Gustav Schwab - Die Argonautensage
admin am Mrz 29th 2008
Rücken. Man nannte sie Kalliste, das heißt die Schönste, und Euphemos bevölkerte
sie in der Folge mit seinen Kindern.
Dies war das letzte Wunder, das die Helden erlebten. Bald darauf nahm sie die
Insel Ägina auf. Von dort der Heimat zusteurend, lief ohne weiteren Unfall das
Schiff Argo mit seinen Helden glücklich in den Hafen von Iolkos ein. Iason weihte
das Schiff auf der korinthischen Meerenge dem Poseidon, und als es längst in
Staub zerfallen war, glänzte es, in den Himmel erhoben, am südlichen Firmament
als ein leuchtendes Gestirn.
Iasons Ende
Iason gelangte nicht zu dem Throne von Iolkos, um dessentwillen er die gefahrvolle
Fahrt bestanden, Medea ihrem Vater geraubt und an ihrem Bruder Absyrtos einen
schändlichen Mord begangen hatte. Er mußte das Königreich dem Sohne des Pelias,
Akastos, überlassen und sich mit seiner jungen Gemahlin nach Korinth flüchten.
Hier wohnte er zehn Jahre lang mit ihr, und sie gebar ihm drei Söhne. Die beiden
ältesten waren Zwillinge und hießen Thessalos und Alkimenes; der dritte, Tisander,
war viel jünger. Während jener Zeit war Medea nicht nur um ihrer Schönheit willen,
sondern auch wegen ihres edlen Sinnes und ihrer übrigen Vorzüge von ihrem Gatten
geliebt und geehrt. Als aber später die Zeit die Reize ihrer Gestalt allmählich
vertilgte, wurde Iason von der Schönheit eines jungen Mädchens, der Tochter
des Korintherkönigs Kreon, mit Namen Glauke, entzündet und betört. Ohne daß
seine Gattin darum wußte, warb er um die Jungfrau, und nachdem der Vater eingewilligt
und den Tag der Hochzeit bestimmt hatte, suchte er erst seine Gemahlin zu bewegen,
daß sie freiwillig auf die Ehe verzichten sollte. Er versicherte sie auch, daß
er die neue Heirat nicht schließen wolle, weil er ihrer Liebe überdrüssig sei,
sondern aus Fürsorge für seine Kinder suche er in Verwandtschaft mit dem hohen
Königshause zu treten. Aber Medea ward entrüstet über diesen Antrag und rief
zürnend die Götter an, als Zeugen seiner Schwüre. Iason achtete dies nicht und
vermählte sich mit der Königstochter. Verzweifelnd irrte Medea in dem Palaste
ihres Gatten umher. »Wehe mir«, rief sie, »möchte die Flamme des Himmels auf
mein Haupt herniederzücken! Was soll ich länger leben? Möchte der Tod sich meiner
erbarmen! O Vater, o Vaterstadt, die ich schimpflich verlassen habe! O Bruder,
den ich gemordet und dessen Blut jetzt über mich kommt! Aber nicht an meinem
Gatten Iason war es, mich zu strafen; für ihn habe ich gesündigt! Göttin der
Gerechtigkeit, mögest du ihn und sein junges Kebsweib verderben!«
Noch jammerte sie so, als Kreon, Iasons neuer Schwiegervater, im Palaste ihr
begegnete. »Du finster Blickende, auf deinen Gemahl Ergrimmte«, redete er sie
an, »nimm deine Söhne an der Hand und verlaß mir mein Land auf der Stelle; ich
werde nicht nach Hause kehren, ehe ich dich über meine Grenzen gejagt.« Medea,
ihren Zorn unterdrückend, sprach mit gefaßter Stimme: »Warum fürchtest du ein
Übel von mir, Kreon? Was hast du mir Böses getan, was warest du mir schuldig?
Du hast deine Tochter dem Manne gegeben, der dir gefallen hat. Was ging ich
dich an? Nur meinen Gatten hasse ich, der mir alles schuldig ist. Doch das ist
geschehen; mögen sie als Gatten leben. Mich aber laßt in diesem Lande wohnen;
denn obgleich ich tief gekränkt bin, so will ich doch schweigen und den Mächtigeren
mich unterwerfen.« Aber Kreon sah ihr die Wut in den Augen an, er traute ihr
nicht, obgleich sie seine Knie umschlang und ihn bei dem Namen der eigenen,
ihr so verhaßten Tochter Glauke beschwor. »Geh«, erwiderte er, »und befreie
mich von Sorgen!« Da bat sie nur um einen einzigen Tag Aufschub, um einen Weg
zur Flucht und ein Asyl für ihre Kinder wählen zu können. »Meine Seele ist nicht
tyrannisch«, sprach da der König; »schon viel törichte Nachgiebigkeit habe ich
aus falscher Scheu geübt. Auch jetzt fühle ich, daß ich nicht weise handle;
dennoch sei es dir gestattet, Weib.«
Als Medea die gewünschte Frist erhalten hatte, bemächtigte sich ihrer der Wahnsinn,
und sie schritt zur Vollführung einer Tat, die ihr wohl bisher dunkel im Geiste
vorgeschwebt, an deren Möglichkeit sie jedoch selbst nicht geglaubt hatte. Dennoch
machte sie vorher einen letzten Versuch, ihren Gatten von seinem Unrecht und
seinem Frevel zu überzeugen. Sie trat vor ihn und sprach zu ihm: »O du schlimmster
aller Männer, du hast mich verraten, hast einen neuen Ehebund eingegangen, während
du doch Kinder hast. Wärest du kinderlos, so wollte ich dir verzeihen; du hättest
eine Ausrede. So bist du unentschuldbar; ich weiß nicht, meinst du, die Götter,
die damals herrschten, als du mir Treue versprachest, regieren nicht mehr, oder
es seien den Menschen neue Gesetze für ihre Handlungen gegeben worden, daß du
glaubst, meineidig werden zu dürfen? Sage mir, ich will dich fragen, als wenn
du mein Freund wärest: wohin rätst du mir zu gehen? Schickst du mich zurück
in meines Vaters Haus, den ich verraten, dem ich den Sohn getötet habe, dir
zulieb? Oder welche andere Zuflucht weißt du für mich? Fürwahr, es wird ein
herrlicher Ruhm für dich, den Neuvermählten, sein, wenn deine erste Gattin mit
deinen eigenen Söhnen in der Welt betteln geht!« Doch Iason war verhärtet. Er
versprach ihr, sie und die Kinder, mit reichlichem Gelde und Briefen an seine
Gastfreunde versehen, zu entlassen. Sie aber verschmähte alles: »Geh, vermähle
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