierhergekommen? Wollt ihr als Bauern zu Lemnos das Feld
pflügen? Freilich! ein Gott wird für uns das Vlies holen und es uns zu Füßen
legen! Lieber lasset uns jeden in seine Heimat zurückkehren; jener mag sich
mit Hypsipyle vermählen, die Insel Lemnos mit seinen Söhnen bevölkern und von
fremden Heldentaten hören!«

Keiner wagte gegen den Helden, der so sprach die Augen aufzuheben oder ihm
zu widersprechen. Von der Versammlung weg rüsteten sie sich zur Abfahrt. Aber
die Lemnierinnen, ihre Absicht erratend, umschwärmten sie wie summende Bienen
mit Klagen und Bitten. Doch ergaben sie sich zuletzt in den Entschluß der Helden.
Hypsipyle trat mit tränenden Augen aus der Schar hervor, nahm Iason bei der
Hand und sprach: »Geh, und mögen dir die Götter samt deinen Genossen, wie du
es wünschest, das Goldene Vlies verleihen! Wenn du je zu uns zurückkehren willst,
so erwartet dich diese Insel und das Zepter meines Vaters. Aber ich weiß es
wohl, du hast diese Absicht nicht. So gedenke denn wenigstens meiner in der
Ferne!« Iason schied mit Bewunderung von der edlen Königin und bestieg zuerst
das Schiff, nach ihm die andern Helden alle. Sie lösten die Taue, mit welchen
das Fahrzeug ans Land gebunden war, die Ruderer setzten sich in Bewegung, und
in kurzer Zeit hatten sie den Hellespont hinter sich.
Die Argonauten im Lande der Dolionen

Thrakische Winde trieben hier das Schiff in die Nähe der phrygischen Küste,
wo auf dem Eilande Kyzikos die erdgeborenen Riesen in ungezähmter Wildheit und
die friedlichen Dolionen nebeneinander wohnten. Jenen hingen sechs Arme vom
Leibe herunter, zwei an den mächtigen Schultern und vier an den beiden Seiten.
Die Dolionen stammten vom Meeresgotte ab, der sie auch gegen jene Ungeheuer
schirmte. Ihr König war der fromme Kyzikos. Dieser und sein ganzes Volk, als
sie von der Ankunft des Schiffes und dem Geschlechte der Männer gehört, gingen
den Argonauten liebreich entgegen, empfingen sie gastfreundlich und überredeten
sie, noch weiter zu rudern und das Schiff im Hafen der Stadt vor Anker zu legen.
Der König hatte längst einen Orakelspruch erhalten: Wenn die göttliche Schar
der Heroen käme, so sollte er sie liebreich aufnehmen und ja nicht bekriegen.
Er versah sie deswegen reichlich mit Wein und Schlachtvieh. Er selbst war noch
ganz jung, und kaum erst war ihm der Bart gewachsen. Im Königshause wartete
sein die junge Gattin, die er eben erst aus ihres Vaters Hause heimgeführt hatte;
dennoch verließ er sie, um, dem Götterspruche folgsam, das Mahl mit den Fremden
zu teilen. Hier erzählten sie ihm von dem Ziel und Zweck ihrer Fahrt, und er
unterrichtete sie über den Weg, den sie zu nehmen hätten. Am andern Morgen bestiegen
sie einen hohen Berg, um selbst die Lage der Insel und das Meer zu überschauen.
Inzwischen waren von der andern Seite des Eilands die Riesen hervorgebrochen

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