Gustav Schwab - Die Argonautensage
admin am Mrz 29th 2008
seien meine Zeugen, daß ich, nach Griechenland zurückgekehrt, dich als rechtmäßige
Gattin in mein Haus einführen will!« So schwor er und legte seine Hand in die
ihrige. Dann hieß Medea die Helden noch in derselben Nacht nach dem heiligen
Haine rudern, um dort das Goldne Vlies zu entführen. Eifrig trieben die Griechen
das Schiff vorwärts, das Iason und die Jungfrau bald und noch vor dämmerndem
Tag verließen, um über den Pfad einer Wiese dem Haine zuzugehen. Dort suchten
sie den hohen Eichbaum, an welchem das Goldne Vlies hing, strahlend durch die
Nacht, einer Morgenwolke ähnlich, die von der aufgehenden Sonne beschienen wird.
Gegenüber aber reckte der schlaflose Drache, aus scharfen Augen in die Ferne
blickend, seinen langen Hals den Herannahenden entgegen und zischte fürchterlich,
daß die Ufer des Flusses und der ganze große Hain widerhallte. Wie über einen
angezündeten Wald die Flammen sich hinwälzen, so rollte das Untier mit leuchtenden
Schuppen in unzähligen Krümmungen daher. Die Jungfrau aber ging ihm keck entgegen,
sie rief mit süßer Stimme den Schlaf, den mächtigsten der Götter, an, das Ungeheuer
einzulullen; sie rief zur mächtigen Königin der Unterwelt, ihr Vorhaben zu segnen.
Nicht ohne Furcht folgte ihr Iason. Aber schon durch den Zaubergesang der Jungfrau
eingeschläfert, senkte der Drache die Wölbung des Rückens, und sein geringelter
Leib dehnte sich der Länge nach aus; nur mit dem gräßlichen Kopfe stand er noch
aufrecht und drohte die beiden mit seinem aufgesperrten Rachen zu fassen. Da
sprengte Medea ihm mit einem Wacholderstengel unter Beschwörungsformeln einen
Zaubertrank in die Augen, dessen Duft ihn mit Schlummer übergoß; jetzt schloß
sich sein Rachen, und schlafend dehnte sich der Drache mit seinem ganzen Leibe
durch den langen Wald hin.
Auf ihre Ermahnung zog nun Iason das Vlies von der Eiche, während das Mädchen
fortwährend den Kopf des Drachen mit dem Zauberöl besprengte. Dann verließen
beide eilig den beschatteten Areshain, und Iason hielt von ferne schon freudig
das große Widdervlies entgegen, von dessen Widerschein seine Stirn und sein
blondes Haar in goldenem Schimmer glänzten; auch beleuchtete sein Schein ihm
weithin den nächtlichen Pfad. So ging er, es auf der linken Schulter tragend;
die goldne Last hing ihm vom Hals bis auf die Füße herunter; dann rollte er
es wieder auf, denn immer fürchtete er, ein Mensch oder Gott möchte ihm begegnen
und ihn des Schatzes berauben. Mit der Morgenröte traten sie ins Schiff, die
Genossen umringten den Führer und staunten das Vlies an, das funkelte wie des
Zeus Blitz; jeder wollte es mit den Händen betasten; aber Iason litt es nicht,
sondern warf einen neugefertigten Mantel darüber. Die Jungfrau setzte er auf
das Hinterverdeck des Schiffes und sprach dann so zu seinen Freunden: »Jetzt,
ihr Lieben, laßt uns eilig ins Vaterland zurückkehren. Durch dieser Jungfrau
Rat ist vollbracht, weswegen wir unsere Fahrt unternommen haben; zum Lohne führe
ich sie als meine rechtmäßige Gemahlin nach Hause; ihr aber helft mir sie als
die Helferin ganz Griechenlands beschirmen. Denn ich zweifle nicht: bald wird
Aietes dasein und mit allem seinem Volke unsere Ausfahrt aus dem Flusse hindern
wollen! Deswegen soll von euch abwechslungsweise die eine Hälfte rudern, die
andere, unsere mächtigen Schilde aus Rindshaut den Feinden entgegenhaltend,
die Rückfahrt schirmen. Denn in unserer Hand steht jetzt die Heimkehr zu den
Unsrigen und die Ehre oder Schande Griechenlands!« Mit diesen Worten hieb er
die Taue ab, mit denen das Schiff angebunden war, warf sich in volle Rüstung
und stellte sich so neben das Mägdlein, dem Steuermann Ankaios zur Seite. Das
Schiff eilte unter den Rudern der Mündung des Flusses entgegen.
Die Argonauten, verfolgt, entkommen mit Medea
Inzwischen hatten Aietes und alle Kolcher Medeas Liebe, Taten und Flucht erfahren.
Sie traten bewaffnet auf dem Markte zusammen, und bald sah man sie mit lautem
Schalle das Ufer des Flusses hinabziehen: Aietes fuhr auf einem festgezimmerten
Wagen, mit den Pferden, die ihm der Sonnengott verliehen; in der Linken trug
er einen runden Schild, in der Rechten eine lange Pechfackel; an seiner Seite
lehnte die gewaltige Lanze. Die Zügel der Rosse handhabte sein Sohn Absyrtos.
Als sie aber an der Mündung des Flusses angekommen waren, da fuhr das Schiff,
von den unermüdlichen Ruderern getrieben, schon weit auf der hohen See. Fackel
und Schild entsank dem König; er hub die Hände gen Himmel, rief Zeus und den
Sonnengott zu Zeugen der Übeltaten und erklärte grimmig seinen Untertanen: wenn
sie ihm die Tochter nicht, zu Wasser oder zu Land ergriffen, herbeiführen würden,
so daß er, seines Herzens Gelüste folgend, Rache üben könnte, so sollten sie
es alle mit ihren Häuptern büßen. Die erschrockenen Kolcher zogen noch an demselben
Tage ihre Schiffe in die See, spannten die Segel aus und fuhren hinaus ins Meer;
ihre Flotte, welche des Königes Sohn Absyrtos befehligte, glich einer unabsehbaren
Vogelschar, welche die Luft verdunkelnd über die See dahinschwirrt.
In die Segel der Argonauten blies der günstigste Wind; schon mit der dritten
Morgenröte banden sie das Schiff beim Flusse Halys am Ufer der Paphlagonen an.
Hier brachten sie auf Medeas Geheiß der Göttin Hekate, die sie gerettet hatte,
ein Opfer. Da fiel ihrem Führer und auch andern Helden bei, daß der alte Wahrsager
Phineus ihnen zur Rückfahrt auf einem neuen Wege geraten hatte; der Gegenden
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