Gustav Schwab – Die Argonautensage
admin am Okt 13th 2011
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Feuer versehrt werden, ja er war den ganzen Tag an Kräften jedem Gegner überlegen.
Die Salbe war von dem schwarzen Saft einer Wurzel bereitet, die aus dem Blute
emporgekeimt war, das von der zerfressenen Leber des Titanensohnes auf die Heiden
des Kaukasus geträufelt war. Medea selbst hatte in einer Muschel den Saft dieser
Pflanze als kostbares Heilmittel aufgefangen.
Der Wagen war gerüstet; zwei Mägde bestiegen ihn mit der Herrin, sie selbst
ergriff Zügel und Peitsche und fuhr, von den übrigen Dienerinnen zu Fuße begleitet,
durch die Stadt. Überall wich der Königstochter das Volk ehrerbietig aus dem
Wege. Als sie durchs freie Feld am Tempel angekommen war, flog sie mit gewandtem
Sprunge vom Wagen und sprach zu ihren Mägden mit listigen, verstellten Worten:
»Freundinnen, ich habe wohl schwer gesündigt, daß ich nicht ferne von den Fremdlingen
geblieben bin, die in unserm Lande angekommen sind! Nun verlangt gar meine Schwester
und ihr Sohn Argos, ich soll Geschenke von ihrem Führer annehmen, der die Stiere
zu bändigen versprochen hat, und ihn mit Zaubermitteln unverwundlich machen!
Ich aber habe zum Scheine zugesagt und ihn hierher in den Tempel bestellt, wo
ich ihn allein sprechen soll. Da will ich die Geschenke nehmen, und wir wollen
sie nachher untereinander verteilen. Ihm selbst aber werde ich eine verderbliche
Arznei reichen, damit er um so gewisser zugrunde geht! Entfernet euch indessen,
sobald er kommt, damit er keinen Verdacht schöpfe und ich ihn allein empfangen
kann, wie ich verheißen habe.« Den Mägden gefiel der schlaue Plan. Während diese
im Tempel verweilten, machte sich Argos mit seinem Freunde Iason und dem Vogelschauer
Mopsos auf. So schön war kein Sterblicher, ja keiner der Göttersöhne zuvor je
gewesen, wie heute des Zeus Gemahlin ihren Schützling Iason mit allen Gaben
der Huldgöttinnen ausgerüstet hatte. Seine beiden Genossen selbst, sooft sie
ihn unterwegs betrachteten, mußten über seine Herrlichkeit staunen. Medea war
unterdessen mit ihren Mägden im Tempel, und obwohl sie sich die Zeit mit Singen
verkürzten, so war doch der Fürstin Geist in ganz andern Gedanken; und kein
Lied wollte ihr lange gefallen. Ihre Augen weilten nicht im Kreise ihrer Dienerinnen,
sondern schweiften durch die Tempelpforte verlangend über die Straße hinaus.
Bei jedem Fußtritt oder Windhauch richtete sich ihr Haupt begierig in die Höhe.
Nicht lange, so trat Iason mit seinen Begleitern in den Tempel, hoch einherschreitend
und schön, wie Sirius dem Ozean entsteigt. Da war’s der Jungfrau, als fiele
ihr das Herz aus der Brust. Nacht war vor ihren Augen, und mit heißem Rot bedeckte
sich ihre Wange. Inzwischen hatten sie die Dienerinnen alle verlassen. Lange
standen der Held und die Königstochter einander stillschweigend gegenüber, schlanken
Eichen oder Tannen ähnlich, die auf den Bergen tiefgewurzelt in Windstille regungslos
beieinanderstehen; plötzlich aber kommt ein Sturm, und alle Blätter zittern
in rauschender Bewegung; so sollten, vom Hauch der Liebe angeweht, sie bald
vielbewegte Worte tauschen. »Warum schauest du mich«, so brach Iason zuerst
das Schweigen, »nun, da ich allein bei dir bin? Ich bin nicht wie andere prahlerische
Männer und war auch zu Hause nie so. Fürchte dich nicht, zu fragen und zu sagen,
was dir beliebt; aber vergiß nicht, daß wir an einem heiligen Orte sind, wo
Betrügen ein Frevel wäre: darum täusche mich nicht mit süßen Worten; ich komme
als ein Schutzflehender und bitte dich um die Heilmittel, die du deiner Schwester
für mich versprochen. Die harte Notwendigkeit zwingt mich, deine Hilfe zu suchen;
verlange, welchen Dank du willst, und wisse, daß du den Müttern und Frauen unserer
Helden, die uns vielleicht schon, am Ufer sitzend, beweinen, durch deinen Beistand
die schwarzen Sorgen zerstreuen und in ganz Griechenland Unsterblichkeit erlangen
wirst.«
Die Jungfrau hatte ihn ausreden lassen; sie senkte ihre Augen mit einem süßen
Lächeln; ihr Herz erfreute sich seines Lobes, ihr Blick erhub sich wieder, die
Worte drängten sich auf ihre Lippen, und gern hätte sie alles zumal gesagt.
So aber blieb sie ganz sprachlos und wickelte nur die duftende Binde von dem
Kästchen ab, das Iason ihr eilig und froh aus den Händen nahm. Sie aber hätte
ihm auch freudig die Seele aus der Brust gegeben, wenn er sie verlangt hätte,
so süße Flammen wehte ihr der Liebesgott von Iasons blondem Haupte zu; ihre
Seele war durchwärmt, wie der Tau auf den Rosen von den Strahlen der Morgensonne
durchglüht wird. Beide blickten verschämt zu Boden, dann richteten sie ihre
Augen wieder aufeinander und schickten sehnende Blicke unter den Wimpern hervor.
Erst spät und mit Mühe hub die Jungfrau an: »Höre nun, wie ich dir Hilfe schaffen
will. Wenn dir mein Vater die verderblichen Drachenzähne zum Säen überliefert
haben wird, dann bade dich einsam im Wasser des Flusses, bekleide dich mit schwarzen
Gewändern und grabe eine kreisförmige Grube. In dieser errichte einen Scheiterhaufen,
schlachte ein weibliches Lamm und verbrenne es ganz darauf; dann träufle der
Hekate ein Trankopfer süßen Honigs aus der Schale und entferne dich wieder vom
Scheiterhaufen. Auf keinen Fußtritt, auf kein Hundegebell kehre dich um, sonst
wird das Opfer vereitelt. Am andern Morgen salbe dich mit diesem Zaubermittel,
das ich hier dir gereicht habe; in ihm wohnt unermeßliche Stärke und hohe Kraft;
du wirst dich nicht den Männern, sondern den unsterblichen Göttern gewachsen
fühlen. Auch deine Lanze, dein Schwert und deinen Schild mußt du salben, dann
Tags: Argonauten, Sagen, Schwab
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