Gustav Schwab - Die Argonautensage

admin am Mrz 29th 2008

mit den Wellen hoch empor zu den Wolken, bald flog es wieder in den Abgrund
hinab. Auf dem Gipfel einer Klippe sah, den Hammer auf die Schulter gelehnt,
Hephaistos dem Schauspiele zu und vom gestirnten Himmel herab des Zeus Gemahlin,
Hera; diese aber ergriff Athenes Hand; denn sie konnte es ohne Schwindel nicht
mit ansehen. Endlich waren sie den Gefahren glücklich entgangen und fuhren weiter
auf der offenen See, bis sie zu einer Insel kamen, wo die guten Phäaken und
ihr frommer König Alkinoos wohnten.
Neue Verfolgung der Kolcher

Hier waren sie aufs gastliche aufgenommen worden und wollten sich eben recht
gütlich tun, als plötzlich an der Küste ein furchtbares Heer der Kolcher erschien,
deren Flotte auf einem andern Wege bis hierher vorgedrungen war. Sie verlangten
die Königstochter Medea, um sie in das väterliche Haus zurückzuführen, oder
bedrohten die Griechen mit einer mörderischen Schlacht schon jetzt, und noch
mehr, wenn Aietes selbst mit einem noch gewaltigeren Heere nachkommen würde.
Ja, sie waren schon im Begriff, den Kampf zu beginnen, da gelang es dem weisen
König Alkinoos noch, sie zurückzuhalten; er wünsche den Zwist ohne Blutvergießen
zu lösen. Medea aber umfaßte die Knie seiner Gemahlin Arete: »Herrin, ich flehe
dich an«, sprach sie, »laß mich nicht zu meinem Vater bringen; wenn du anders
dem menschlichen Geschlechte angehörst, das allzumal durch leichten Irrtum in
schnelles Unglück stürzt. So ist auch mir die Besonnenheit entschwunden. Doch
nicht Leichtsinn, sondern nur entsetzliche Furcht hat mich zur Flucht mit diesem
Manne bewogen. Als Jungfrau führt er mich in seine Heimat. Darum erbarme dich
meiner, und die Götter mögen dir langes Leben und Kinder und deiner Stadt unsterbliche
Zier gewähren.« Auch den einzelnen Helden warf sie sich flehend zu Füßen: ein
jeder aber, den sie anrief, hieß sie guten Mutes sein, schüttelte die Lanze,
zog sein Schwert und versprach, ihr beizustehen, wenn Alkinoos sie ausliefere
wollte.

In der Nacht ratschlagte der König mit seiner Gemahlin über das kolchische
Mädchen. Arete bat für sie und erzählte ihm, daß der große Held Iason sie zu
seiner rechtmäßigen Gemahlin machen wolle. Alkinoos war ein sanfter Mann, und
sein Gemüt wurde noch weicher, als er dieses hörte. »Gerne würde ich«, erwiderte
er seiner Gemahlin, »die Kolcher den Helden und der Jungfrau zulieb auch mit
den Waffen vertreiben, aber ich fürchte das Gastrecht des Zeus zu verletzen;
auch ist es nicht klug, den mächtigen König Aietes zu reizen, denn so ferne
er wohnt, wäre er doch imstande, Griechenland mit einem Kriege zu überziehen.
Höre daher den Ratschlag, den ich gefaßt habe: Ist das Mädchen noch eine freie
Jungfrau, so soll sie dem Vater zurückgegeben werden; ist sie aber des Helden
Gemahlin, so werde ich sie dem Gatten nicht rauben, denn dann gehört sie diesem
vor dem Vater.« Arete erschrak, als sie diesen Entschluß des Königes hörte.
Noch in der Nacht sandte sie einen Herold zu Iason, der ihm alles hinterbrachte
und ihm riet, sich noch vor Anbruch des Morgens mit Medea zu vermählen. Die
Helden, welchen Iason den unerwarteten Vorschlag mitteilte, waren es alle zufrieden,
und so wurde unter den Liedern des Orpheus, einer heiligen Grotte, die Jungfrau
feierlich zur Gattin Iasons eingeweiht.

Am andern Morgen, als die Ufer der Insel und das tauige Feld von den ersten
Sonnenstrahlen schimmerten, rührte sich alles Phäakenvolk auf den Straßen der
Stadt; und am andern Ende der Ufer standen die Kolcher auch schon unter den
Waffen. Alkinoos trat versprochenermaßen hervor aus seinem Palaste, das goldene
Zepter in der Hand, zu richten über das Mädchen; hinter ihm gingen scharenweise
die edelsten Phäaken einher; auch die Frauen waren zusammengekommen, um die
herrlichen Helden der Griechen zu schauen, und viele Landleute hatten sich versammelt,
denn Zeus hatte das Gerücht weit und breit ausgestreut. So war alles vor den
Mauern der Stadt bereit, und die Opfer dampften zum Himmel empor. Schon lange
harrten hier die Helden der Entscheidung. Als nun der König auf seinem Throne
Platz genommen hatte, trat Iason hervor und erklärte mit eidlicher Bekräftigung
die Königstochter Medea für seine rechtmäßige Gemahlin. Sobald Alkinoos dieses
hörte und Zeugen der Vermählung aufgetreten waren, tat er mit einem feierlichen
Schwure den Ausspruch, daß Medea nicht ausgeliefert werden sollte, und schirmte
seine Gäste. Vergebens widersetzten sich die Kolcher; der König hieß sie entweder
als friedliche Gäste in seinem Lande wohnen oder mit ihren Schiffen sich aus
seinem Hafen entfernen. Sie aber, die den Zorn ihres Landesherrn fürchteten,
wenn sie ohne seine Tochter zurückkehrten, wählten das erstere. Am siebenten
Tage brachen die Argonauten, ungern von Alkinoos entlassen und herrlich beschenkt,
zur Weiterfahrt auf.
Letzte Abenteuer der Helden

Wieder waren sie an mancherlei Ufern und Inseln vorübergesegelt, und schon
erblickten sie in der Ferne die heimische Küste des Pelopslandes (Peloponnesos),
als ein grausamer Nordstrom das Schiff erfaßte und mitten durchs Libysche Meer
neun volle Tage und Nächte auf ungewissem Pfade dahinjagte. Endlich wurden sie
an das Sandwüstenufer der afrikanischen Syrten verschlagen, in eine Bucht, deren

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