Gustav Schwab - Die Argonautensage
admin am Mrz 29th 2008
daß sie die Schwester des grausamen Aietes sei. Die Göttin, als sie die nächtlichen
Schrecken von sich entfernt hatte, kehrte schnell wieder um, lockte den Tieren
und streichelte sie, wie man Hunde streichelt.
Iason hieß die ganze Mannschaft im Schiffe bleiben, er selbst sprang mit Medea
ans Land und zog das widerstrebende Mädchen mit sich fort, Kirkes Palaste zu.
Kirke wußte nicht, was die Fremden bei ihr suchten. Sie hieß sie auf schönen
Sesseln Platz nehmen. Jene aber flüchteten still und traurig an den Herd und
ließen sich dort nieder. Medea legte ihr Haupt in beide Hände, und Iason stieß
das Schwert, mit welchem er den Absyrtos umgebracht hatte, in den Boden, legte
die Hand auf dasselbe und stützte sein Kinn darauf, ohne die Augen aufzuschlagen.
Da merkte Kirke, daß es Schutzflehende seien, und verstand sogleich, daß es
sich um den Jammer der Verbannung und die Sühnung eines Mordes handle. Sie trug
Scheu vor Zeus, dem Beschirmer der Flehenden, und brachte das verlangte Opfer
dar, indem sie ein Ferkel einer noch lebenden Muttersau schlachtete und den
reinigenden Zeus dazu anrief. Ihre Dienerinnen, die Najaden, mußten all die
Sühnungsmittel aus dem Hause zusammentragen; sie selbst stellte sich an den
Herd und verbrannte heilige Opferkuchen unter feierlichen Gebeten, um den Zorn
der Erinnyen zu besänftigen und die Verzeihung des Göttervaters für die Mordbefleckten
anzurufen. Als alles vorüber war, ließ sie die Fremden erst auf die glänzenden
Stühle setzen und setzte sich ihnen gegenüber. Dann fragte sie dieselben über
ihr Geschäft und ihre Schiffahrt, woher sie kämen, warum sie hier gelandet und
wofür sie ihren Schutz begehrt hätten; denn ihr blutiger Traum war ihr wieder
in den Sinn gekommen. Als die Jungfrau nun ihr Haupt aufrichtete und ihr ins
Angesicht sah, fielen ihr die Augen des Mädchens auf; denn Medea stammte ja
wie Kirke selbst vom Sonnengotte; und alle Abkömmlinge dieses Gottes haben strahlende
Augen voll Goldglanz. Nun verlangte sie die Muttersprache der Landesflüchtigen
zu hören, und die Jungfrau fing an, in kolchischer Mundart, alles, was mit Aietes,
den Helden und ihr geschehen war, der Wahrheit nach zu erzählen; nur die Ermordung
ihres Bruders Absyrtos wollte sie nicht gestehen. Aber der Zaubergöttin Kirke
blieb nichts verborgen; doch jammerte sie ihrer Nichte und sie sprach: »Arme,
du bist unehrlich geflohen und hast einen großen Frevel begangen. Gewiß wird
dein Vater nach Griechenland kommen, den Mord seines Sohnes an dir zu rächen.
Von mir jedoch sollst du kein weiteres Übel leiden, weil du eine Schutzflehende
und dazu meine Verwandte bist. Nur verlang auch keine Hilfe von mir. Entferne
dich mit dem fremden Manne, wer es auch sein mag. Ich kann weder deine Pläne
noch deine schimpfliche Flucht billigen!« Ein unendlicher Schmerz ergriff die
Jungfrau bei diesen Worten. Sie warf den Schleier über ihr Haupt und weinte
bitterlich, bis der Held sie an der Hand ergriff und die Wankende mit sich aus
Kirkes Palast hinausführte.
Doch Hera erbarmte sich ihrer Schützlinge. Sie sandte ihre Botin Iris auf dem
bunten Regenbogenpfade zur Meeresgöttin Thetis hinab, ließ diese zu sich rufen
und empfahl das Heldenschiff ihrem Schirm. Sogleich mit Iasons und Medeas Ankunft
an Bord fingen nun sanfte Zephire zu wehen an; froheren Mutes lichteten die
Helden die Anker und spannten die hohlen Segel aus. Mit leichtem Winde wogte
das Schiff weiter, und bald stellte sich ihnen eine schöne blühende Insel dar,
die der Sitz der trügerischen Sirenen war, welche die Vorüberschiffenden durch
ihre Gesänge anzulocken und zu verderben pflegten. Halb Vögel, halb Jungfrauen,
saßen sie immer auf ihrer Warte, und kein Fremder, der vorüberfuhr, entging
ihnen. Auch jetzt sangen sie den Argonauten die schönsten Lieder zu, und schon
waren diese im Begriffe, die Taue nach dem Ufer zu werfen und anzulegen, als
der thrakische Sänger Orpheus sich von seinem Sitze erhob und seine göttliche
Leier so mächtig zu schlagen begann, daß sie die Stimmen der Jungfrauen übertönte;
zugleich blies ein tönender gottgesandter Zephir in den Rücken des Schiffes,
so daß der Sirenengesang ganz in den Lüften verhallte. Nur einer der Genossen,
Butes, der Sohn des Teleon, hatte der hellen Stimme der Sirenen nicht zu widerstehen
vermocht, sprang von der Ruderbank ins Meer und schwamm dem verführerischen
Hall entgegen. Er wäre verloren gewesen, wenn ihn nicht die Beherrscherin des
Berges Eryx in Sizilien, Aphrodite, erblickt hätte. Sie riß ihn mitten aus den
Wirbeln heraus und warf ihn auf ein Vorgebirge dieser Insel, wo er hinfort wohnen
blieb. Die Argonauten betrauerten ihn für tot und schifften neuen Gefahren entgegen;
denn sie kamen in eine Meerenge, wo auf der einen Seite der steile Fels der
Skylla in die Fluten hinausragte und das Schiff zu zerbrechen, auf der andern
Seite der Strudel der Charybdis die Wasser in die Tiefe riß und das Schiff zu
verschlingen drohte. Dazwischen irrten unter der Flut vom Grunde losgerissene
Felsen, wo sonst die glühende Werkstätte des Hephaistos ist; jetzt aber rauchte
sie nur und erfüllte den Äther mit Finsternis. Hier begegneten ihnen von allen
Seiten die Meernymphen, des Nereus Töchter; im Rücken des Schiffes faßte die
Fürstin derselben, Thetis selbst, das Steuerruder. Alle miteinander umgaukelten
das Schiff, und wenn es sich den schwimmenden Felsen nähern wollte, so stieß
es eine Nymphe der andern zu, wie Jungfrauen, die Ball spielen. Bald stieg es
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