Gustav Schwab - Die Argonautensage
admin am Mrz 29th 2008
Der Traum trieb sie nach dem Gemach ihrer Schwester, aber lange hielt die Scham
sie unschlüssig im Vorhofe, dreimal verließ sie ihn, und dreimal kehrte sie
wieder zurück; und endlich warf sie sich wieder weinend in ihrem eigenen Gemache
nieder. So fand sie eine ihrer vertrauten jungen Dienerinnen. Diese hatte Mitleid
mit der Herrin und meldete der Schwester Medeas, was sie gesehen hatte. Chalkiope
empfing diese Botschaft im Kreis ihrer Söhne, als sie eben sich mit ihnen beriet,
wie die Jungfrau zu gewinnen wäre. Sie eilte in das Gemach der Schwester und
fand sie, die Wangen zerfleischend und in Tränen gebadet. »Was ist dir geschehen,
arme Schwester«, sprach sie mit innigem Mitleid, »welcher Schmerz peinigt deine
Seele? Hat der Himmel dir eine plötzliche Krankheit gesendet? Hat der Vater
über mich und meine Söhne Grausames zu dir gesprochen? O daß ich ferne wäre
vom Elternhaus, und da, wo man den Namen der Kolcher nicht hört!«
Medea verspricht den Argonauten Hilfe
Die Jungfrau errötete bei diesen Fragen ihrer Schwester, und Scham verhinderte
sie zu antworten; bald schwebte ihr die Rede zuäußerst auf der Zunge, bald floh
sie in die tiefste Brust zurück. Endlich machte sie die Liebe kühn, und sie
sprach mit verschlagenen Worten: »Chalkiope, mein Herz ist betrübt um deine
Söhne, es möchte sie der Vater mit den fremden Männern auf der Stelle töten.
Solches verkündet mir ein schwerer Traum; möge ein Gott ihm die Erfüllung verweigern.«
Unerträgliche Angst bemächtigte sich der Schwester: »Eben deswegen komme ich
zu dir«, sprach sie, »und beschwöre dich, mir gegen unsern Vater beizustehen.
Weigerst du dich, so werde ich mit meinen ermordeten Söhnen dich noch vom Orkus
aus als Furie umschweben!« Sie umfaßte mit beiden Händen Medeens Knie und warf
das Haupt in ihren Schoß; beide Schwestern weinten bitterlich. Dann sprach Medea:
»Was redest du von Furien, Schwester? Beim Himmel und der Erde schwöre ich dir:
was ich tun kann, deine Söhne zu retten, will ich gerne tun.« »Nun«, fuhr die
Schwester fort, »so wirst du auch dem Fremdling um meiner Kinder willen irgendeinen
Trug an die Hand geben, jenen furchtbaren Kampf glücklich zu bestehen; denn
von ihm gesendet, fleht mein Sohn Argos mich an, dem Gastfreunde deine Hilfe
zu erbitten.«
Das Herz hüpfte der Jungfrau vor Freuden im Leibe, als sie dieses hörte, ihr
schönes Angesicht errötete, ihr funkelndes Auge umhüllte einen Augenblick der
Schwindel, und sie brach in die Worte aus: »Chalkiope, das Morgenrot soll meinen
Blicken nicht mehr leuchten, wenn dein und deiner Söhne Leben nicht mein erstes
ist. Hast du doch mich, wie mir so oft die Mutter erzählte, zugleich mit ihnen
gesäugt, als ich ein kleines Kind war; so liebe ich dich nicht nur wie eine
Schwester, sondern auch wie eine Tochter. Morgen in aller Frühe will ich zum
Tempel der Hekate gehen und dort dem Fremdlinge die Zaubermittel holen, welche
die Stiere besänftigen sollen.« Chalkiope verließ das Gemach der Schwester und
meldete den Söhnen die erwünschte Botschaft.
Die ganze Nacht lag Medea in schwerem Streite mit sich selbst. ›Habe ich nicht
zuviel versprochen‹, sagte sie in ihrem Innern, ›darf ich so viel für den Fremdling
tun? Ihn ohne Zeugen schauen, ihn anrühren, was doch geschehen muß, wenn der
Trug gelingen soll? Ja, ich will ihn retten; er gehe frei hin, wohin er will:
doch an dem Tage, wo er den Streit glücklich vollbracht haben wird, will ich
sterben. Ein Strick oder Gift soll mich vom verhaßten Leben befreien. - Aber
wird mich dieses retten, wird mich nicht üble Nachrede durchs ganze Kolcherland
verfolgen und sagen, daß ich mein Haus beschimpft habe, daß ich einem fremden
Manne zulieb gestorben sei?‹ Unter solchen Gedanken ging sie, ein Kästchen zu
holen, in welchem heil- und todbringende Arzneien sich befanden. Sie stellte
es auf ihre Knie und hatte es schon geöffnet, um von den tödlichen Giften zu
kosten; da schwebten ihr alle holden Lebenssorgen vor, alle Lebensfreuden, alle
Gespielinnen; die Sonne kam ihr schöner vor als vorher, eine unwiderstehliche
Furcht vor dem Tode ergriff sie; sie stellte das Kästchen auf den Boden. Hera,
die Beschützerin Iasons, hatte ihr Herz verwandelt. Kaum konnte sie die Morgenröte
erwarten, um die versprochenen Zaubermittel zu holen und mit ihnen vor den geliebten
Helden zu treten.
Iason und Medea
Während Argos mit der glücklichen Nachricht zu dem Schiffe der Helden eilte,
als kaum das Morgenrot den Himmel erhellte, war die Jungfrau schon vom Lager
aufgesprungen, band ihr blondes Haar auf, das bisher in Trauerflechten heruntergehangen,
wischte Tränen und Harm von den Wangen und salbte sich mit köstlichem Nektaröl.
Sie zog ein herrliches Gewand an, das schön gekrümmte, goldne Nadeln festhielten,
und warf einen weißen Schleier über ihr strahlendes Haupt. Alle Schmerzen waren
vergessen; mit leichten Füßen durcheilte sie das Haus und befahl ihren jungen
Dienerinnen, deren zwölfe in ihren Frauengemächern waren, schnell die Maultiere
an den Wagen zu spannen, der sie nach dem Tempel der Hekate bringen sollte.
Inzwischen holte Medea aus dem Kästchen die Salbe hervor, die man Prometheusöl
nannte; wer, nachdem er die Göttin der Unterwelt angefleht, seinen Leib damit
salbte, konnte an jenem Tage von keinem Schwertstreiche verwundet, von keinem
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