Gustav Schwab - Die Argonautensage
admin am Mrz 29th 2008
Gewässer, mit dichtem Seegras und trägem Schaume bedeckt, wie ein Sumpf in starrer
Ruhe brütete. Ringsum breiteten sich Sandflächen aus, auf denen kein Tier, kein
Vogel sichtbar ward. Hier wurde das Schiff von der Flut so dicht aufs Gestade
geschwemmt, daß der Kiel ganz auf dem Sande aufsaß. Mit Schrecken sprangen die
Helden aus dem Fahrzeug, und mit Entsetzen erblickten sie den breiten Erdrücken,
der sich, der Luft ähnlich, ohne Abwechslung ins Unendliche ausdehnte. Kein
Wasserquell, kein Pfad, kein Hirtenhof zeigte sich. Alles ruhte in totem Schweigen.
»Weh uns, wie heißt dieses Land? Wohin haben uns die Stürme verschlagen?« So
fragten einander die Genossen. »Wären wir doch lieber mitten in die schwimmenden
Felsen hineingefahren! Hätten wir lieber etwas gegen den Willen des Zeus unternommen
und wären in einem großen Versuch untergegangen!« »Ja«, sagte der Steuermann
Ankaios, »die Flut hat uns sitzenlassen und wird uns nicht wieder abholen. Alle
Hoffnung der Fahrt und Heimkehr ist abgeschnitten; steure, wer da kann und will!«
Damit ließ er das Steuerruder aus der Hand gleiten und setzte sich weinend im
Schiffe nieder. Wie Männer in einer verpesteten Stadt untätig, Gespenstern gleich,
dem Verderben entgegensehen, so trauerten die Helden, dem öden Ufer entlangschleichend.
Als der Abend gekommen war, gaben sie einander traurig die Hände zum Abschiede,
warfen sich, ohne Nahrung genommen zu haben, der eine da, der andere dort im
Sande nieder und erwarteten, in ihre Mäntel gehüllt, eine schlaflose Nacht hindurch,
den Tag und den Tod. Auf einer andern Seite seufzten die phäakischen Jungfrauen,
welche Medea vom König Alkinoos zum Geschenke bekommen hatte, um ihre Herrin
gedrängt; sie stöhnten wie sterbende Schwäne, ihren letzten Gesang in die Lüfte
verhauchend; und gewiß wären sie alle, Männer und Frauen, untergegangen, ohne
daß jemand sie betrauert hätte, wenn sich nicht die Beherrscherinnen Libyens,
welche drei Halbgöttinnen waren, ihrer erbarmt hätten. Diese erschienen, mit
Ziegenfellen vom Hals bis an die Knöchel bedeckt, um die heiße Mittagsstunde
dem Iason und zogen ihm den Mantel, mit dem er sein Haupt bedeckt hatte, leise
von den Schläfen. Erschrocken sprang er auf und wandte den Blick voll Ehrfurcht
von den Göttinnen ab. »Unglücklicher«, sprachen sie, »wir kennen alle deine
Mühsale. Aber traure nicht länger! Wenn die Meeresgöttin den Wagen des Poseidon
losgeschirret hat, so zollet eurer Mutter Dank, die euch lang im Leibe getragen;
dann möget ihr ins glückselige Griechenland zurückkehren.« Die Göttinnen verschwanden,
und Iason erzählte seinen Genossen das tröstliche, doch rätselhafte Orakel.
Während alle sich noch darüber staunend besannen, ereignete sich ein ebenso
seltsames Wunderzeichen. Ein ungeheuerer Hengst, dem von beiden Seiten goldne
Mähnen über den Nacken wollten, sprang vom Meer ans Land, schüttelte den Wasserschaum
ab und stürmte davon wie mit Windesflügeln. Freudig erhub jetzt der Held Peleus
seine Stimme und rief. »Die eine Hälfte des Rätselwortes ist erfüllt: die Meeresgöttin
hat ihren Wagen abgeschirrt, den dieses Roß gezogen hat; die Mutter aber, die
uns lang im Leibe getragen, das ist unser Schiff Argo; dem sollen wir jetzt
den schuldigen Dank bezahlen. Laßt es uns auf unsere Schultern nehmen und über
den Sand hintragen, den Spuren des Meerpferdes nach. Dieses wird ja nicht in
den Boden schlüpfen, sondern uns den Weg zu irgendeinem Stapelplatze zeigen.«
Gesagt, getan. Die Göttersöhne nahmen das Schiff auf ihre Schultern und seufzten
zwölf Tage und zwölf Nächte wandernd unter der Last. Immer ging es über öde,
wasserlose Sandflächen hin; hätte sie ein Gott nicht wunderbar gestärkt, sie
wären, Männer und Frauen, am ersten Tage erlegen. So aber kamen sie endlich
glücklich an die tritonische Meerbucht; hier ließen sie ihre Last von den Schultern
gleiten und suchten, vom Durste gepeinigt wie wütende Hunde, nach einem Quell.
Unterwegs begegnete der Sänger Orpheus den Hesperiden, den lieblich singenden
Nymphen, welche auf dem heiligen Felde saßen, wo der Drache Ladon die goldenen
Äpfel gehütet hatte. Diese flehte der Sänger an, den Schmachtenden eine Wasserquelle
zu zeigen. Die Nymphen erbarmten sich, und die vornehmste unter ihnen, Aigle,
fing an zu erzählen: »Gewiß ist der kühne Räuber, der gestern hier erschienen
ist, dem Drachen das Leben und uns die goldenen Äpfel genommen hat, euch zum
Heile gekommen, ihr Fremdlinge. Es war ein wilder Mann, seine Augen funkelten
unter der zornigen Stirne; eine rohe Löwenhaut hing ihm über die Schultern,
in der Hand trug er eine Keule von Olivenholz und die Pfeile, mit welchen er
das Ungeheuer erlegt hat. Auch er kam durstig von der Sandwüste her; da er nirgends
Wasser fand, stieß er mit seiner Ferse an einen Felsen. Wie von einem Zauberschlag
entfloß diesem reichliches Wasser, und der schreckliche Mann legte sich bis
an die Brust auf den Boden, stemmte sich mit beiden Händen an den Felsen und
trank nach Herzenslust, bis er wie ein gesättigter Stier sich auf die Erde legte.«
So sprach Aigle und zeigte ihnen den Felsquell, um den bald alle Helden sich
drängten. Der erfrischende Trunk machte sie wieder fröhlich, und: »Wahrlich«,
sprach einer, nachdem er die brennenden Lippen noch einmal genetzt, »auch getrennt
von uns hat Herakles seine Genossen noch gerettet! Möchten wir ihm doch auf
unserer ferneren Wanderung noch begegnen!« So machten sie sich auf, der eine
da-, der andere dorthin, den Helden zu suchen. Als sie wieder zurückgekommen
waren, glaubte ihn nur der scharfblickende Lynkeus von ferne gesehen zu haben,
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