Gustav Schwab - Die Argonautensage
admin am Mrz 29th 2008
wird kein Eisen in Menschenhand, keine Flamme der Wunderstiere dir schaden oder
widerstehen können. Doch wirst du so nicht lange sein, sondern nur an jenem
einen Tage; dennoch entziehe dich auf keine Weise dem Streit. Ich will dir auch
noch ein anderes Hilfsmittel an die Hand geben. Wenn du nämlich die gewaltigen
Stiere eingespannt und das Blachfeld durchpflügt hast und schon die von dir
ausgesäete Drachensaat aufgegangen ist, so wirf unter sie einen mächtigen Stein:
um diesen werden jene rasenden Gesellen kämpfen wie Hunde um ein Stück Brot;
indessen kannst du auf sie einstürzen und sie niedermachen. Dann magst du das
Goldene Vlies unangefochten aus Kolchis mit dir nehmen: dann magst du gehen;
ja gehe nur, wohin dir zu gehen beliebt!« So sprach sie, und heimliche Tränen
rollten ihr über die Wange hinab; denn sie dachte daran, daß der edle Held weit
fort über die Meere ziehen werde. Traurig redete sie ihn an, indem sie ihn bei
der Rechten faßte, denn der Schmerz ließ sie vergessen, was sie tat: »Wenn du
nach Hause kommst, so vergiß nicht den Namen Medeas; auch ich will deiner, des
Fernen, gedenken. Sage mir auch, wo dein Vaterland ist, nach welchem du auf
diesem schönen Schiffe zurückkehren wirst.« Mit diesen Reden der Jungfrau bemächtigte
sich auch des Helden eine unwiderstehliche Neigung, und er brach in die Worte
aus: »Glaube mir, hohe Fürstin, daß ich, wenn ich dem Tode entrinne, keine Stunde
bei Tag und bei Nacht dein vergessen werde. Meine Heimat ist Iolkos in Hämonien,
da, wo der gute Deukalion, der Sohn des Prometheus, viele Städte gegründet und
Tempel gebaut hat. Dort kennt man euer Land auch nicht mit Namen.« »So wohnest
du in Griechenland, Fremdling«, erwiderte die Jungfrau; »dort sind die Menschen
wohl gastlicher als hier bei uns; darum erzähle nicht, welche Aufnahme dir hier
geworden, sondern gedenke nur in der Stille mein. Ich werde dein gedenken, wenn
alles dich hier vergäße. Wärest du aber imstande, mein zu vergessen, o daß dann
der Wind einen Vogel aus Iolkos herbeiführte, durch welchen ich dich daran erinnern
könnte, daß du durch meine Hilfe von hier entronnen bist! Ja, wäre ich dann
vielmehr selbst in deinem Hause und könnte dich mahnen!« So sprach sie und weinte.
»O du Gute«, antwortete Iason, »laß die Winde flattern und den Vogel dazu; denn
du sprichst Überflüssiges! Aber wenn du selbst nach Griechenland und in meine
Heimat kämest, o wie würdest du von Frauen und Männern verehrt, ja wie eine
Gottheit angebetet werden, weil ihre Söhne, ihre Brüder, ihre Gatten durch deinen
Rat dem Tode entronnen und fröhlich der Heimat zurückgegeben sind; und mir,
mir würdest du dann ganz gehören, und nichts sollte unsere Liebe trennen als
der Tod.« So sprach er, ihr aber zerfloß die Seele, als sie solches hörte. Zugleich
stand vor ihrem Geist alles Schreckliche, womit die Trennung vom Vaterlande
drohte; und dennoch zog es sie mit wunderbarer Gewalt nach Griechenland, denn
Hera hatte es ihr ins Herz gegeben. Diese wollte, daß die Kolcherin Medea ihr
Vaterland verlassen und zu des Pelias Verderben nach Iolkos kommen sollte.
Inzwischen harrten in der Ferne die Dienerinnen still und traurig; denn die
Zeit war längst da, wo die Fürstin nach Hause zurückkehren sollte. Sie selbst
hätte die Heimkehr ganz vergessen, denn ihre Seele erfreute sich der trauten
Rede, wenn nicht der vorsichtigere Iason, wiewohl auch dieser spät, so gesprochen
hätte: »Es ist Zeit zu scheiden, daß nicht das Sonnenlicht früher scheide als
wir und die andern alles innewerden. Laß uns an diesem Orte wieder zusammenkommen.«
Iason erfüllt des Aietes Begehr
So schieden sie. Iason kehrte fröhlich zu seinen Genossen und dem Schiffe zurück.
Die Jungfrau begab sich zu ihren Dienerinnen. Diese eilten ihr alle entgegen;
sie aber sah es nicht; denn ihre Seele schwebte hoch in den Wolken. Mit leichten
Füßen bestieg sie den Wagen, trieb die Maultiere an, die von selbst nach Hause
rannten, und kam zum Palaste zurück. Hier hatte Chalkiope voll banger Sorge
um ihre Söhne längst auf sie gewartet. Sie saß auf einem Schemel, das gebeugte
Haupt mit der linken Hand gestützt; ihre Augen waren feucht unter den Augenlidern;
denn sie dachte daran, in welches Übels Genossenschaft sie verstrickt wäre.
Iason erzählte unterdessen seinen Genossen, wie ihm die Jungfrau das herrliche
Zaubermittel gereicht habe; zugleich hielt er ihnen die Salbe entgegen. Alle
freuten sich; nur Idas, der Held, saß seitwärts und knirschte mit den Zähnen
vor Zorn. Am andern Morgen sandten sie zwei Männer ab, den Drachensamen von
Aietes zu erbitten, der sich nicht lange weigerte. Er gab ihnen von desselben
Drachen Zähnen, den Kadmos bei Theben umgebracht hatte. Er tat es ganz getrost;
denn er hielt es gar nicht für möglich, daß Iason die Kampfprobe bestehen könnte,
wenn es ihm gleich gelingen würde, die Stiere unter das Joch zu spannen. In
der Nacht, die auf diesen Tag folgte, badete sich Iason und opferte der Hekate,
ganz wie Medea ihn geheißen. Die Göttin selbst vernahm sein Gebet und kam aus
ihren tiefen Höhlen hervor, die entsetzliche, umwunden von gräßlichen Nattern
und flammenden Eichenzweigen. Hunde der Unterwelt schwärmten bellend um sie
her. Der Anger zitterte unter ihrem Tritt, und die Nymphen des Flusses Phasis
heulten. Selbst den Iason ergriff Entsetzen, als er heimkehrte, aber dem Gebote
der Geliebten getreu, schaute er sich nicht um, bis er wieder bei seinen Genossen
war: und schon schimmerte die Morgenröte über dem Schneegipfel des Kaukasus.
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