Gustav Schwab - Die Argonautensage

admin am Mrz 29th 2008

nach seinem Erbauer Argos, dem Sohne des Arestor, Argo genannt. Es war das erste
lange Schiff, auf welchem sich Griechen in die offene See wagten. Die Göttin
Athene hatte dazu das weissagende Brett von einer redenden Eiche des Orakels
zu Dodona gestiftet, das eine Stelle in dem Tafelwerke fand. Das Schiff war
auswendig mit vielen geschnitzten Arbeiten geziert und gleichwohl so leicht,
daß es die Helden zwölf Tagesreisen weit auf der Achsel tragen konnten. Als
das Fahrzeug fertig und die Helden versammelt waren, wurden die Plätze der Argoschiffer
(Argonauten) verlost. Iason war Befehlshaber des ganzen Zuges; Tiphys war der
Steuermann; Lynkeus, der Scharfblickende, machte den Lotsen des Schiffs. Im
Vorderteile des Schiffs saß der herrliche Held Herakles, im Hinterteil Peleus,
der Vater des Achilles, und Telamon, der Vater des Ajax. Im innern Raume befanden
sich unter andern Kastor und Pollux, die Zeussöhne, Neleus, der Vater Nestors,
Admetos, der Gemahl der frommen Alkestis, Meleager, der Besieger des kalydonischen
Ebers, Orpheus, der wundervolle Sänger, Menötios, der Vater des Patroklos, Theseus,
nachher König von Athen, und sein Freund Peirithoos, Hylas, der junge Gefährte
des Herakles, Poseidons Sohn Euphemos und Oïleus, der Vater des kleineren Ajax.
Iason hatte seinen Schild dem Poseidon gewidmet, und vor der Abfahrt wurde ihm
und allen Meeresgöttern ein feierliches Opfer mit Gebeten dargebracht.

Als alle im Schiffe Platz genommen, wurden die Anker gelichtet; die fünfzig
Ruderer begannen ihren regelmäßigen Taktschlag; ein günstiger Wind schwellte
die Segel, und bald hatte das Schiff den Hafen von Iolkos hinter sich. Orpheus
mit lieblichen Harfentönen und begeisterndem Gesang belebte den Mut der Argoschiffer;
lustig fuhren sie an Vorgebirgen und Inseln vorbei; erst am zweiten Tage erhob
sich ein Sturm und trieb sie in den Hafen der Insel Lemnos.
Die Argonauten zu Lemnos

Auf dieser Insel hatten das Jahr zuvor die Weiber alle ihre Männer, ja das
ganze männliche Geschlecht, vom Zorn Aphroditens verfolgt und von Eifersucht
getrieben, weil jene sich Nebenweiber aus Thrakien geholt hatten, ausgerottet.
Nur Hypsipyle hatte ihren Vater, den König Thoas, verschont und in einer Kiste
dem Meere zur Rettung übergeben. Seitdem fürchteten sie unaufhörlich einen Angriff
von seiten der Thrakier, der Verwandten ihrer Nebenbuhlerinnen, und blickten
oft mit ängstlichen Augen nach der hohen See hinaus. Auch jetzt, wo sie das
Schiff Argo heranrudern sahen, stürzten sie alle miteinander aufgeschreckt aus
den Toren und strömten, mit Waffen angetan, wie Amazonen ans Ufer. Die Helden
verwunderten sich höchlich, als sie das ganze Gestade voll von bewaffneten Weibern
und keinen Mann erblickten. Sie fertigten in einem Nachen einen Herold mit dem
Friedensstabe an die seltsame Versammlung ab, der von den Frauen vor die unvermählte
Königin Hypsipyle gebracht wurde und in bescheidenen Worten die Bitte der Argoschiffer
um gastliche Rast vorbrachte. Die Königin versammelte ihr Frauenvolk auf dem
Marktplatze der Stadt; sie selbst setzte sich auf den steinernen Thron ihres
Vaters; ihr zunächst lagerte sich, auf einen Stab gestützt, die greise Amme;
dieser zur Rechten und zur Linken saßen je zwei blondhaarige, zarte Jungfrauen.
Nachdem sie der Versammlung das friedliche Ansinnen der Argonauten vorgelegt,
sprach sie aufgerichtet: »Liebe Schwestern, wir haben eine große Freveltat begangen
und in der Torheit uns männerlos gemacht; wir sollten gute Freunde, wenn sie
sich uns darbieten, nicht zurückstoßen. Aber wir müssen auch dafür sorgen, daß
sie nichts von unserer Untat erfahren. Darum ist mein Rat, den Fremden Speise,
Wein und alle Notdurft in ihr Schiff tragen zu lassen und durch solche Bereitwilligkeit
sie ferne von unsern Mauer zu halten.«

Die Königin hatte sich wieder niedergesetzt und dagegen die alte Amme sich
erhoben. Mit Mühe richtete sie ihren Kopf aus den Schultern auf und sprach:
»Sendet immerhin den Fremdlingen Geschenke: dies ist wohlgetan. Denket aber
auch daran, was euch bevorsteht, wenn die Thrakier kommen. Und wenn ein gnädiger
Gott diese fernehält, seid ihr darum vor allem Übel sicher? Zwar die alten Weiber,
wie ich, können ruhig sein; wir werden sterben, ehe die Not dringend wird, ehe
alle unsere Vorräte zu Ende sind. Ihr Jüngeren aber, wie wollet ihr alsdann
leben? Werden sich die Ochsen für euch von selbst ins Joch spannen und den Pflug
durchs Ackerfeld ziehen? Werden sie an eurer Statt, wenn das Jahr herum ist,
die reifen Ähren abschneiden? Denn ihr selbst werdet diese und andere harte
Arbeiten nicht verrichten wollen. Ich rate euch, weiset den erwünschen Schutz
nicht ab, der sich euch darbietet; vertrauet Gut und Habe den edelgeborenen
Fremdlingen an und laßt sie eure schöne Stadt verwalten!« Dieser Rat gefiel
allen Weibern von Lemnos wohl. Die Königin schickte eine der beisitzenden Jungfrauen
mit dem Herold auf das Schiff, um den Argonauten den günstigen Beschluß der
Frauenversammlung kundzutun. Die Helden waren über die Nachricht hocherfreut,
sie glaubten nicht anders, als Hypsipyle sei ihrem Vater nach dessen Tode in
friedlicher Übernahme der Herrschaft gefolgt. Iason warf den purpurnen Mantel,
ein Geschenk der Athene, über seine Schultern und wandelte der Stadt zu, einem
schimmernden Sterne ähnlich. Als er in die Tore einzog, strömten ihm die Frauen
mit lautem Gruße nach und erfreuten sich des Gastes. Er aber heftete mit sittsamer

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