Gustav Schwab - Die Argonautensage

admin am Mrz 29th 2008

dich«, sprach sie; »du wirst eine Hochzeit feiern, die dich schmerzen wird!«
Als sie ihren Gemahl verlassen hatte, reuten sie die letzten Worte wieder, nicht,
weil sie anderen Sinnes geworden war, sondern weil sie fürchtete, er möchte
ihre Schritte beobachten und sie an der Ausübung ihres Frevels verhindern. Sie
ließ daher um eine zweite Unterredung mit ihm bitten und sprach zu ihm mit veränderter
Miene: »Iason, verzeih mir, was ich gesprochen; der blinde Zorn hat mich verführt,
ich sehe jetzt ein, daß alles, was du getan hast, zu unserm eigenen Besten gereichen
soll. Arm und verbannt sind wir hierhergekommen; du willst durch deine neue
Heirat für dich, für deine Kinder, zuletzt auch für mich selbst sorgen. Wenn
sie eine Weile ferne gewesen sind, wirst du deine Söhne zurückberufen, wirst
sie teilnehmen lassen an dem Glücke der Geschwister, die sie erhalten sollen.
Kommt herbei, kommt herbei, Kinder, umarmet euren Vater, versöhnet euch mit
ihm, wie ich mich mit ihm versöhnet habe!« Iason glaubte an diese Sinnesänderung
und war hocherfreut darüber, er versprach ihr und den Kindern das Beste; und
Medea fing an, ihn noch sicherer zu machen. Sie bat ihn, die Kinder bei sich
zu behalten und sie allein ziehen zu lassen. Damit die neue Gattin und ihr Vater
dieses dulde, ließ sie aus ihrer Vorratskammer köstliche goldene Gewänder holen
und reichte sie dem Iason als Brautgeschenk für die Königstochter. Nach einigem
Bedenken ließ dieser sich überreden, und ein Diener ward abgesandt, die Gaben
der Braut zu bringen. Aber diese köstlichen Kleider waren mit Zauberkraft getränkte
giftige Gewande, und als Medea heuchlerischen Abschied von ihrem Gatten genommen
hatte, harrte sie von Stunde zu Stunde des Boten, der ihr die Nachricht vom
Empfang ihrer Geschenke bringen sollte. Dieser kam endlich und rief ihr entgegen:
»Steig in dein Schiff, Medea, fliehe! fliehe! Deine Feindin und ihr Vater sind
tot. Als deine Söhne mit ihrem Vater das Haus der Braut betraten, freuten wir
Diener uns alle, daß die Zwietracht verschwunden und die Versöhnung vollkommen
sei. Die junge Königin empfing deinen Gatten mit heiterem Blick; als sie aber
die Kinder sah, bedeckte sie ihre Augen, wandte das Antlitz ab und verabscheute
ihre Gegenwart. Doch Iason besänftigte ihren Zorn, sprach ein gutes Wort für
dich und breitete die Geschenke vor ihr aus. Als sie die herrlichen Gewande
sah, wurde ihr Herz von der Pracht gereizt, es wandte sich, und sie versprach
ihrem Bräutigam, in alles zu willigen. Als dein Gemahl mit den Söhnen sie verlassen
hatte, griff sie mit Begierde nach dem Schmuck, legte den Goldmantel um, setzte
den goldenen Kranz sich ins Haar und betrachtete sich vergnügt in einem hellen
Spiegel. Dann durchwandelte sie die Gemächer und freute sich wie ein kindisches
Mädchen ihrer Herrlichkeit. Bald aber wechselte das Schauspiel. Mit verwandelter
Farbe, an allen Gliedern zitternd, wankte sie rückwärts, und bevor sie ihren
Sitz erreicht hatte, stürzte sie auf den Boden nieder, erbleichte, begann die
Augensterne zu verdrehen, und Schaum trat ihr über den Mund. Wehklagen ertönte
in dem Palaste, die einen Diener eilten zu ihrem Vater, die andern zu ihrem
künftigen Gatten. Inzwischen flammte der verzauberte Kranz auf ihrem Haupte
in Feuer auf; Gift und Flamme zehrten an ihr um die Wette; und als ihr Vater
jammernd herbeigestürzt kam, fand er nur noch den entstellten Leichnam der Tochter.
Er warf sich in Verzweiflung auf sie; von dem Gifte des mörderischen Gewandes
ergriffen, hat auch er sein Leben geendet. Von Iason weiß ich nichts.«

Die Erzählung dieser Greuel, statt die Wut Medeas zu dämpfen, entflammte sie
vielmehr; und ganz zur Furie der Rachsucht geworden, rannte sie fort, ihrem
Gatten und sich selbst den tödlichsten Schlag zu versetzen. Sie eilte nach der
Kammer, wo ihre Söhne schliefen; denn die Nacht war herbeigekommen. »Waffne
dich, mein Herz«, sprach sie unterwegs zu sich selber, »was zögerst du, das
Gräßliche und Notwendige zu vollbringen? Vergiß, Unglückliche, daß es deine
Kinder sind, daß du sie geboren hast. Nur diese eine Stunde vergiß es! Nachher
beweine sie dein ganzes Leben lang. Du tust ihnen selbst einen Dienst. Tötest
du sie nicht, so sterben sie von einer feindseligen Hand.«

Als Iason in sein Haus geflogen kam, die Mörderin seiner jungen Braut aufzusuchen
und sie seiner Rache zu opfern, scholl ihm das Jammergeschrei seiner Kinder
entgegen, die unter dem Mordstahl bluteten; er trat in die aufgestoßene Kammer
und fand seine Söhne wie Schuldopfer hingewürgt; Medea aber war nicht zu erblicken.
Als er in Verzweiflung sein Haus verließ, hörte er in der Luft ein Geräusch
über seinem Haupte. Emporschauend ward er hier die fürchterliche Mörderin gewahr,
wie sie auf einem mit Drachen bespannten Wagen, den ihre Kunst herbeigezaubert
hatte, durch die Lüfte davonfuhr und den Schauplatz ihrer Rache verließ. Iason
hatte die Hoffnung verloren, sie für ihren Frevel zu strafen; die Verzweiflung
kam über ihn, der Mord des Absyrtos wachte wieder auf in seiner Seele; er stürzte
sich in sein Schwert und fiel auf der Schwelle seines Hauses.

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