Gustav Schwab - Die Argonautensage

admin am Mrz 29th 2008

aber nur etwa so, wie ein Bauer den Neumond hinter Wolken erblickt zu haben
meint, und er versicherte, daß niemand den Schweifenden erreichen werde. Endlich,
nachdem sie durch unglückliche Zufälle zwei Genossen verloren und betrauert
hatten, bestiegen sie das Schiff wieder. Lange suchten sie vergebens aus der
tritonischen Bucht in die offene See zu gelangen; der Wind blies ihnen entgegen,
und das Schiff kreuzte unruhig in dem Hafen hin und her wie eine Schlange, die
vergebens aus ihrem Versteck hervorzudringen strebt und zischend mit funkelnden
Augen ihr Haupt da- und dorthin kehrt. Auf den Rat des Sehers Orpheus stiegen
sie daher noch einmal ans Land und weihten den einheimischen Göttern den größten
Opferdreifuß, den sie im Schiffe besaßen und den sie am Gestade zurückließen.
Auf dem Rückwege begegnete ihnen der Meeresgott Triton in Jünglingsgestalt.
Er hub eine Erdscholle vom Boden auf und reichte sie als Zeichen der Gastfreundschaft
dem Helden Euphemos, der sie in seinem Busen barg. »Mich hat der Vater«, sprach
der Meergott, »zum Beschirmer dieser Meeresgegend gesetzt. Sehet, dort, wo das
Wasser in unbewegter Tiefe dunkelt, dort ist der schmale Ausweg aus der Bucht
ins offene Meer: dorthin rudert; guten Wind will ich euch schicken. Dann seid
ihr nicht mehr ferne von der Pelopsinsel!« Lustig stiegen sie ins Schiff; Triton
nahm den Dreifuß auf die Schulter und verschwand damit in den Fluten. Nun kamen
sie, nach einer Fahrt von wenigen Tagen, unangefochten nach der Felseninsel
Karpathos und wollten von da nach dem herrlichen Eilande Kreta hinüberschiffen.
Der Wächter dieser Insel war aber der schreckliche Riese Talos. Er war allein
noch übrig aus dem ehernen Geschlechte der Menschen, welche einst Buchen entsprossen
waren, und Zeus hatte ihn Europa als Schwellenhüter geschenkt, daß er dreimal
des Tages mit seinen ehernen Füßen die Runde auf der Insel machen sollte. Dieser
war am ganzen Leibe von Erz und deswegen unverwundlich, nur am einen Knöchel
hatte er eine fleischerne Sehne und eine Ader, darin Blut floß. Wer diese Stelle
wußte und sie treffen konnte, durfte gewiß sein, ihn zu töten; denn er war nicht
unsterblich. Als die Helden auf die Insel zuruderten, stand er auf einer der
äußersten Klippen mit seiner Wacht beschäftigt; sobald er ihrer ansichtig ward,
bröckelte er Felsblöcke los und fing an, sie gegen das herannahende Schiff zu
schleudern. Erschrocken ruderten die Argonauten rückwärts; sie hätten, obwohl
aufs neue von Durst geplagt, das schöne Kreta auf der Seite gelassen, hätte
sich nicht Medea erhoben und den Erschrockenen zugeredet: »Höret mich, Männer!
Ich weiß, wie dieses Ungeheuer zu bändigen ist. Haltet das Schiff nur außerhalb
der Steinwurfweite!« Dann hob sie die Falten ihres purpurnen Gewandes empor
und bestieg die Schiffsgänge, über welche Iasons Hand sie hinleitete. Mit schauerlicher
Zauberformel rief sie dreimal die lebenraubenden Parzen an, die schnellen Hunde
der Unterwelt, die, durch die Lüfte schweifend, allenthalben nach den Lebendigen
jagen. Hierauf verzauberte sie die Augenlider des ehernen Talos, daß sie sich
schlossen, und ließ schwarze Traumbilder vor seine Seele treten. Betäubt stieß
er - sich nach Steinblöcken bückend, um damit den Hafen zu verteidigen - den
fleischernen Knöchel an eine spitze Felsenkante, daß das Blut wie flüssiges
Blei aus der Wunde quoll. Wie eine halb angehauene Fichte der erste Windstoß
erschüttert und sie endlich krachend in die Tiefe stürzt, so taumelte auch Talos
noch eine kurze Zeit auf seinen Füßen und stürzte dann entseelt mit ungeheurem
Schall in die Meerestiefe.

Jetzt konnten die Genossen ungefährdet landen und erholten sich auf dem gesegneten
Eilande bis zum Morgen. Kaum über Kreta hinausgeschifft, erschreckte sie ein
neues Abenteuer. Eine entsetzliche Nacht brach ein, die kein Strahl des Mondes,
kein Stern erleuchtete; als wäre alle Finsternis aus dem Abgrunde losgelassen,
so schwarz war die Luft; sie wußten nicht, ob sie auf dem Meere oder in den
Fluten des Tartaros schifften. Mit aufgehobenen Händen flehte Iason zu Phöbos
Apollo, sie aus diesem gräßlichen Dunkel zu befreien; Angsttränen stürzten ihm
von den Wangen, und er versprach dem Gotte die herrlichsten Weihgeschenke. Dieser
vernahm sein Flehen, er kam vom Olymp hernieder, sprang auf einen Meerfels,
und den goldenen Bogen hoch in den Händen haltend, schoß er silberne Lichtpfeile
über die Gegend hin. In dem plötzlichen Lichtglanze zeigte sich ihnen eine kleine
Insel, auf welche sie zusteuerten und wo, vor Anker gelegt, sie die tröstliche
Morgenröte erwarteten. Als sie wieder im heitersten Sonnenglanze auf der hohen
See dahinfuhren, da gedachte der Held Euphemos eines nächtlichen Traumes. Ihm
hatte gedeucht, die Erdscholle des Triton, die er an der Brust liegen hatte,
tränke sich voll Milch, beginne sich zu beleben und gestalte sich zu einer lieben
Jungfrau, die sprach: »Ich bin die Tochter des Triton und der Libya, vertraue
mich den Töchtern des Nereus an, daß ich im Meere wohne bei Anaphe; dann werde
ich wieder ans Sonnenlicht hervorkommen und deinen Enkeln bestimmt sein.« An
diesen Traum erinnerte sich jetzt Euphemos, denn Anaphe hatte die Insel geheißen,
bei der sie den Morgen erwartet hatten. Iason, dem der Held den Traum erzählte,
verstand seinen Sinn alsbald: er riet dem Freunde, die Erdscholle, die er auf
dem Herzen trug, in die See zu werfen. Dieser tat es, und siehe da, vor den
Augen der Schiffenden erwuchs aus dem Meeresgrund eine blühende Insel mit fruchtbarem

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