Gustav Schwab - Die Argonautensage

admin am Mrz 29th 2008

Da gedachte Iason an das Wort der schlauen Medea; er faßte einen großen runden
Stein auf dem Felde, vier kräftige Männer hätten ihn nicht vom Boden heben können;
er aber ergriff ihn leicht mit der Hand und warf ihn springend weithin mitten
unter die bodenentsprossenen Krieger. Er selbst barg sich, ins Knie geworfen,
kühn und vorsichtig unter seinem Schilde. Die Kolcher schrien laut auf, wie
das Meer braust, wenn es sich an spitzen Klippen bricht; Aietes selbst starrte
voll Verwunderung dem Wurfe des ungeheuren Steines nach. Die Erdgeborenen aber
fielen wie schnelle Hunde einander an und brachten sich gegenseitig mit dumpfem
Knirschen um; speergetroffen sanken sie auf ihre Mutter Erde nieder, wie Tannenbäume
oder Eichen, welche Windwirbel umgerissen haben. Als sie mitten im Gefechte
begriffen waren, stürzte Iason unter sie wie ein fallender Stern, der als Wunderzeichen
mitten durch die dunkle Nachtluft schießt. Jetzt zog er sein Schwert aus der
Scheide, teilte hier und dort Wunden aus, hieb manche, die schon standen, nieder,
mähte andere, die erst bis zu den Schultern hervorgewachsen waren, wie Gras
ab; andern spaltete er das Haupt, als sie schon zum Kampfe rannten. Die Furchen
strömten von Blute, wie ein Abzugsbach; die Verwundeten und Toten stürzten nach
allen Seiten hin, und viele sanken mit blutigen Köpfen wieder so tief in den
Boden, als sie hervorgetaucht waren.

An der Seele des Königes Aietes nagte zehrender Ärger; ohne ein Wort zu sprechen,
drehte er sich um und kehrte zur Stadt zurück, nur darauf sinnend, auf welche
Weise er wirksamer gegen Iason verfahren könnte. Unter diesen Begebenheiten
war der Tag zu Ende gegangen, und der Held ruhte unter den Glückwünschen seiner
Freunde von der Arbeit.
Medea raubt das goldene Vlies

Die ganze Nacht hindurch hielt der König Aietes die Häupter seines Volkes um
sich im Palaste versammelt und ratschlagte, wie die Argonauten zu überlisten
wären, denn er war es wohl innegeworden, daß alles, was sich den Tag zuvor ereignet
hatte, nicht ohne Mitwirkung seiner Töchter geschehen war. Hera, die Göttin,
sah die Gefahr, in welcher Iason schwebte; deswegen erfüllte sie das Herz Medeas
mit zagender Furcht, daß sie zitterte wie ein Reh im tiefen Walde, das der Jagdhunde
Gebell aufgeschreckt hat. Sogleich ahnte sie, daß ihre Hilfe dem Vater nicht
verborgen sei; sie fürchtete auch die Mitwissenschaft der Mägde; darum brannten
ihre Augen von Tränen, und die Ohren sausten ihr. Ihr Haar ließ sie wie in Trauer
hängen, und wäre das Schicksal nicht zuwider gewesen, so hätte die Jungfrau
durch Gift ihrem Jammer zur Stunde ein Ende gemacht. Schon hatte sie die gefüllte
Schale in der Hand, als Hera ihr den Mut aufs neue beflügelte und sie mit verwandelten
Gedanken das Gift wieder in seinen Behälter goß. Jetzt raffte sie sich zusammen;
sie war entschlossen zu fliehen, bedeckte ihr Lager und die Türpfosten mit Abschiedsküssen,
berührte mit den Händen noch einmal die Wände ihres Zimmers, schnitt sich eine
Haarlocke ab und legte sie zum Andenken für ihre Mutter aufs Bett. »Lebe wohl,
geliebte Mutter«, sprach sie weinend »lebe wohl, Schwester Chalkiope und das
ganze Haus! O Fremdling! hätte dich das Meer verschlungen, ehe du nach Kolchis
gekommen wärest!« Und so verließ sie ihre süße Heimat, wie eine Gefangene fliehend
den bittern Kerker der Sklaverei verläßt. Die Pforten des Palastes taten sich
vor ihren Zaubersprüchen auf; durch enge Seitenwege rannte sie mit bloßen Füßen,
mit der Linken den Schleier bis über die Wangen herunterziehend, mit der Rechten
den Saum ihres Gewandes vor der Befleckung des Weges schützend. Bald war sie,
unerkannt von den Wächtern, draußen vor der Stadt und schlug einen Fußpfad nach
dem Tempel ein; denn als Zauberweib und als Giftmischerin war sie vom Wurzelsuchen
her aller Wege des Feldes wohl kundig. Selene, die Mondgöttin, welche sie so
wandeln sah, sprach zu sich selbst, lächelnd herniederscheinend: ›So quält doch
auch andre die Liebe, wie mich die zum schönen Endymion! Oft hast du mich mit
deinen Hexensprüchen vom Himmel hinweggezaubert; jetzt leidest du selbst um
einen Iason bittere Qualen. Nun, so geh nur, aber so schlau du bist, hoffe nicht,
dem herbsten Schmerz zu entfliehen!‹ So sprach Selene mit sich selber, jene
aber trugen ihre Füße eilig davon; endlich bogen ihre Schritte gegen das Meeresufer
ein, wo das Freudenfeuer, das die Helden dem Siege Iasons zu Ehren die ganze
Nacht hindurch auflodern ließen, ihr zum Leitsterne diente. Dem Schiffe gegenüber
angekommen, rief sie laut ihren jüngsten Schwestersohn, Phrontis; dieser, der
mit Iason ihre Stimme erkannte, erwiderte dreimal den dreifachen Ruf. Die Helden,
die dies alle hörten, staunten anfangs, dann ruderten sie ihr entgegen. Ehe
das Schiff ans jenseitige Ufer gebunden war, sprang Iason vom Verdeck ans Land,
Phrontis und Argos ihm nach. »Rettet mich«, rief das Mädchen, indem sie ihre
Knie umfaßte, »entreißt mich und euch meinem Vater! Alles ist verraten und keine
Hilfe mehr; laßt uns zu Schiffe fliehen, eh er die schnellen Rosse besteigt;
das Goldne Vlies will ich euch verschaffen, indem ich den Drachen einschläfere.
Du aber, o Fremdling, schwöre mir zu den Göttern vor deinen Genossen, daß du
mich Verwaiste in der Fremde nicht beschimpfen willst!« So sprach sie traurig
und erfreute Iasons Herz. Er hub die ins Knie Gesunkene sanft vom Boden auf,
umfaßte sie und sprach: »Geliebte, Zeus und Hera, die Beschirmerin der Ehe,

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