Gustav Schwab - Die Argonautensage
admin am Mrz 29th 2008
aber war keiner kundig. Nun belehrte sie Argos, der Sohn des Phrixos, der es
aus Priesterschriften wußte, daß sie nach dem Isterflusse steuern sollten, dessen
Quellen fern in den Rhipäischen Bergen murmeln und der das Füllhorn seiner Wasser
zur Hälfte ins Ionische, zur andern Hälfte ins Sizilische Meer ergießt. Als
Argos dies geraten, erschien die breite Himmelsfurche eines Regenbogens in der
Richtung, in welcher sie fahren sollten, und der günstige Wind ließ nicht ab
zu wehen und das Himmelszeichen hörte nicht auf zu leuchten, bis sie glücklich
an die ionische Mündung des Flusses Ister gelangt waren.
Die Kolcher ließen aber mit ihrer Verfolgung nicht nach und kamen, schneller
segelnd, mit ihren leichten Schiffen noch vor den Helden an der Mündung des
Isters an. Hier legten sie sich, an verschiedenen Buchten und Inseln des Ausflusses
verteilt, in den Hinterhalt und verstellten den Helden, als diese sich in der
Mündung des Stromes vor Anker gelegt, den Ausweg. Die Argonauten, die Menge
der Kolcher fürchtend, landeten und warfen sich auf eine Insel des Flusses;
die Kolcher folgten, und ein Treffen bereitete sich vor. Da traten die bedrängten
Griechen in Unterhandlung, und von beiden Teilen wurde verabredet, daß jedenfalls
die Griechen das Goldne Vlies, das der König dem Helden Iason für seine Arbeit
versprochen hatte, davontragen sollten; die Königstochter Medea aber sollten
sie auf einer zweiten Insel, im Tempel der Artemis, aussetzen, bis ein gerechter
Nachbarkönig als Schiedsrichter entschieden hätte, ob sie zu ihrem Vater zurückkehren
oder ob sie den Helden nach Griechenland folgen sollte. Bittere Sorgen bemächtigten
sich der Jungfrau, als sie solches hörte; sie führte sogleich ihren Geliebten
seitwärts an einen Ort, wo keiner seiner Genossen sie hören konnte; dann sprach
sie unter Tränen: »Iason, was habt ihr über mich beschlossen? Hat das Glück
alles bei dir in Vergessenheit gesenkt, was du mir mit heiligem Eide in der
Not versprochen? In dieser Hoffnung habe ich Leichtsinnige, Ehrvergessene Vaterland,
Haus und Eltern verlassen, was mein Höchstes war. Für deine Rettung treibe ich
auf dem Meere mit dir um; meine Vermessenheit hat dir das Goldne Vlies verschafft;
für dich habe ich Schmach auf den Frauennamen geladen, deswegen folge ich dir
als dein Mädchen, als dein Weib, als deine Schwester ins griechische Land. Und
darum beschirme mich auch, laß mich nicht allein hier, überlaß mich nicht den
Königen zum Urteil. Wenn mich jener Richter meinem Vater zuspricht, so bin ich
verloren; wie wäre dir dann deine Rückkehr angenehm? Wie könnte des Zeus Gemahlin,
Hera, dieses billigen, sie, deren du dich rühmest? Ja, wenn du mich verlässest,
so wirst du einst, in Elend versunken, mein gedenken. Wie ein Traum soll dir
das Goldne Vlies in den Hades entschwinden! Aus dem Vaterlande sollen dich meine
Rachegeister treiben, wie ich durch deine Verkehrtheit aus meinem Vaterlande
getrieben worden bin!« So sprach sie in wilder Leidenschaft und gedachte Feuer
in das Schiff zu legen, alles zu verbrennen und sich selbst hineinzustürzen.
Bei ihrem Anblicke ward Iason scheu, das Gewissen schlug ihm, und er sprach
mit begütigenden Worten: »Fasse dich, Gute! Mir selbst ist jener Vertrag nicht
Ernst! Suchen wir ja nur einen Aufschub der Schlacht, weil eine ganze Wolke
von Feinden uns umringt, um deinetwillen. Denn alles, was hier wohnt, ist den
Kolchern befreundet und will deinem Bruder Absyrtos helfen, daß er dich als
Gefangene dem Vater zurückbringe. Wir alle aber, wenn wir jetzt den Kampf beginnen,
werden elendiglich umkommen, und deine Lage wird noch hoffnungsloser, wenn wir
gestorben sind und dich den Feinden als Beute zurücklassen. Vielmehr soll jener
Vertrag nur ein Hinterhalt sein, der den Absyrtos ins Verderben stürzt; denn
wenn ihr Führer tot ist, so werden den Kolchern die Nachbarn keine Hilfe mehr
leisten wollen.« So sprach er schmeichelnd, und Medea gab ihm den gräßlichen
Rat: »Höre mich. Ich habe einmal gesündigt und, vom Verhängnis verblendet, Übles
getan. Rückwärts kann ich nicht mehr, so muß ich vorwärtsschreiten im Frevel.
Wehre du im Treffen die Lanzen der Kolcher ab; ich will den Bruder betören,
daß er sich in deine Hände gibt. Du empfange ihn mit einem glänzenden Mahle;
kann ich dann die Herolde überreden, daß sie ihn zum Zwiegespräch allein mit
mir lassen: alsdann - ich kann nicht widerstehen - magst du ihn töten und die
Schlacht den Kolchern liefern.« Auf diese Weise legten die beiden dem Absyrtos
einen schweren Hinterhalt. Sie sandten ihm viele Gastgeschenke, darunter ein
herrliches Purpurkleid, das die Königin von Lemnos dem Iason gegeben hatte,
welches einst die Huldgöttinnen selbst dem Gotte Dionysos gefertiget und das
mit himmlischem Dufte getränkt war, seit der nektartrunkene Gott darauf geschlummert
hatte. Den Herolden redete die schlaue Jungfrau zu, Absyrtos sollte im Dunkel
der Nacht auf die andere Insel zum Artemistempel kommen; dort wollten sie eine
List ausdenken, wie er das Goldne Vlies wiederbekäme und es dem Könige, ihrem
Vater, zurückbringen könnte; denn sie selbst, so heuchelte sie, sei von den
Söhnen des Phrixos mit Gewalt den Fremdlingen überliefert worden. Nachdem sie
so die Friedensboten betört hatte, spritzte sie von ihren Zauberölen in den
Wind, so viel, daß ihr Duft auch das wildeste Tier vom höchsten Berge herabzulocken
kräftig gewesen wäre. Es geschah, wie sie gewünscht hatte. Absyrtos, durch die
feierlichsten Versprechungen betrogen, schiffte in dunkler Nacht nach der heiligen
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